Saarland lässt Tradition der deutschen Schulrede aufleben: Büchner Preisträger Genazino warnt vor wachsender rechter Gewalt
Die besten Abiturienten des Saarlandes hat Kultusminister Jürgen Schreier heute mit ihren Eltern, Lehrern und Schulleitern in die Moderne Galerie des Saarlandmuseums eingeladen. Der Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino hielt eine Schulrede an die Abiturienten. Damit wird im Saarland die Tradition der Schulrede wieder belebt. In den Jahren zuvor hatten Raoul Schrott, Dieter Wellershoff, Guntram Vesper, Herta Müller und Birgit Vanderbeke Schulreden gehalten.
30.06.2005 Saarland Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kultur SaarlandIn seiner Schulrede mit dem Titel "Fühlen Sie sich alarmiert" hat der bekannte deutsche Schriftsteller Wilhelm Genazino deutlich gemacht, dass es Alarmsignale rechter Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland gibt. Er rief die Abiturienten auf, dem energisch entgegenzutreten und die Politik zu zwingen, den Faschismus in der Bierkneipe an der Ecke wahrzunehmen. "Berichten Sie", so Genazino "wo wann und wer den Knüppel gegen wen hebt und heben will. Informieren sie ihre Arbeitskollegen, Mitschüler, Nachbarn und Freunde. Die Öffentlichkeit über die Gewalt muss mindestens so unerträglich werden wie die Gewalt selber".
Mit den Äußerungen von Lafontaine ging Genazino hart ins Gericht. Der Büchner Preisträger sagte wörtlich: "Er hat, offenbar bedenkenlos, gegen ausländische Arbeitnehmer agitiert und mit dem Nazi-Wort "Fremdarbeiter" beleidigt. Besonders zynisch ist die Art, wie sich Lafontaine hinterher herausgeredet hat. Er hat Altgriechisch gelernt, gab er an, und im Altgriechischen bezeichne das Wort 'Xenos' sowohl der 'Fremde' als auch der 'Gast'. Das ist gewiss richtig, aber sollte ein ehemaliger Ministerpräsident, der des Altgriechischen mächtig ist, noch nie etwas vom Wörterbuch des Unmenschen gehört haben? Sollte er nicht gewusst haben, wessen Interessen das Wort 'Fremdarbeiter' heute bedient? Die rechtsradikale Presse jedenfalls hat es sofort gewusst und sich bei Lafontaine bedankt. Rätselhaft ist, dass ihn dieser Dank nicht stört. " Die Schulrede zum Abitur steht in einer langen Tradition. Eine ganze Reihe bekannter Autoren des 18. Jahrhunderts hat solche Ansprachen gehalten, darunter Jean Paul, Johann Gottfried Herder und Friedrich Schiller. Die Adressaten dieser Reden waren üblicherweise die das Gymnasium verlassenden Schüler. "Im Sinne von mehr Allgemeinbildung wollen wir diese Tradition im Saarland wieder aufgreifen und fortsetzen", betonte Minister Jürgen Schreier.
Die Reihe "Abiturreden" wird vom Kultusministerium, dem Saarländischen Rundfunk und der Union Stiftung gemeinsam durchgeführt. Die Schulreden eines jeden Jahrgangs werden beim Gollenstein-Verlag verlegt und sind im Buchhandel erhältlich.
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