EQR und DQR

Der schwierige Weg zur Vergleichbarkeit von Bildung

So kurz die Bezeichnung, so schwierig die Materie und so vielschichtig die Diskussionen. Es geht um EQR und DQR, den Europäischen Qualifikationsrahmen und den Deutschen Qualifikationsrahmen. Ein Projekt, das verschiedene Gremien auf europäischer und nationaler Ebene bereits seit Langem beschäftigt und das im Jahr 2010 eigentlich entscheidende Ergebnisse vorlegen sollte.

03.01.2011 Artikel
  • © EU

Seinen Anfang nahm der EQR bereits vor zehn Jahren. Im März 2000 nämlich hatte sich der Europäische Rat in Lissabon zum Ziel gesetzt, die Europäische Union zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen und die Modernisierung der Bildungssysteme als einen entscheidenden Schritt dorthin definiert. Im Jahr 2002 haben dann die europäischen die Staats- und Regierungschefs auch einen Termin dafür festgesetzt: Bis zum Jahr 2010 sollte Europa, was die Qualität seiner Bildungssysteme angeht, weltweit führend sein. Drei Jahre später schließlich einigte sich der Europäische Rat in Brüssel auf den Europäischen Qualifikationsrahmen - einen aus acht Stufen bestehenden Katalog, der Bildung europaweit vergleichbar machen soll. Diese acht Stufen reichen von grundlegenden allgemeinen Kenntnissen und Fertigkeiten (Stufe 1) bis zur Beherrschung eines hoch spezialisierten Wissensgebiets (Stufe 8). Die Absicht: Mehr Mobilität in Europa, aber auch mehr Durchlässigkeit zwischen den einzelnen Ausbildungswegen innerhalb der jeweiligen europäischen Staaten. Die Mitgliedsstaaten erhielten die Aufgabe, bis 2010 eigene Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) zu erstellen.

Noch keine Einigkeit

Seit 2007 erarbeitet in Deutschland eine Bund-Länder-Koordinierungsgruppe den DQR, den Deutschen Qualifikationsrahmen. Mit im Boot: das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Kultusministerkonferenz (KMK) sowie Gewerkschaften, Arbeitgeber und Bildungsexperten. Ein erster Entwurf wurde im Februar 2009 veröffentlicht. Anders als ursprünglich vorgesehenpassierte er 2010 nicht mehr alle Gremien. Zwar bezweifelt keiner der Akteure den Stellenwert des DQR, doch kann von Einigkeit noch keine Rede sein.

So kritisieren Berufsverbände und Gewerkschaften, dass die Kompetenzbeschreibungen des DQR der Gleichwertigkeit von allgemeiner, Berufs- und Hochschulbildung nicht Rechnung tragen. "Für uns ist ein ganz zentraler Punkt, dass auch ein beruflich Qualifizierter das höchste Niveau erreichen kann, ohne eine Hochschule auch nur einen Tag von innen gesehen zu haben", betont Hermann Nehls vom DGB-Bundesvorstand. Die vorgesehenen Niveaustufen sechs, sieben und acht dürften nicht nur Akademikern vorbehalten sein.

Vertreter der Wissenschaft hingegen bemängeln, dass die wissenschaftlichen Qualifikationen im DQR nicht angemessen abgebildet werden. "Trotz der grundsätzlichen Gleichwertigkeit von akademischer und nicht-akademischer Bildung darf nicht ihre prinzipielle Andersartigkeit geleugnet werden", erklärte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen. Mit dem Qualifikationsrahmen werde über die Hintertür der Unterschied von beruflicher und akademischer Bildung eingeebnet und den Hochschulen eine neue Klientel zugewiesen.

Wissen und Fähigkeiten müssen erkennbar sein

Etwas moderater hingegen sieht es der Wissenschaftsrat."Wir unterstützen die Absichten und Ziele, die mit diesem bildungspolitischen Instrument verfolgt werden", so Professor Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats. "Wenn wir aus Europa mehr als ein wirtschaftspolitisches Projekt machen wollen, wenn wir Freizügigkeit verwirklichen wollen, dann müssen die Arbeitgeber in allen europäischen Ländern erkennen können, welches Wissen und welche Fähigkeiten mit einem Abschluss verbunden sind, unabhängig davon, wo und wie er erworben wurde." Der Wissenschaftsrat hält es darum für sinnvoll und notwendig, alle Abschlüsse und Qualifikationen, die in Deutschland an Schulen, Hochschulen und in der beruflichen Bildung erworben werden, in Bezug auf die vermittelten Kompetenzen transparenter und damit vergleichbarer zu machen.

Ab 2012 auf den Zeugnissen?

In seiner Stellungnahme hat der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) jetzt, kurz vor Jahreswechsel, gefordert, dass es nicht zu einer niedrigeren Zuordnung der im deutschen Berufsbildungssystem erworbenen Qualifikationen kommen dürfe, die in anderen Mitgliedstaaten vielfach im Hochschulbereich erworben würden. Darüber hinaus dürften "bei konsequenter Beachtung der für die Zuordnung relevanten Kompetenzbeschreibungen die fachgebundene und allgemeine Hochschulreife nicht über die drei- und dreieinhalbjährige Berufsausbildung eingeordnet werden."

