Ulmer Fachforum zur Prävention von Kindesvernachlässigung Kinder in Deutschland
Kritik, Forderungen und konstruktive Vorschläge der Experten Ulm (22. Februar 2006). Im deutschen Kinderschutz sind "bedeutende Verbesserungen" dringend notwendig und praktisch auch realisierbar, um solch tragische Fälle von Kindesvernachlässigung und –misshandlung, wie sie jüngst bekannt wurden, zu verhindern. Zu diesem Ergebnis kamen 25 Experten aus Familien- und Sozialrecht, Kinder-, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie, Pädiatrie, Entwicklungspsychologie, Jugend- und Gesundheitshilfe sowie Familienpolitik, die sich in Ulm zu einem Fachforum über Frühprävention im Säuglings- und Kleinkindalter getroffen hatten. Die Expertentagung war von der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie /Psychotherapie in Zusammenarbeit mit der Stiftung Ravensburger Verlag veranstaltet worden.
23.02.2006 Pressemeldung Gemeinnützige Stiftung Ravensburger VerlagFrühwarnsystem: Alle Eltern einbeziehen
"Die Skandalfälle um verhungerte oder schwer misshandelte Kinder offenbaren nur die Spitze eines Eisbergs", schreibt der Ulmer Kinderpsychiater Professor Dr. Jörg M. Fegert in dem Ergebnisbericht. "Oft ist die frühe Bindung der Eltern an ihr Kind missglückt, und niemand hat es rechtzeitig bemerkt und zu verhindern gewusst." Kinderschutz bedeute deshalb vor allem: "frühe und präventive Angebote für alle Eltern ab Schwangerschaft und Geburt". Heutzutage seien die Grenzen zwischen Normalität des Familienlebens, Belastung und Entwicklungsgefährdung fließend. Umso wichtiger sei ein früher, systematischer Kontakt zu Familien, im Sinne eines Frühwarnsystems.
Besondere Risiken beachten
Die ökonomischen, sozialen und beruflichen Lebensbedingungen von Familien können sich rasch und unvorhersehbar verändern. Säuglinge und Kleinkinder sind dann besonders gefährdet: 77 % aller misshandlungsbedingten Todesfälle ereignen sich in den ersten 48 Lebensmonaten eines Kindes. Als Risiken nennt Professor Fegert Armut, fehlende soziale Unterstützung, Isolationsgefühle, eigene Missbrauchserfahrungen, Depressionen, andere psychische Erkrankungen, Alkohol- und Drogenprobleme, ungewollte Schwangerschaft oder niedriges Alter der Eltern.
Fünf-Punkte-Programm
Die Forderungen und Verbesserungsvorschläge der Experten des Ulmer Fachforums wurden folgendermaßen zusammengefasst:
- Entwicklung einer Diagnosesystematik, um es Kinderärzten, Mitarbeitern der Kinderhilfe, Hebammen und anderen Beteiligten zu erleichtern, Gefahren möglichst präzise einschätzen zu können. Professor Fegert: "In Deutschland gibt es bislang keine standardisierten und wissenschaftlich geprüften Verfahren und Vorgehensweisen bei Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung."
- Frühwarnsystem etablieren: Allgemeine Angebote, die sich an alle Familien richten, und Angebote für psychosozial hoch belastete Familien sollten kombiniert werden. Fegert: "Je selbstverständlicher es Kontakte zu allen Familien gibt, desto häufiger werden gefährdete Familien Hilfe tatsächlich annehmen. Es geht in der Frühprävention vor allem darum, elterliche Feinfühligkeit zu fördern. Kinderschutz bedeutet, die elterlichen Beziehungs- und Erziehungskompetenzen zu stärken."
- Klar geregelte Verfahrenswege und Zuständigkeiten: In Deutschland fehlt es oft am Austausch zwischen den medizinischen und sozialen Hilfsstellen; Institutionen kooperieren erst miteinander, wenn es schon fast zu spät ist. Ein bundesweites Kindermisshandlungsregister sollte eingerichtet werden, um gefährdete Kinder, die bereits als Opfer aktenkundig geworden sind, weiter beobachten zu können. Professor Fegert dazu: "Misshandelte oder sexuell missbrauchte Kinder haben ein hohes Risiko, in anderen Betreuungsverhältnissen wieder zum Opfer zu werden, auch in Heimen oder Pflegefamilien."
- Fortbildungsangebote zur praktischen Umsetzung des neuen § 8a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung). Die Kinder- und Jugendhilfe soll jetzt zum Schutz des Kindes nicht nur Beratung und Hilfe anbieten (denn viele Eltern nehmen diese aktiv gar nicht wahr), sondern muss im Krisenfall koordinierter und systematischer intervenieren.
- Bundesweite Forschungsstrategie: Fegert: "Nach wie vor werden ähnliche Angebote oder Forschungsprojekte in gegenseitiger Unkenntnis geplant und finanziert. Überflüssige Ressortgrenzen werden um den Preis enormer Erkenntnisverluste und finanzieller Kosten aufrechterhalten." Deshalb waren die Experten sich einig, dass eine bundesweite Forschungsstrategie benötigt werde, um interdisziplinäre Studien abgestimmt zu planen.
Ansprechpartner
Gemeinnützige Stiftung Ravensburger VerlagPostfach 1860
88188 Ravensburg
Web: http://www.stiftung.ravensburger.de
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