Lehrermangel in Zeiten des Karnevals

Die "5. Jahreszeit" treibt seltsame Blüten. Die Bundesbildungsministerin Dr. Schavan empfiehlt, Top-Leute aus der Wirtschaft sollten in den Schulen unterrichten helfen. Eine Hauptschulrektorin im Rheinland meinte dazu kurz und bündig (im Deutschlandradio am 23.2.2009 – Rosenmontag!), eine solche Äußerung im Karneval zeuge erstens von wenig Sachkenntnis, was eine Lehrkraft in der Schule können müsse, und rücke zweitens das Berufsbild des Lehrers in ein schiefes Licht: Unterrichten, einfach so, könne wohl jeder?

24.02.2009 Artikel
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Dann verkündete irgend ein Spaßvogel aus der Wirtschaft, nur mit einem Abi-Schnitt von 2,2 solle man Lehrer/in werden dürfen – was die zitierte Hauptschulrektorin mit der treffenden Bemerkung kommentierte, der Abi-Schnitt von Politikern sei vielleicht auch aufschlussreich… – Der Beitrag des Münchner Bildungsökonomen Ludger Wössmann zum aktuellen närrischen Treiben ist seine Mitteilung (in der Zeitung steht: "Forschungsergebnis") über die Abi-Durchschnitte von Lehrern und anderen Uni-Absolventen. Hätte er sich nicht lieber für die Abi- und Examensergebnisse von Bankern interessieren sollen?

Seltsam. Früher gingen diese Geschichten immer anders rum. Es gab Leute mit außerordentlichen Lebensleistungen, die gar keine Schule besucht haben (Goethe) oder nur die "Volksschule" (Friedrich Ebert), und auch mäßige Schüler können es später zu was bringen (Otto von Bismarck, Albert Einstein). Hermann Josef Abs (weiland Sprecher der Deutschen Bank) musste aus Geldmangel sein Studium abbrechen. Und was ist überhaupt mit all jenen, die nach dem Krieg den Aufbau mitgeschaffen haben ohne reguläre Schulzeit am Kriegsende und mit "Notabitur", weil sie als Flakhelfer für den "Heldentod" vorgesehen waren? Wer heute mit Durchschnittsnoten argumentiert, der hat anscheinend seinen eigenen geistigen Notstand noch nicht bemerkt, was ja bekanntermaßen leider auch nicht so einfach ist…

Bleibt der harte Kern hinter diesem närrischen Treiben, der gar nicht zum Lachen ist, weil überlastete Lehrkräfte und die junge Generation die Misere ausbaden müssen: der immer größer werdende Lehrermangel in den Naturwissenschaften und vor allem in allen Kreativ-Fächern! Baden-Württemberg hat eine bundesweite Kampagne gestartet, um Lehrkräfte anzuwerben: mit der Lebensqualität des deutschen Südwesten und der umgehenden Verbeamtung (was bares Geld wert ist). Von einer regierungsamtlichen (CDU-)Bildungs- und Schulpolitik, die nicht nur reaktionär und hinter dem Mond ist, sondern dies ganz normal findet, natürlich keine Rede.

Bei mancher Berichterstattung in den Medien kann man den Eindruck haben, der Lehrermangel sei über uns gekommen wie eine unvorhersehbare Naturkatastrophe. Das Gegenteil ist richtig. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Als ich im Jahre 1994 einen Lehrstuhl für (Schul-)Pädagogik an der Universität Ulm übernahm, geschah das mit dem erklärten Ziel, an einer kleinen südwestdeutschen Universität mit einem kleinen Fächerspektrum des Lehramtsstudiums künftiger Gymnasiallehrer (Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik) nach dem Vorbild des "Potsdamer Modells der Lehrerbildung" (das Wolfgang Edelstein und ich zusammen mit Potsdamer Kolleginnen und Kollegen nach der Wende entwickelt hatten) eine praxis- und berufsbezogene Ausbildung für angehende Gymnasiallehrer aufzuziehen. Warum? Das Durchschnittsalter der im Beruf stehenden Lehrkräfte war in groben Zügen bekannt, ebenso die enorme Schwundquote infolge Dienstunfähigkeit ab Mitte 50 (überwiegend wegen Burnout). Der Ersatzbedarf war bezifferbar, ebenso die erforderliche Studien- und Ausbildungsdauer künftiger Gymnasiallehrer: in der Regel sieben bis acht Jahre. Wer gegen den ab 2005 dramatischer werdenden Lehrermangel in den Engpassfächern etwas tun wollte, musste 1995 damit anfangen: eine attraktive eigene Studienordnung fürs Lehramt, eigene Lehrveranstaltungen z.B. für Schulmathematik und Schulphysik, dazu Praktika und die Beschaffung bzw. Qualifizierung des Lehr- und Ausbildungspersonal für all dies!

