Gastbeitrag

Wie exzellent ist die Hochschule für angewandte Wissenschaften?

Der Exzellenzbegriff ist gerade mit Bezug auf die Forschung bereits durch die Universitäten belegt. Dies sollte nicht davon abhalten, die Frage nach einem herausragenden Leistungsausweis an jenen Hochschultyp zu richten, der in den letzten Jahren sein 50-jähriges Jubiläum feierte: die Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWs), gestartet 1971 als Fachhochschulen.

23.06.2022 Bundesweit Artikel Frank E.P. Dievernich
  • Eine Wissenschaftlerin schaut in ein Mikroskop. © 2016 Likoper/Shutterstock

Was bedeutet also Exzellenz für diesen speziellen Hochschultyp? Diese Frage in Zeiten eines epochalen gesellschaftlichen Wandels zu stellen – Schlagworte: digitale Transformation, Klimawandel, Migrationsbewegungen, Pandemie –, erscheint zweckmäßig, brauchen wir doch in der Gesamtheit ein exzellentes Wissenschaftssystem, zu dem neben den Universitäten und den außeruniversitären Forschungseinrichtungen eben auch die HAWs zählen. Dabei sind es die HAWs, die mehr denn je einen maßgeblichen Beitrag zur positiven Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaft leisten müssen, verbinden sie doch wie kaum eine andere Institution des Wissenschaftssystems Theorie und Praxis. Nachfolgend soll anhand der Leistungsdimensionen Lehre, Forschung und Transfer gezeigt werden, wo die „Exzellenz” einer HAW verortet sein müsste, soll von ihr ein gewichtiger Impact für die Zukunft ausgehen.

Potenzial der Studierenden heben

Mit der Lehre beginnend, mag es überraschen, dass die HAWs sich zunächst nicht auf die Exzellenz ihrer Studierenden als Eingangsbedingung fokussieren dürfen, sondern auf ihr Potenzial. Menschen, die an HAWs studieren, wollen etwas werden, nicht primär in der Wissenschaft, sondern in den vielfältigen Organisationen unserer Gesellschaft. Sie wollen wissenschaftlich entwickeltes und erprobtes Handwerkszeug aus ihrem Studium mitnehmen, um „die“ Praxis innovativer, ja besser zu handhaben, als sie es ohne dieses wissenschaftliche Reflexionswerkzeug getan hätten. Die Exzellenz, ob es nun das besagte Fachpersonal oder der Entrepreneur ist, wird dann z.B. in Unternehmen unter Beweis gestellt.

Sehr gute HAWs müssen also in der Lage sein, die Potenzialträger unter den vielen Studierenden zu entdecken und sie entsprechend pädagogisch und didaktisch zu fordern und damit zu fördern. Das Grundverständnis der Lehre an einer HAW ist inkludierend und eben nicht exkludierend: Es wird mit den Menschen gearbeitet, die an eine HAW kommen. Sie werden zu einem Abschluss „gecoacht“, so dass sie dann in der Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt, gut ausgerüstet ihren Weg gehen können. HAWs müssen somit die Fähigkeit besitzen, Potenziale zu entdecken und diese dann in entsprechende Weiterentwicklungen zu überführen.

HAWs haben exzellente Arbeit geleistet, wenn sie es schaffen, ihren Studierenden deutlich zu machen, dass in der heutigen Zeit das Studium bloß ein Mosaikstein des jeweils eigenen Lebenslangen Lernens ist. Mit diesem pädagogischen Verständnis der HAWs als „Lernzubringer“ zur nächsten „Wissenstankstelle“ wird verständlich, warum sie die besondere Betreuung in Kleingruppen als Bestandteil einer eher personalisierten Bildung aufrechterhalten müssen. HAWs tragen zum persönlichen Reifeprozess bei, indem sie neben einer umfassenden fachlichen Grundausbildung auf die Persönlichkeitsentwicklung als zentral stabilisierendes Momentum in einer hyperagilen Gesellschaft setzen. Damit stellen sie in der Lehre auch eine Verlängerung all jener weiterführenden Schulen dar, die es aufgrund der gesellschaftlichen Dynamik nicht mehr schaffen, fertig ausgebildete und entwickelte Persönlichkeiten an die „nächsthöhere“ gesellschaftliche Bildungsinstanz weiterzuleiten.

