Was zwei Zahlen über Bildungsausgaben sagen – und was nicht
Kindergarten und Gymnasium: Die Ausgaben pro Kind liegen erstaunlich nah beieinander. Doch was sagen diese Zahlen aus? Eine Analyse.
30.09.2026 Bundesweit Artikel PD Dr. habil. Gerhard FriedrichDas Statistische Bundesamt weist für 2022 durchschnittliche Ausgaben von 12.300 Euro je Kind in Kindertageseinrichtungen freier Träger aus. Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich deutliche Unterschiede nach Alter: Für Kinder unter drei Jahren waren es 18.600 Euro, für Kinder zwischen drei Jahren und dem Schuleintritt 10.900 Euro und für Schulkinder unter 14 Jahren in der Hortbetreuung 8.100 Euro.
Für öffentliche Schulen weist das Statistische Bundesamt für dasselbe Jahr nach vorläufigen Ergebnissen durchschnittlich Ausgaben in Höhe von 9.500 Euro je Schülerin und Schüler aus. Auch hier unterscheiden sich die Werte nach Schulart: An öffentlichen Gymnasien waren es 10.500 Euro.
Für ein Kindergartenkind wird demnach ungefähr so viel ausgewiesen wie für einen Gymnasiasten. Sogar etwas mehr.
Sind die Beträge vergleichbar?
Die Kita-Zahl stammt aus einer freiwilligen Erhebung der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Beteiligt waren 3.600 freie Träger mit 9.300 Kindertageseinrichtungen. Die Ergebnisse wurden hochgerechnet.
Die 10.500 Euro für das Gymnasium stammen aus der Finanzstatistik der öffentlichen Haushalte. Erfasst werden Ausgaben für Personal, laufenden Sachaufwand und Investitionen an öffentlichen Schulen, bezogen auf die Zahl der Schülerinnen und Schüler.
Hinzu kommt ein weiterer Unterschied: Die Ausgaben werden unterschiedlich finanziert. Bei den Kindertageseinrichtungen freier Träger stammten 2022 knapp 80 Prozent der Einnahmen aus öffentlichen Mitteln. 20 Prozent entfielen auf private Mittel. Dazu zählen Elternbeiträge einschließlich Verpflegungsgeld sowie Eigenmittel der Träger. Die ausgewiesenen Kita-Ausgaben sind deshalb nicht mit öffentlichen Pro-Kopf-Ausgaben gleichzusetzen.
Die Zahlen stammen also aus unterschiedlichen Statistiken, beruhen auf unterschiedlichen Datengrundlagen und werden unterschiedlich finanziert. Dass die beiden Beträge so ähnlich sind, macht sie noch lange nicht vergleichbar.
Was steckt in den Beträgen?
Bei Kindertageseinrichtungen freier Träger insgesamt entfielen 2022 knapp 80 Prozent der Gesamtausgaben auf Personal, 18 Prozent auf Sachaufwendungen einschließlich Verpflegung und 2 Prozent auf Investitionen.
Bei öffentlichen Schulen insgesamt entfielen 77 Prozent der Ausgaben auf Personal, 14 Prozent auf Sachaufwand und 10 Prozent auf Investitionen. Die Abweichung von 100 Prozent ergibt sich aus der Rundung der Einzelwerte.
Personal bildet in beiden Bereichen den größten Ausgabenposten.
Kindergarten und Gymnasium arbeiten aber unter unterschiedlichen Bedingungen. Betreuungs- und Unterrichtszeiten sowie Personalstrukturen unterscheiden sich. Bei Schulen beeinflussen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes unter anderem Schüler-Lehrer-Relationen, Pflichtstundenzahlen, Besoldungsstrukturen, Investitionen und Gebäudemanagement die Ausgaben je Schüler.
Die Beträge zeigen, wie viel Geld je Kind beziehungsweise je Schüler ausgegeben wird. Wie viel pädagogische Zeit damit für ein Kind zur Verfügung steht, zeigen sie nicht.
Wie viel Personalzeit kommt beim Kind an?
Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ weist für 2025 in Gruppen mit Kindern von drei Jahren bis zum Schuleintritt einen Personal-Kind-Schlüssel von 1 zu 7,3 aus (vgl. Kapitel C3, S. 123–124).
Der Personal-Kind-Schlüssel berücksichtigt die Arbeitszeit des pädagogischen Personals und die vereinbarten Betreuungszeiten der Kinder. Leitungsstunden bleiben unberücksichtigt. Beobachtung und Dokumentation, Elternarbeit sowie Ausfallzeiten durch Krankheit, Fort- und Weiterbildung oder Urlaub werden jedoch nicht herausgerechnet. Der Schlüssel sagt deshalb nicht, wie viele Kinder eine Fachkraft tatsächlich betreut, während sie unmittelbar mit den Kindern arbeitet.
Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung von 2026 nimmt für ihre Berechnungen an, dass rund ein Drittel der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit auf mittelbare pädagogische Arbeit und Ausfallzeiten entfällt. Rund zwei Drittel stehen demnach für unmittelbare pädagogische Arbeit zur Verfügung.
Was sagen die beiden Zahlen?
10.900 Euro und 10.500 Euro sind amtliche Pro-Kopf-Werte. Nur weil die Zahlen ähnlich groß sind, folgt daraus nicht, dass Kindergarten und Gymnasium pro Kopf gleich finanziert sind, und schon gar nicht, dass beide Bildungsbereiche vergleichbar ausgestattet sind.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus zwei Zahlen, die auf den ersten Blick so eindeutig erscheinen: Bildungsausgaben lassen sich in Euro beziffern. Was davon beim einzelnen Kind ankommt, lässt sich daraus nicht ablesen.
Denn Kinder erleben keine Pro-Kopf-Ausgaben. Sie erleben Menschen – und die Zeit, die diese für sie haben.
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