Made in Germany

Duale Ausbildung – woran der Export scheitern könnte

(az) Unkenrufe hatten die duale Ausbildung schon vor dem Aus gesehen – zu altmodisch für den globalisierten Arbeitsmarkt. Doch nun lebt die Totgesagte auf. Die Ausbildung "made in Germany" ist ein Exportschlager – auch im krisengeschüttelten Spanien. Zu Recht?

21.11.2013 Artikel
  • © bikl.de

Gewöhnlich hocken die jungen Spanier bei ihrer Ausbildung den ganzen Tag in der Schule. Erst in den letzten Wochen werden sie in den Betrieben angelernt, wo sie vielfach als Hilfsarbeiter benutzt werden. Weil ihre Arbeit nicht vergütet wird, bleiben viele im "Hotel Mama".

Doch Daniel geht nicht den leichten Weg. Der Sohn eines Spaniers und einer Deutschen absolviert eine duale Ausbildung zum Industriekaufmann bei Mercedes-Benz in Madrid. Es sind die praktischen Probleme im Betrieb, die ihn anspornen, wo er auch die meiste Zeit verbringt. Um auf einen sicheren Job zuzusteuern, nimmt Daniel auch in Kauf, dass er zwei Jahre lang von 8:30 bis um 15:00 Uhr zur Berufsschule muss. Handelslehrer unterrichten den Stoff auf Deutsch – nach deutschen Lehrplänen.

Mehrere Wochen Theorie, dann folgt wieder ein Block Praxis im Betrieb, wo man allerdings Spanisch spricht. "Es scheint mir, dass meine spanischen Freunde nicht so viel arbeiten wie ich, und die Berufsschule ist bei ihnen viel theoretischer und oberflächlicher", sagt Daniel. Was in Deutschland sonst drei Jahre dauert, wird in Madrid allerdings in nur zwei Jahren durchgezogen.

Mittlerweile hat Seat 2012 als erstes spanisches Unternehmen das duale System eingeführt. Voraussetzung war eine Arbeitsmarktreform der Regierung: "Denn erst jetzt haben Unternehmen im Land die Möglichkeit, Auszubildende stark in die Arbeit im Betrieb einzubinden. Bislang war das spanische Ausbildungssystem sehr verschult", schreibt die FAZ. Die spanische Regierung hat angekündigt, das duale System nun im ganzen Land einzuführen. Das Strickmuster für diese Form der Ausbildung kommt aus Deutschland. Maßgeblich ist das Berufsbildungsgesetz von 1969.

"… ein echter Exportschlager"

"Das deutsche System der dualen Berufsausbildung entwickelt sich zu einem echten Exportschlager", sagt Außenminister Guido Westerwelle auf einer Konferenz im Jahr 2013. Das System der dualen Berufsausbildung sei ein Garant für gut ausgebildete Fachkräfte und geringe Jugendarbeitslosigkeit. In Deutschland sind trotz Krise nur rund sieben Prozent der Jugendlichen arbeitslos geblieben.

Infolge der Finanzkrise stieg die Jugendarbeitslosigkeit in Europa im Durchschnitt auf 23 Prozent an. In Spanien liegt sie bei 56 Prozent und beim neuen EU-Mitglied Kroatien bei 52 Prozent. An der Jugendarbeitslosigkeit droht auch der europäische Traum vom Wohlstand zu zerschellen. Die Hoffnungen ruhen nun auf der dualen Ausbildung. "Das Modell der Vollzeitschule hat keine Zukunft, weil es am Markt vorbei ausbildet", meint Steffen G. Bayer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

80 Kammern übertragen Fachwissen

Angesichts der hohen Nachfrage hat das Bundesbildungsministerium bereits mehr als 40 zwischenstaatliche Kooperationsvereinbarungen abgeschlossen – von Algerien über Griechenland, Spanien und Portugal bis hin zu den USA. Und um die internationalen Tätigkeiten zu koordinieren, hat der Bund eine Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperationen gegründet.

Ferner sind rund 80 Außenhandelskammern dem Bund behilflich, Know-how ins Ausland zu übertragen. Die "Asociación Hispano-Alemana de Enseñanza Técnica (ASET) hat schon vor 30 Jahren gemeinsam mit der deutschen Auslandshandelskammer die duale Ausbildung zum Industriekaufmann und zum Logistikkaufmann in Spanien eingeführt. Viele der früheren 2.000 ASET-Schüler bekleiden heute Führungspositionen in Unternehmen. Doch gelingt der Export auch in andere Länder?

Woran der Export scheitern könnte

"Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des dualen Systems sind die gesetzlichen Regelungen. So regelt das Berufsbildungsgesetz eine ganze Reihe von Sachverhalten", erklärt Holger Seibert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Es regelt etwa, dass jeder Ausbildungsberuf – in Deutschland gibt es rund 350 Ausbildungsberufe – einer Berufs- und Ausbildungsordnung bedarf, in der die Inhalte festgelegt werden, die national gelten. Und ohne ein "überwachendes" Kammersystem etwa mit den Industrie- und Handelskammern funktioniert die duale Ausbildung schon gar nicht. Das alles aufzubauen kostet Zeit und Geld. Viele Länder in Europa sind noch nicht so weit. "Meine persönliche Prognose: Es wird eher schwierig, das deutsche System zu importieren, da es vielen Ländern vermutlich nicht gelingen wird, die institutionellen Rahmenbedingungen zu installieren. Auch mangelt es am Vertrauen der Arbeitgeber und ihrer Bereitschaft, in die Ausbildung zu investieren", so Seibert.

250 Berufe reichen

Fraglich ist auch, ob das Erfolgsmodell nicht selbst überholt werden muss. "Deutschland hat Innovationsbedarf. Das fängt schon mit einem Konzept einer modernen Beruflichkeit an" erklärt Felix Rauner, Leiter der Kommission des internationalen Forschungsnetzwerks innovative Berufsbildung von der Universität Bremen. Deutsche Jugendliche hätten ein zu geringes "Identifikationspotenzial" – ein wichtiges Kriterium für attraktive Berufe, Voraussetzung dafür, dass Jugendliche im Beruf alles aus sich herausholen und Verantwortung übernehmen. "Nicht gelungen sind alle Berufe, die nur zweijährig angelegt sind, weil dort das Identifikationspotenzial der Jugendlichen geringer ist", so Rauner. Ein Beispiel dafür ist der Beruf des Metallbauers.

Moderne Berufe seien breitbandig angelegt und ermöglichten es, dass die Jugendlichen die Zusammenhänge verstehen, in denen sie arbeiten. Sie bewährten sich auch angesichts der Globalisierung, weil sie international ausgerichtet seien. "Kernberufe erhöhen die Mobilität der Fachkräfte und die Flexibilität des Arbeitsmarktes." Nach diesem Konzept könnte man die Zahl der Ausbildungsberufe auf etwa 250 verringern. Es würde die Übersicht über den Dschungel der Ausbildungsberufe erhöhen.

Vorbild für Rauner ist die Schweiz mit rund 200 Lehrberufen: "Wenn es nicht gelingt, einen internationalen Lernprozess zu initiieren, in dem die Beispiele von guter und bester Ausbildungspraxis den Weg für Innovationen zeigen, dann dürfte es mit der Renaissance der dualen Berufsausbildung bald vorbei sein."

Duale Ausbildung:

Bei der dualen Ausbildung besuchen Jugendliche neben der Anleitung im Betrieb an einen oder zwei Tagen in der Woche die Schule. Möglich ist es auch, Jugendliche mehrere Wochen im Betrieb anzuleiten und die Theorie im Blockunterricht durchzunehmen.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 61


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