Erhebliche Bedenken gegen Fitnesstest
(bikl) Die "Fitnesslandkarte", ein Projekt des niedersächsischen Kultusministeriums gerät immer mehr in die Kritik. Nachdem bereits Sportwissenschaftler der Universität Hannover sportpädagogische Bedenken geäußert hatten, melden sich jetzt auch ihre Kollegen von der Universität Osnabrück zu Wort.
08.12.2005 Artikel"Seit Jahren ist bekannt, dass 15 bis 20 Prozent der Kinder motorische Ungeschicklichkeiten aufweisen. Daher ist es nicht erforderlich, weitere Belege für diesen Sachverhalt zu sammeln. Gut ausgebildete Sportlehrerinnen und Sportlehrer kennen ohnehin die motorischen Stärken und Schwächen ihrer Schülerinnen und Schüler. Bestenfalls sind Stichproben unter repräsentativen Gesichtspunkten hilfreich. Wenn die Diagnose hinlänglich bekannt ist, dann wird die momentane Situation nicht durch zusätzliche Messungen verbessert, sondern in erster Linie durch einen umfangreichen und qualitativ hochwertigen Sportunterricht. Stattdessen wird in Niedersachsen der Sportunterricht in der Grundschule von drei auf zwei Stunden wöchentlich gekürzt und über 50 Prozent des Sportunterrichts an Grundschulen wird von nicht ausgebildeten Sportlehrerinnen und Sportlehrern erteilt. Es drängt sich die Frage auf, wozu der Fitnesstest dienen soll, wenn er nicht zu einer Verbesserung des Schulsports beiträgt?", heißt es in der Erklärung der Osnabrücker Wissenschaftler.
Verfahren ungeeignet
Bedauerlich sei, dass zu dem Test im Vorfeld keine niedersächsischen, sportwissenschaftliche Einrichtungen konsultiert wurden. "Insbesondere an der Universität Osnabrück liegen umfangreiche Erfahrungen zur Konzipierung und Durchführung motorischer Tests vor. Durch Konsultationen hätten einige Fehler, die jetzt mit dem Test gemacht werden, vermieden werden können. Es hätte von Seiten der Sportwissenschaft deutlich gemacht werden können, dass sich die tatsächliche Fitness von Schülerinnen undSchülern nicht mit Hilfe sieben einfacher Übungen messen lässt, die aus einem Fitnesstest stammen, der den wissenschaftlichen Anforderungen an ein standardisiertes Verfahren nicht gerecht wird."
Weder valide noch objektiv
Fitness beinhalte eine physische und psychische Leistungsfähigkeit und setze sich nicht nur aus Armkraft, Beinschnellkraft und Ausdauer zusammen. "Somit ist der Test weder valide, da durch die Übungen nicht die Fitness gemessen wird, noch objektiv, da bei der Durchführung große Abweichungen möglich sind. Nach eigenen Beobachtungen wurden in den Schulen die Tests teilweise verändert, um den Kindern zu starke Misserfolge zu ersparen. Erschwerend kommt hinzu, dass Erstklässler und Schülerinnen und Schüler aus den 10. Klassen den selben Test durchführen sollen", so die Wissenschaftler weiter.
Auf Rumpfbeugen und Klimmzüge reduziert
Spätestens seit Durchführung der PISA-Studien sei bekannt, dass Kompetenzen mit Hilfe von Problemlösungsprozessen und nicht durch das möglichst schnelle Wiederholen von Übungen erworben würden. Durch den Fitnesstest entstehe der Eindruck, dass der Sportunterricht sich auf Rumpfbeugen und Klimmzüge reduziere. In einem zeitgemäßen Sportunterricht hingegen würden neben der Verbesserung der motorischen Leistungsfähigkeit auch Freude am Sport, Sozialverhalten und ein verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen Körper vermittelt. Der Fitnesstest biete dazu keinerlei Anregungen.
"Aus Sicht der Sportwissenschaft sollte aufgrund der verfehlten Zielsetzung, der inhaltlichen und messtechnischen Probleme und des hohen organisatorischen Aufwandes, durch den wertvolle Zeit für den Sportunterricht verloren geht, der Fitnesstest an niedersächsischen Schulen nicht weiter durchgeführt werden. Vielmehr sollten alle Anstrengungen darauf abzielen, den Sportunterricht an den Schulen auszuweiten und inhaltlich zu verbessern. Motivierte Schülerinnen und Schüler würden sich über solche Maßnahmen ebenso freuen wie engagierte Sportlehrerinnen und Sportlehrer und dankbare Eltern", heißt es abschließend.
Lehrer, Eltern und Verbände üben Kritik
Im Rahmen des Projekts "Fitnesslandkarte", das per Erlass vom 7. Oktober 2005 vom Kultusministerium ins Leben gerufen wurde, wird den niedersächsischen Schülern der Schuljahrgänge 1-10 die Teilnahme an einem Fitnesstest verpflichtend vorgeschrieben. Der Test soll einen Fitness-Status-Quo ermitteln, der dann jedes Jahr erneut abgefragt wird. Seit dieses Projekt an den Schulen umgesetzt wird, haben sich Lehrer, Eltern und Verbände zu Wort gemeldet, die den Sinn und die Praktikabilität des Projektes anzweifeln. Einige Eltern verweigern ihre Zustimmung bei der Weitergabe der personalisierten Daten ihrer Kinder.
Siehe auch weitere Beiträge zu
Fitnesslandkarte Niedersachsen unter bildungsklick.de
Keine Kommentare vorhanden