Insgesamt, so scheint es, birgt der EQR noch genügend Stoff für Auseinandersetzungen - aber auch für Optimismus. Denn das Bundesinstitut für Berufsbildung geht davon aus, dass sich die Arbeiten am DQR im Jahr 2011 so entwickeln, dass "ab 2012 die jeweiligen EQR/DQR-Niveaus auf den Zeugnissen der relevanten Bildungsbereiche dokumentiert werden können."

Dazu auf der didacta 2011

23.02., 14 Uhr Kompetenzentwicklung und der europäische Bildungsraum für die berufliche Bildung
Marktplatz "Beruf ist Zukunft", Stand 1G76

Informationen zu EQR und DQR gibt es auf den Ständen von

  • Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Halle 7, D 51
  • Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Halle 7, B 59
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Halle 3, E 51 und Halle 3, G 54
  • EU-Kommission Generaldirektion Bildung und Kultur, Halle 7-B 89
  • Marktplatz "Beruf ist Zukunft", Halle 1, G 76

Hintergrund

Die acht Kompetenzstufen des EQR

Stufe 1

Grundlegende allgemeine Kenntnisse und Fertigkeiten sowie die Fähigkeit, in einem strukturierten Kontext einfache Aufgaben unter direkter Anleitung auszuführen. Die Entwicklung von Lernkompetenz erfordert eine strukturierte Unterstützung. Diese Qualifikationen sind nicht berufsspezifisch und werden oft von Personen angestrebt, die noch keine Qualifikation besitzen.

Stufe 2

Ein begrenztes Spektrum an im Wesentlichen konkreten und allgemeinen Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompetenzen. Die Kompetenzen werden in einem angeleiteten Kontext angewandt. Lernende lernen bis zu einem gewissen Grad eigenverantwortlich. Einige dieser Qualifikationen sind berufsspezifisch, die meisten umfassen jedoch eine allgemeine Vorbereitung auf Arbeit und Lernen.

Stufe 3

Eine breite Allgemeinbildung und fachspezifische praktische sowie grundlegende theoretische Kenntnisse; außerdem die Fähigkeit, Aufgaben nach Anweisung auszuführen. Lernende lernen eigenverantwortlich und verfügen über gewisse praktische Erfahrungen in einem spezifischen Arbeits- oder Lernbereich.

Stufe 4

Signifikante fachspezifische praktische und theoretische Kenntnisse und Fertigkeiten. Darüber hinaus die Fähigkeit, fachspezifische Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen anzuwenden, Probleme selbstständig zu lösen und andere zu beaufsichtigen. Lernende lernen selbst gesteuert und verfügen über praktische Arbeits- und Lernerfahrungen in üblichen oder neuen Zusammenhängen.

Stufe 5

Breit angelegte theoretische und praktische Kenntnisse einschließlich Kenntnisse, die für einen spezifischen Arbeits- oder Lernbereich relevant sind. Darüber hinaus die Fähigkeit, Kenntnisse und Fertigkeiten zur Entwicklung strategischer Lösungen für genau definierte abstrakte und konkrete Probleme anzuwenden. Die Lernkompetenz auf dieser Stufe ist Grundlage für autonomes Lernen, und die Qualifikationen stützen sich auf operative Interaktionen in Arbeits- und Lernsituationen einschließlich Personenführung und Projektleitung.

Stufe 6

Detaillierte theoretische und praktische Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen im Zusammenhang mit einem Lern- oder Arbeitsbereich, die teilweise an die neuesten Erkenntnisse im jeweiligen Fachgebiet anknüpfen. Diese Qualifikationen umfassen außerdem die Anwendung von Kenntnissen in den Bereichen Formulieren und Vertreten von Argumenten, Problemlösung und Urteilsfindung unter Einbeziehung sozialer und ethischer Aspekte. Qualifikationen auf dieser Stufe umfassen Lernergebnisse, die für einen professionellen Ansatz bei Tätigkeiten in einem komplexen Umfeld geeignet sind.

Stufe 7

Selbst gesteuertes theoretisches und praktisches Lernen, das teilweise an die neuesten Erkenntnisse im jeweiligen Fachgebiet anknüpft und die Grundlage für eine eigenständige Entwicklung und Anwendung von Ideen – häufig in einem Forschungszusammenhang – darstellt. Diese Qualifikationen umfassen außerdem die Fähigkeit, Wissen zu integrieren und Urteile zu formulieren, die soziale und ethische Fragestellungen und Verantwortlichkeiten berücksichtigen und Erfahrungen mit der Bewältigung des Wandels in einem komplexen Umfeld widerspiegeln.

Stufe 8

Systematische Beherrschung eines hoch spezialisierten Wissensgebiets und die Fähigkeit zur kritischen Analyse und Synthese neuer und komplexer Ideen und die Fähigkeit, substanzielle Forschungsprozesse zu konzipieren, zu gestalten, zu implementieren und zu adaptieren. Darüber hinaus umfassen diese Qualifikationen Führungserfahrung im Bereich der Entwicklung neuer und kreativer Ansätze, die vorhandenes Wissen und die professionelle Praxis erweitern und erneuern.


Weiterführende Links

  • didacta 2011
  • Entwicklung von Nationalen Qualifikationsrahmen in 30 Ländern (EU-Mitgliedstaaten, Island, Norwegen und Türkei) in alphabetischer Reihenfolge (Teil 1)
  • Der Europäische Qualifikationsrahmen
  • Entwicklung von Nationalen Qualifikationsrahmen in 30 Ländern (EU-Mitgliedstaaten, Island, Norwegen und Türkei) in alphabetischer Reihenfolge (Teil 2)

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