Innovative Formen der Zusammenarbeit

Die Leistungsdimension Forschung und Entwicklung muss an einer modernen HAW auf Augenhöhe mit der Lehre stehen. Nur so ist sichergestellt, dass Absolventinnen und Absolventen befähigt sind, in der Praxis als reflektierte und innovative Praktikerinnen und Praktiker zu wirken. Die Exzellenz einer anwendungsorientierten Forschung, die primär an den HAWs stattfindet, lässt sich daran bemessen, ob sie in der Lage ist, Lösungen für die Praxis zu produzieren. Dabei geht es um jene komplexen Aufgabenstellungen, die vor allem inter- oder transdisziplinär gelöst gehören. Das, was HAWs mit dem kompletten Instrumentarium anerkannter Forschungsmethodik erforschen und entwickeln, findet im Praxiskontext sofort seine Anwendung. Exzellent ist, was sich tatsächlich bewährt und funktioniert. Nicht von ungefähr muss sich die Forschung an einer HAW als verlängerter, intelligenter und innovativer Arm der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen verstehen. Um das zu leisten, müssen in diesem Feld sehr gut aufgestellte HAWs unter dem Stichwort „Partizipativer Transfer“ innovative Formen der Zusammenarbeit mit Unternehmen anbieten. Umgekehrt benötigen sie für ihre eigene Weiterentwicklung Unternehmen als Partner. Gerade Großkonzerne verfügen über ausgeklügelte und technologisch gut ausgestattete Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, deren finanzielle Ressourcen jene von HAWs teils weit übersteigen. Hervorragend aufgestellte HAWs verfügen über solche Ko-evolutionären Kooperationen, von denen beide Seiten profitieren. Das Bund-Länder-Programm FH-Personal, welches innovative Entwicklungswege hin zu einer HAW-Professur fördert, ist ein entscheidender Katalysator, um angehende Professorinnen und Professoren von Beginn an in beiden Welten anteilsgleich zu verankern. HAWs sind dann extrem erfolgreich, wenn sie als „polyphone“ Organisationen wirken: zum einen durch ihre Innovationen, die sie in das Wirtschaftssystem einspielen. Zum anderen durch ihre gleichzeitige Verortung im Wissenschafts- und Erziehungssystem, welches so mit aktuellen Fragen aus der Praxis versorgt wird.

HAWs als Wissenstankstellen für die Gesellschaft

HAWs, die derart in die Praxis der Gesellschaft eingebunden sind, müssen ihre Exzellenz also vor allem im Themenfeld des Transfers ausspielen. Bereits heute dürfen sich aktive HAWs als Transfermeister sehen. Mit Blick auf die Zukunft und die anstehenden Herausforderungen, eine lebens- und zukunftsfähige Gesellschaft zu schaffen, muss dieser Aspekt noch stärker ausgebaut werden. Eine Säule dieser Weiterentwicklung muss in der Weiterbildung liegen. Hervorragende HAWs verstehen sich als „Wissenstankstellen“, die aktuelles Wissen als Weiterbildung in unterschiedlichen Formaten der Gesellschaft anbieten. Wenn sich z.B. das Land, seine Städte und die darin ansässigen Unternehmen im Zuge der Digitalisierung transformieren, dann braucht es Orte wissenschaftlicher Weiterbildung, die die Menschen und Organisationen auf diesem Weg begleiten. So kommen die HAWs auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung einen weiteren, deutlichen Schritt näher. Die Weiterbildung wird für exzellente HAWs zum Vehikel, sich noch stärker in der Gesellschaft zu verankern.

Gerade in Zeiten massiven Wandels, durch die Pandemie nur noch beschleunigt, braucht es agile und zugleich verlässliche, praxisnahe Bildungs- und Forschungspartner. Diese sollten in allen hier aufgeführten Leistungsbereichen Angebote offerieren, um die Gesellschaft mit ihrer Berufspraxis erfolgreich und zukunftsgewandt weiterzuentwickeln und zusammenzuhalten. Wenn das noch mit Kennzahlen in diesen Leistungsdimensionen unterfüttert wird, bekommt die Exzellenz der HAWs bzw. der Weg dorthin ein dokumentierbares und evidenzbasiertes Gesicht.


Dieser Beitrag erschien zuerst in „Die Neue Hochschule“ (DNH) 03/2022



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