Lehrfabriken

Der Weg zum neuen Lernort

Wenn sich Unternehmen zusammentun, um ihre Ausbildung in eine Lehrfabrik auszulagern, bringt das Vorteile. Aber wie funktioniert dieser Prozess? Ein Experte gibt Antworten. Ein Gastbeitrag von Gerhard Hiebert

15.10.2024 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Zwei Auszubildende arbeiten gemeinsam mit einem Ausbilder an einer Maschine. © Adobe Stock

Eine Lehrfabrik ist eine Bildungseinrichtung, die darauf abzielt, Auszubildende und Facharbeiter/-innen in realitätsnahen Produktionsumgebungen aus- und weiterzubilden. Damit ist eine Lehrfabrik zwischen der Ausbildungswerkstatt und der Produktionsstätte angesiedelt. Sie simuliert industrielle Prozesse und ermöglicht den Teilnehmenden, praktische Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Fertigung und Produktion zu sammeln. Dadurch verringert sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, die Absolventen erhalten eine schnellere und gezieltere Ausbildung. Durch den Einsatz moderner Technologien und Maschinen können die Teilnehmenden ihr theoretisches Wissen direkt in die Praxis umsetzen. Lehrfabriken fördern somit die Entwicklung von Fachkompetenzen und bereiten die Teilnehmenden auf die Anforderungen im Betrieb vor. Die Bildungsgänge basieren auf realen Geschäftsprozessen und umfassen die Bearbeitung echter Aufträge von der Planung bis zum Endprodukt.

Je nach Branche kann eine Lehrfabrik eine Prozesskette abbilden, die der Produktion dieser Branche entspricht. Diese Prozesskette umfasst normalerweise die folgenden Schritte:

Gerhard Hiebert

ist Projektingenieur Lehrfabriken beim Bildungsberatungsunternehmen GPDM. Er koordiniert dort unter anderem die Planung von überbetrieblichen Ausbildungszentren.

  • Eingang von Materialien
  • Kontrolle und Einlagerung
  • Zuschnitt für die einzelnen Bearbeitungsschritte (zum Beispiel Sägen, Stanzen, CNC-Fräsen und Drehen, Schweißen, Schleifen, Polieren)
  • Qualitätsprüfung mit Erfassung in ein ERP-System
  • Dokumentation, Montage und Funktionsprüfung
  • Versand der fertigen Bauteile

Anhand dieser einzelnen Schritte können Auszubildende und Umschüler/-innen den Alltag in ihrem zukünftigen Betrieb kennenlernen. Zudem werden an den einzelnen Stationen auch Instandhaltung, Wartung und industrielle Informatik praxisnah abgebildet.

Regional gut vernetzt

Durch eine höhere Qualifizierung der Mitarbeitenden stärken Lehrfabriken die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit der Betriebe. Das verbessert wiederum die Beschäftigungschancen der Mitarbeitenden. Wichtig ist die regionale Vernetzung solcher Einrichtungen: Indem sie mit lokalen Wirtschaftsförderungsgesellschaften, Hochschulen, Arbeitsagenturen und nicht zuletzt Unternehmen zusammenarbeiten, tragen Lehrfabriken zur regionalen Entwicklung bei und stärken kleinere Unternehmen.

Die Schulungen in Lehrfabriken sind branchenspezifisch und individuell anpassbar. Die Lehrfabrik fördert Eigenverantwortung durch Arbeiten in altersgemischten Teams und kleinen Lerngruppen, wobei ein hoher Praxisbezug und reflektiertes Scheitern als Lernmethode eingesetzt werden. Praxisnahe Schulungen sorgen zudem für eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung in den Unternehmen.

Wer sind die Kunden einer Lehrfabrik?

Die Kunden einer Lehrfabrik umfassen:

1. Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe:

Diese Unternehmen wollen selbstbestimmt ausbilden, können oder wollen dies aber nicht intern leisten. Durch die Nutzung der Lehrfabrik können sie sicherstellen, dass ihre Auszubildenden zu einem festen und damit planbaren Betrag praxisnah und auf höchstem technischem Niveau ausgebildet werden.

2. Bildungseinrichtungen:

Schulen und Hochschulen, die sich dem technologischen Fortschritt entsprechend positionieren möchten, können durch die Zusammenarbeit mit einer Lehrfabrik ihr Angebotsportfolio erweitern und ihren Lernenden praxisorientierte Lernmöglichkeiten bieten.

