Schulleitung heute

Schulleiter brauchen Visionen

Im Hauptberuf Lehrer und daneben ein paar zusätzliche Verwaltungsaufgaben – dieses Rollenbild vom Schulleiter stimmt schon lange nicht mehr. Heute unterscheiden sich Schulleiter kaum mehr vom klassischen Manager: Sie müssen Budgets planen, Qualitätsmanagement betreiben, Personal führen, Innovationen vorantreiben und ihr "Unternehmen Schule" konkurrenzfähig halten. Und sie arbeiten in einem hochsensiblen Bereich. Schließlich geht es um nichts Geringeres als um die Zukunft von Menschen, nämlich der ihnen anvertrauten Schüler.

20.03.2014 Artikel
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Eine herausfordernde Aufgabe also. Aber auch eine, die begeistern kann. "Ich habe irgendwann gesagt, ich muss gar nicht mehr richtig arbeiten, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe", erzählt Hans-Peter Kirsten-Schmidt, der 21 Jahre lange eine Gesamtschule im hessischen Groß-Gerau geleitet hat. "Es ist ein toller Job! Man hat viel Einfluss, kann viel bewirken. Wenn zum Beispiel ein Lehrer eine neue Idee hat, dann kann ich als Schulleiter ermuntern und sagen: Mach doch mal."

Doch anders als der Manager eines Unternehmens, der nicht auch noch an der Werkbank stehen muss, bleibt der Schulleiter meist ein "Zwitter": Neben seinen Leitungsaufgaben unterrichtet er weiterhin, ist in Grundschulen sogar häufig als Klassenlehrer tätig. "Ich kenne Grundschulleiterinnen, die nehmen das Telefon mit in den Unterricht, auch weil das Sekretariat nur für acht Stunden pro Woche besetzt ist. Also, eine Grundschule zu leiten scheint mir nicht besonders attraktiv", berichtet Kirsten-Schmidt.

"Die reine Leitungszeit kommt oft viel zu kurz und muss auf Kosten der eigenen Ressourcen betrieben werden. Die Herausforderung, beides gut zu machen, führt schnell zur Überforderung beziehungsweise zur Überarbeitung, weil man beiden Aufgaben gerecht werden möchte", bestätigt Prof. Dr. Stefan Seitz. Der Schulpädagoge an der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt befasst sich seit vielen Jahren mit der Schulleitungsforschung. Gemeinsam mit seiner Kollegin Petra Hiebl hat er kürzlich zwei umfangreiche Ratgeber veröffentlicht. Beide fordern, die Leitungszeit für Schulleitungen sollte erhöht werden, um nicht eine Doppelbelastung zu haben, die viele von vorneherein abschreckt. Sie kritisieren auch, dass die Schulleitung im Vergleich mit den "normalen" Lehrkräften kaum finanzielle Entschädigung bekommt. "Der Unterschied zwischen Lehrer- und Schulleitungsgehalt ist hier viel zu gering und baut zu sehr auf den Idealismus des Einzelnen."

Auch wenn es mit der finanziellen Anerkennung und der Stundenentlastung noch hapert, eines scheint bei den Verantwortlichen angekommen zu sein: die Notwendigkeit zusätzlicher Qualifikationen für diese Tätigkeit. In allen Bundesländern gibt es inzwischen Programme zur Qualifizierung von Schulleitungen und von Nachwuchskräften. Auch Angebote wie die Masterstudiengänge "Schulmanagement und Qualitätsentwicklung" an der Kieler Universität oder "Führung und Management in Bildungseinrichtungen" an der TU Dortmund zeigen, dass Schulleitung gelernt werden sollte. Insgesamt reicht das Angebot aber noch nicht aus, erklärt Stefan Seitz. "Man müsste bei den momentan anstehenden Aufgaben die Schulleiteraus- und fortbildung noch viel mehr forcieren. Hier ist es vor allem auch günstig, regionale Netzwerke zu etablieren, um als (neuer) Schulleiter die Möglichkeit zu haben, sich auszutauschen und von den Erfahrungen anderer zu lernen. Ebenso müssen Supervisionsmöglichkeiten angeboten werden. Je mehr Informationen über den Aufgabenbereich und die Gestaltungsmöglichkeiten einer Schulleitung bekannt sind, je besser ausgebildet sich der einzelne Lehrer für diese Aufgabe sieht, desto eher wird er sich hierzu wohl auch entschließen können."

Für Hans-Peter Kirsten-Schmidt greift hier das Stichwort Personalentwicklung. Eine systematische Personalpflege werde nicht betrieben, kritisiert er. Die würde nämlich beinhalten, dass der Schulleiter immer wieder Lehrer ermuntern müsste, eine Leitungstätigkeit auch für sich selbst als Perspektive ins Auge zu fassen. "Doch es bleibt dem Schulleiter überlassen, ob er das macht oder nicht." Diese Personalpflege hat nämlich auch eine zweite Seite, weiß der erfahrene Schulleiter. "Ich ermuntere natürlich nur die besten Kollegen und die übernehmen dann möglicherweise die Leitung einer anderen Schule – und gehen mir verloren." Worauf ein Schulleiter auf jeden Fall achten sollte: die Aufgaben auf viele Schultern zu verteilen. "Es ist nicht nötig, dass die Schulleitung Aufgaben wahrnimmt, nur weil es immer schon so war. Die Stundenplan-Organisation beispielsweise kann auch von anderen Kollegen wahrgenommen werden."

"Eine moderne Schulleitung weiß um den Wert von Teamarbeit und Kooperation", bestätigt Petra Hiebl. "Nur so können die umfangreichen Aufgaben gemeistert werden und weitere Experten im Kollegium in die Organisation der Schule eingebunden werden. Auch hilft ein differenzierter Blick, eigener "Betriebsblindheit" vorzubeugen und im Diskurs produktive Lösungen für die Weiterentwicklung der eigenen Schule zu finden." Zur Erhöhung der Leitungszeit für Schulleitungen gehört für sie auch ein erhöhter Stundenpool, über den eine Schulleitung für "Teamaufgaben" verfügen und die eigene Tätigkeit auf ein Team von motivierten und professionellen Kolleginnen und Kollegen verteilen kann.

99 Tipps für Schulleiter hat Kirsten-Schmidt zusammen mit zwei Kollegen in einem aktuellen Ratgeber zusammengetragen. Die drei wichtigsten sind für ihn: Kommunikation, lebenslanges Lernen und die entscheidende Frage: Was wollen wir erreichen? Gerade den letzten Punkt unterstreicht auch Stefan Seitz: "Schulleiter brauchen Visionen für die eigene Schule und eine Persönlichkeit, die andere gewinnen und überzeugen kann, diese Visionen gemeinsam umzusetzen." "Der Schulleiter müsse eine klare Vorstellung haben, von welcher Schule er träumt, um in den kleinen Alltagsentscheidungen eine Orientierung zu haben", fasst Hans-Peter Kirsten-Schmidt seine Erfahrungen zusammen. "Ich war vorher sieben Jahre Lehrer an einer Schule, die sehr progressiv und mutig war. Das hat mir geholfen, einen inneren Kompass für eine gute Schule zu entwickeln: Eine Schule, an der sich Schüler wohlfühlen, wohin sie jeden Morgen neugierig kommen, wo eine gute Beziehung zwischen Lehrern und Schülern besteht und wo nicht das Pauken im Vordergrund steht, sondern wo es darum geht, intelligentes Wissen zu erwerben."

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