Zwei Studienseminare (Esslingen und Weingarten) und mehrere örtliche Gymnasien wären die Kooperationspartner gewesen. In Ulm sollte für die hier studierbaren Engpassfächer ausgebildet werden, in Freiburg z.B. hätte es geschehen können für die Musik, in Karlsruhe für Technik, in Tübingen für Sport und Religion, in Mannheim und Hohenheim für Berufsschullehrer, an den Universitäten Heidelberg, Tübingen und Freiburg mit jeweiligen Schwerpunkten für die Philologien usw.

Im Stuttgarter Kultusministerium bekam ich auf meine Frage, wer hier im Hause für die Rekrutierung in den Engpassfächern zuständig sei, zur Antwort, für die Einstellung von Lehrkräften sei der und der zuständig. Ich musste dann erklären, dass man Leute erst mal rekrutieren müsse, ehe man sie einstellen könne. Und dass man da Anreize schaffen müsse, z.B. Stipendien, so wie auch die Bundeswehr ihre Ärzte und Techniker rekrutiert. Dann wollte ich gern die Bedarfszahlen wissen. Aktuelle habe man nicht, denn die Leitung des Hauses – sprich: Ministerin Schavan – wolle sie nicht hören. Und welcher Beamte riskiert durch fortgesetzte missliebige Informationen – die ja im Kern auf Amtsversäumnisse hinweisen! – einen Karriereknick? Also war Weggucken angesagt.

Dann wurde eine Kommission eingerichtet, in der die Vertreter des Kultus- und des Wissenschaftsministeriums nichts Besseres zu tun hatten, als sich gegenseitig zuzuschieben, wer für eine verbesserte Lehrerbildung die Kosten zu übernehmen hätte. Mein zarter Hinweis, das Land habe nur eine Landeskasse und nur einen Haushalt, verfing nicht. Die Landesrektorenkonferenz der Universitäten erklärte der Kultusministerin, man erfülle gern alle ihre Wünsche, wenn sie denn für die materiellen Voraussetzungen Sorge tragen würde: denn Lehrerausbildung sei eine Dienstleistung des Universitäten für die Kultusverwaltung und keine genuine akademische Angelegenheit, weil Universitäten keine Stätten der Berufsausbildung seien. (Was korrekt ist.) Und was tat die Kultusministerin? Zum Entsetzen ihrer Beamten stimmte sie der Umwidmung des einzigen Pädagogik-Lehrstuhls an der Uni Konstanz in die Informatik zu. Das ohnehin winzige Lehrangebot wurde durch Lehrbeauftragte der Pädagogischen Hochschule Weingarten aufrechterhalten (und jetzt durch eine Professur, die der benachbarte Schweizer Kanton Thurgau finanziert).

Aber auch die Fakultäten und die Universitätsleitung in Ulm zeigten kein Interesse am Aufbau eines "Ulmer Modells der Lehrerbildung". Die Kollegenschaft interessierte sich, bis auf einige wenige Ausnahmen, nur für die Diplomstudenten. Die "Lehrämtler" seien nur ein "Kapazitätspuffer" – und so fühlten sich die Studierenden des Lehramts denn auch: als Studis zweiter Klasse, obwohl doch gerade sie mit einem Zweifächerstudium im Vergleich zu den "Diplomern" das anspruchsvollere Studium und den schwierigeren Abschluss absolvierten.

Vor Erreichung der Altersgrenze habe ich mir mein Ruhegehalt ausrechnen lassen und bin meiner Wege gegangen. Ich kann meine geistige Restlaufzeit gescheiter verbringen, denn diesem System ist in diesen Strukturen in Sachen Lehrerbildung nicht zu helfen (und in der Bachelor-Master-Struktur erst recht nicht) – schon deshalb nicht, weil die Wissenschafts- und Kultusminister ihre Amtspflicht, für eine ausreichende Versorgung der staatlichen öffentlichen Schulen mit den zahlenmäßig erforderlichen und kompetenzmäßig hinreichend ausgebildeten Lehrkräften zu sorgen, nach wie vor gröblichst vernachlässigen und den Karren einfach fahren lassen, wo er denn auch hingefahren ist: vor die Wand. Das ganze Gerede von Qualitätsentwicklung und -sicherung an den Gymnasien ist blanke Augenwischerei: Wenn ein Gymnasialdirektor heute eine Stelle ausschreibt, kann er nicht den Bewerbern auf den Zahn fühlen, sondern muss seine Schule in glühenden Farben anpreisen, damit einer der Bewerber auch kommt – denn der Unterrichtsausfall nimmt immer größere Ausmaße an.

Christian Füller (von der taz) hat für die herrschende Bildungs- und Hochschulpolitik eine überaus zutreffende Bezeichnung gefunden, die genau so für die Einführung des 8-jährigen Gymnasiums gilt wie für die derzeitigen chaotischen Verhältnisse beim Bachelor-Master-Studium und für die NC-Hochschulzulassung: organisierte Verantwortungslosigkeit. Und das ist noch gelinde ausgedrückt. Die Verantwortlichen sind entweder überfordert oder blind oder unbelehrbar oder nicht "oder", sondern "und". Wie wäre es mit einer Abwrackprämie?

Zur Person

Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal


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