3. Kammern und Verbände:

Handwerkskammern sowie Industrie- und Handelskammern können ihren Mitgliedern ein technisch modernes Ausbildungsangebot bieten, das auf die aktuellen Bedürfnisse der Industrie zugeschnitten ist.

Phasen der Entwicklung

Der Aufbau und die Entwicklung einer Lehrfabrik erfolgen in drei Phasen:

Phase A: Analyse und Planung

In dieser Phase wird untersucht, ob und in welchem Bereich eine Lehrfabrik sinnvoll ist. Im handwerklichen und industriellen Gewerbe kommen zum Beispiel Holztechnik, Elektrotechnik, Blechverarbeitung, Instrumentenfertigung, Wartungstechnik und industrielle Informatik infrage. Teilnehmende Unternehmen können in den Bereichen Kunststoff, Metall, Holz und sogar der Textilindustrie tätig sein.

Diese Phase umfasst eine Vorstudie zur Ermittlung der Voraussetzungen für ein Ausbildungsnetzwerk, den Entwurf einer Lehrfabrik sowie die Erstellung eines Konzeptes als Entscheidungsvorlage für den Auftraggeber. Die Prozesskette wird grob ermittelt, um eine erste finanzielle Einschätzung über die benötigten Mittel zu haben. In dieser Phase ermitteln die Initiatoren auch Fördermöglichkeiten und prü- fen, wie die Partnerbetriebe eingebunden werden sollten. Zeigen diese Planungen passende Voraussetzungen zur Umsetzung, geht es in die nächste Phase.

Phase B: Umsetzung und Aufbau

Diese Phase umfasst den Weg von der Umsetzung der Vorstudie bis zur Eröffnung der Bildungsstätte. Dies beinhaltet die Planung und Anschaffung der notwendigen Maschinen und Ausrüstungen, die Gestaltung der Lernmodule und die Ausbildung der Trainerinnen und Trainer. Dafür ermitteln die Initiatoren in Absprache mit Betrieben der Branche den genauen Bedarf für die einzelnen Prozessschritte, die in der Lehrfabrik umgesetzt werden. In dieser Phase werden auch die Anträge für die Finanzierung der Lehrfabrik gestellt, die Verträge mit den Partnerbetrieben abgeschlossen und die Rechtsform der Lehrfabrik beschlossen. Diese kann als eingetragener Verein oder auch als Genossenschaft erfolgen.

Phase C: Etablierung und Weiterentwicklung

In der abschließenden Phase erfolgt die Etablierung und Integration der Bildungsstätte in der Region. Auch nach dem Start der Lehrfabrik erweitern die Projektpartner das Leistungs- und Qualifizierungsangebot fortlaufend und entwickeln neue Konzepte. Um sicherzustellen, dass die Ausbildungsinhalte stets den aktuellen Anforderungen entsprechen, arbeitet die Lehrfabrik eng mit den regionalen Unternehmen zusammen. Durch feste Feedbackschleifen erfolgen kontinuierlich Verbesserungen und Anpassungen.

Neue Technologien frühzeitig testen

Eine Lehrfabrik bietet neben den genannten Vorteilen auch die Möglichkeit, Innovationen und neue Technologien frühzeitig zu integrieren und zu testen. So können Unternehmen prüfen, wie sie ihre Produktionsprozesse verbessern können, ohne selbst große Investitionen tätigen zu müssen. Darüber hinaus fördert eine Lehrfabrik den Austausch zwischen den Betrieben und den Bildungseinrichtungen, was zu einer verbesserten Zusammenarbeit und einem stärkeren Netzwerk führt. Durch die enge Kooperation mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen fließen zudem neue Forschungsergebnisse direkt in die Ausbildung ein.

Lehrfabriken dienen darüber hinaus nicht nur der Ausbildung, sondern auch der beruflichen Weiterbildung. Da sich gerade in Industrie und Handwerk durch technologischen Wandel und die Digitalisierung die Anforderungen für Fachkräfte schnell verändert, ist dies besonders wichtig. Facharbeiter können sich in der Lehrfabrik gezielt weiterbilden, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten an die neuesten Entwicklungen anzupassen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 3/2024, S. 24-27, www.bildungspraxis.de


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