Schlechtes Zeugnis für die Bildungspolitik
Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat im Rahmen seiner seit Februar laufenden Grundschulaktion "Starke Grundschule - Unsere Kleinen ganz GROSS" rund 2700 Grundschullehrer/innen nach ihrer Meinung zum neuen Übertrittsverfahren befragt. Die Ergebnisse sind alarmierend: So erkennen 85% der Befragten keine wesentliche Verbesserung in den beabsichtigten Änderungen. 70% glauben, dass sich durch die Maßnahmen die Chancengerechtigkeit nicht erhöhen lässt.
24.03.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.In einer weiteren BLLV-Studie - an ihr beteiligten sich rund 800 Grundschul-lehrer/innen - gaben 80% an, sich "von der Politik nicht unterstützt" zu füh-len. In beiden Befragungen befürwortet eine überwältigende Mehrheit eine längere gemeinsame Schulzeit, von den 2700 Befragten 87% und von den 800 Befragten knapp 90%. "Die Ergebnisse werfen kein gutes Licht auf die bayerische Bildungspolitik", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. "Das zentrale Problem an den Grundschulen ist und bleibt der Übertrittsdruck, daran hat auch die Anfang März von Kultusminister Ludwig Spaenle vorge-stellte Reform nichts geändert. "Wir brauchen grundlegende Reformen" – so lautet die Forderung Wenzels: "Unsere Kinder müssen endlich die Mög-lichkeit bekommen, sich in Ruhe entwickeln und entfalten zu können. Wer die Bildungs- und Beziehungsarbeit in der Grundschule ständig durch fragwürdige Übertrittsprozesse stört, behindert eine erfolgreiche Lern- und Leistungsentwicklung".
"Im Rahmen der BLLV-Grundschulaktion war eine breit angelegte Grundschulbe-fragung zu verschiedenen Themen der Grundschule geplant. Während ihrer Durchführung wurden die Reformvorhaben des Kultusministeriums zum neuen Übertrittsverfahren bekannt. Wir legten eine zweite Befragung nach", informiert Wenzel. "weil wir wissen wollten, wie die bayerischen Grundschullehrer/innen die neuen Übertrittsregelungen bewerten. Die große Resonanz in der kurzen Zeit macht deutlich, wie beherrschend das Thema für die Lehrkräfte ist." "Zusammenfassend lässt sich feststellten, dass der Kultusminister mit den Neu-regelungen zum Übertritt die bayerischen Grundschullehrerinnen und -lehrer nicht überzeugt hat", sagte der BLLV-Präsident. Die vorgestellten Maßnahmen werden weitgehend ambivalent beurteilt: sowohl das Festhalten an den Noten-grenzen für den Übertritt in Gymnasien oder Realschulen als auch die vermeintli-che Stärkung der Entscheidung und Verantwortung der Eltern beim Übertritt.
Zum Thema Schaffung einer Übertrittsphase betonen die Lehrer/innen, dass sie die Eltern immer schon in der 3. Klasse über mögliche Schullaufbahnen informie-ren. Anderseits haben sie große Zweifel, dass die versprochene Durchlässigkeit nach der 5. Klasse möglich sein wird. Die Schaffung einer Übertrittsphase von der 3. bis zur 5. Klasse wird deshalb von drei Viertel der Befragten abgelehnt. Positiv bewertetet wird von 91% der 2700 Befragten lediglich die angekündigte Teilung von Klassen mit mehr als 25 Schülern in einer Förderstunde, auch wenn eine Teilungsstunde in der Woche als viel zu gering angesehen wird.
Die hoch gesteckten Ziele der Neuregelung des Übertritts werden mit dem beschlossenen Bündel von Maßnahmen nicht erreicht. So sind 88% der Meinung, dass die neuen Regelungen nicht dazu beitragen, den Leistungs- und Übertrittsdruck zu reduzieren und 85% sehen nicht, dass mit ihnen den Schülern mehr Motivation und Lernfreude vermittelt werden kann. "Das hat uns nicht überrascht, denn es ist bekannt, dass Schüler, Eltern und Lehrer massiv unter dem Übertrittsdruck leiden", so Wenzel. Er ist für viele Kinder mit immensem Stress ver-bunden, der sich unmittelbar auf ihre Lern- und Leistungsbereitschaft auswirkt.
73% der Befragten sehen nicht, dass die Zuweisung zu den Schularten mit den Neuregelungen leistungsgerechter oder die Schullaufbahnprognose sicher wird (80%). Mehr als zwei Drittel sehen auch nicht, dass die Chancengerechtigkeit verbessert werden könnte. Das Gesamturteil der Grundschullehrerinnen ist für den Kultusminister verheerend: Die Neuregelungen des Übertritts stellen für 85% keine wesentlichen Verbesserung des bayerischen Schulsystems dar. Für sie liegt die Alternative in einer längeren gemeinsamen Schulzeit (87%).
Die Ergebnisse der Befragungen sind ernüchternd: "Wenn Spaenle die Anliegen der Schüler und Lehrer ernst nehmen will, muss er schnell richtige Reformen auf den Weg bringen", forderte Wenzel. Er appellierte an die Politik, die Ergebnisse der BLLV- Befragungen nicht zu ignorieren, zeige sich doch, "dass ganz offen-sichtlich eine breite Mehrheit der dort unterrichtenden Pädagogen mit der derzei-tigen Bildungspolitik nicht einverstanden ist."
Eine ausführlichere Darstellung der Befragung kann abgerufen werden unter: www.grundschule.bllv.de
An der BLLV-Kampagne "Starke Grundschule - Unsere Kleinen ganz GROSS" beteiligen sich Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Erzieher/innen und Eltern aus ganz Bayern. Zahlreiche Aktionen sind in Planung. Ziel ist es, Grundschulen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Infostände, Podiumsdiskussionen, Aktions-tage, Kinderparlamente und vieles mehr stehen auf dem Programm. Bei allen Aktionen werden Unterschriften für eine Petition gesammelt, die im Juli an den Bayerischen Landtag übergeben wird. Eine Liste mit Ansprechpartnern und allen Aktivitäten wird die BLLV-Pressestelle nach den Osterferien an die Presse geben. Infos auch unter www.grundschule.bllv.de.
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