ADHS

Remo Largo: Boom bei Ritalin-Vergabe "bedenklich"

(red/pm) Der renommierte Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo wirft Ärzten und Eltern vor, viel zu leichtfertig Kindern das beruhigende Medikament Ritalin zu geben.

07.02.2013 Artikel

"Ritalin ist ein Betäubungsmittel mit erhöhter Rezeptpflicht; wenn es auf der Straße gehandelt wird, gilt das als Delikt. Gleichzeitig wird es, zumeist ohne Notwendigkeit, an Kinder abgegeben. Und das oft ohne eine begleitende Therapie, obwohl die dringend angeraten wäre. Das ist höchst bedenklich!", sagte Largo der ZEIT. Er warnte, wenn sich die Entwicklung fortsetze, "haben wir bald amerikanische Verhältnisse. In den USA gibt es Gegenden, in denen bis zu 30 Prozent der Kinder auf diese Weise ruhiggestellt werden."

Largo kommentierte eine Untersuchung der Barmer Ersatzkassen, wonach die ADHS-Diagnosen um 42 Prozent in fünf Jahren zugenommen hätten. 2011 wurde rund 620 000 Kindern und Jugendlichen ADHS bescheinigt. Diese Diagnose führt oft zur Verschreibung von Ritalin. ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung.

"Was ist denn Hyperaktivität?", fragte der Kinderarzt und fügte hinzu: "Kinder müssen sich bewegen wie alle Jungtiere auch, damit sie sich normal entwickeln können. Deswegen nimmt die motorische Aktivität in den ersten Lebensjahren sehr stark zu, wobei es zwischen einzelnen Kindern große Unterschiede geben kann." Largo kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Länge der Schulstunden: "Wir zwingen die Kinder, die sich aus verhaltensbiologischen Gründen bewegen müssen, dazu, 45 Minuten am Stück still zu sitzen. Kein Pädagoge konnte mir bislang eine Erklärung dafür liefern, weshalb eine Schulstunde von 45 Minuten pädagogisch sinnvoll sei." Die Eltern forderte Largo auf, sich besser um Kinder mit ADHS-Verdacht zu kümmern: "Eltern müssten sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen."


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