Paradigmen für die Kunstvermittlung auf der documenta 12
In den letzten Jahren ist in Deutschland eine intensive Diskussion um Kunstvermittlung und um die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Bildung entstanden. Mit einiger Verspätung wird an eine gesamteuropäische Entwicklung angeknüpft, die vor allem aus dem angelsächsischen Raum Impulse erhält. Dass die documenta 12 diese Frage aufgreift, ist ein weiteres Symptom für das wachsende Interesse an dem Bereich. Von dem, was sich an der Kunstvermittlung in der Ausstellung zeigt, sollten nicht nur die BesucherInnen, sondern auch die fachspezifische Debatte profitieren können.
21.11.2006 Pressemeldung documenta und Museum FridericianumDer Zugang zu Kunstinstitutionen und Museen ist bekanntermaßen beschränkt. Der Versuch, Barrieren abzubauen und Zugang zu ermöglichen, ist aber dann problematisch, wenn er vornehmlich auf eine quantitative Publikumserweiterung zielt. Denn dadurch werden Aspekte der Zumutung und des Unvorhersehbaren, die konstitutiv für Bildungsprozesse genauso wie für künstlerische Arbeiten sind, vermieden.
Daher wurden Strategien der Vermittlung entwickelt, die das Wissen der BesucherInnen konstitutiv in die Arbeit der Institutionen einbeziehen. Die Kunstinstitution wird dabei als relationales Gebilde entworfen, welches in vielfältige und komplexe gesellschaftliche Strukturen eingebunden ist. Durchlässigkeit und Zugänglichkeit werden weniger als moralischer Imperativ, sondern als Überlebensnotwendigkeit begriffen. Es geht um eine Weiterentwicklung der Institution, die nicht isoliert ist, sondern nur in Auseinandersetzung mit dem eigenen Umfeld, in einer Suchbewegung nach bereichernden und auch verunsichernden Diskursen und Praktiken möglich ist. Eine Kunstvermittlung, die an dem Wissen der Beteiligten interessiert ist, anstatt sie als Unwissende zu entwerfen, lockert die statischen Positionierungen von Definitionsmächtigen, Ein- und Ausgeschlossenen, Wissenden und zu Bildenden.
Eine so verstandene Kunstvermittlung positioniert sich als kritische Freundin der Institution und der Kunst und entwickelt einen kritisch-konstruktiven Metadiskurs. Dieser betrifft z.B. die Historizität, die Strukturen, die Subtexte und Machtverhältnisse und die möglicherweise divergierenden Interessen und Widersprüche des Schauplatzes und der zur Debatte stehenden Kunst. In dem Bewusstsein der kritischen Freundin ist es notwendig, dass sie ihre eigene Position und ihre Methoden selbst reflektiert und gegenüber den Beteiligten transparent macht. Genau diesen Anspruch hat auch eine zeitgemäße Kunstvermittlung – sie ist selbstreflexiv und sucht Methoden, das Gegenüber an diesem Reflexionsprozess zu beteiligen. Sie macht sich als Vermittlung sichtbar und stellt sich zur Debatte.
Carmen Mörsch
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