Individuelle Lernreise und KI: Betriebliche Weiterbildung NextGen
Die digitale Transformation bewältigen und den Fachkräftemangel kompensieren: Für Unternehmen ein schwieriger Spagat. Markus Dohm und Hans-Bjoern Glock von der TÜV Rheinland Akademie erklären, wie es mit dem Konzept der Lernreise und KI noch besser funktioniert.
10.05.2023 Bundesweit Pressemeldung TÜV Rheinland AkademieRoboter, Künstliche Intelligenz (KI), Maschinenlernende Systeme oder smarte Software entlasten Beschäftigte von repetitiven Aufgaben und schaffen für Mitarbeitende neue Chancen. Vorausgesetzt, sie verfügen über das dafür erforderliche Know-how sowie die benötigten Kompetenzen, neudeutsch: Digital Readyness. Gemeint ist damit die Kompetenz, digitale Technologien zu nutzen, und zwar unabhängig von Branchen und Sparten. Denn während die Digitalisierung zunächst vorwiegend einfache Tätigkeiten veränderte, stehen inzwischen auch Jobs im mittleren Bildungsniveau vor großen Umwälzungen.
Die Bertelsmann-Stiftung mahnte vor kurzem an, die berufliche Weiterbildung kontinuierlich auf die Bedarfe am Arbeitsplatz abzustimmen. Studien bestätigen, dass viele Personaler:innen derzeit keine Strategie zur gezielten Entwicklung digitaler Kompetenzen in der Schublade haben. Neuesten Umfragen zufolge will sogar jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) seine Anstrengungen in Qualifizierung und betrieblicher Weiterbildung zurückschrauben. Dabei sind gerade jetzt mehr Investments erforderlich, um Mitarbeitende bestmöglich auf die Zukunft der Arbeit vorzubereiten.
Hohe Motivation zum Lebensbegleitenden Lernen
Immerhin stehen die Mitarbeitenden vielerorts bereits in den Startlöchern. Nach einer Studie der Internationalen Hochschule (IU) ist für neun von zehn (88,7 Prozent) der befragten Berufstätigen lebenslanges bzw. lebensbegleitendes Lernen elementar, sowohl mit Blick auf den Betrieb als auch für die persönliche Entwicklung. Dementsprechend hoch ist die Motivation: Mehr als drei Viertel möchten sich persönlich weiterbilden, nahezu 90 Prozent eine betriebliche Weiterbildung absolvieren.
Empowerment durch die individuellen Lernreise
Die maßgeschneiderte Lernreise ist die optimale Basis für nachhaltiges Lernen. Sie stellt den Einzelnen mit seinen individuellen Bedürfnissen und Lernstilen in den Mittelpunkt und das für sein gesamtes Leben. Statt vorgefertigte Weiterbildungsmaßnahmen ohne erkennbare Ziele zu absolvieren, haben Mitarbeitende mit der Lernreise die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Kursformate oder Seminare für sie relevant sind. Diese Herangehensweise bietet zahlreiche Vorteile: Beschäftigte können ihr Wissen und ihre Fähigkeiten gezielt auf ihre individuellen Bedürfnisse und Anforderungen ihres Arbeitsplatzes ausrichten. Durch die aktive Beteiligung entsteht Transparenz bezüglich der Lernziele und Anforderungen der Lernsequenzen. Menschen können Veränderungen im Berufsleben damit selbstbestimmt angehen - was zu einem nachhaltigen Lernprozess führt.
Unternehmen profitieren von einer qualifizierten und motivierten Belegschaft, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellt. Ein weiterer Pluspunkt individueller Lernreisen ist, dass Menschen neu erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten direkt in der Praxis umsetzen und sich das neue Know-how dementsprechend besser im Gehirn verankert.
Um das Rüstzeug für die individuelle Digitalisierungs-Lernreise zusammenzustellen, müssen zunächst Start- und Zielposition bekannt sein. Denn auch wenn digitale Kompetenzen künftig in so gut wie allen Arbeitsbereichen unverzichtbar sein werden, benötigt etwa ein Finanzbuchhalter ganz andere digitale Fähigkeiten als jemand in der Fertigung. Entsprechend wichtig sind tätigkeitsorientierte Kompetenzmodelle zu entwickeln, die erforderliche Skills für das jeweilige Arbeitsfeld bündeln und neben fachlichen Aspekten auch die Bereiche Lern- und Veränderungsfähigkeiten berücksichtigen, damit der Aus- und Aufbau digitaler Fertigkeiten überhaupt gelingen kann.
Idealerweise erhalten die Beschäftigten auf ihrer Lernreise eine passgenaue Lernbegleitung, die insbesondere bei stark online-basierten Lernreisen oder bei lernungewohnten Mitarbeitenden ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg ist und die Menschen darin unterstützt, die Fähigkeit zum Lernen zurückzugewinnen und sich die Qualifizierung und ihre persönlichen Lernziele effektiv zu erarbeiten.
APOLLO – endlich Durchblick im Weiterbildungsdschungel
Die Definition der Augangsposition und die Definition der Lernziele ist die Ausgangsbasis, im zweiten Schritt gilt es, aus der schieren Masse der Qualifizierungsmaßnahmen das passende Angebot herauszufiltern. Allein in Deutschland gibt es 25.000 Weiterbildungsanbieter und über 160.000 zertifizierte Weiterbildungsangebote. Genau hier setzt das gemeinsame Projekt der Hochschule der Bayerischen Wirtschaft, der Bertelsmann Stiftung, des Bildungswerks der Bayerischen, der Baden-Württembergischen Wirtschaft und der TÜV Rheinland Akademie an. Es wird im Rahmen des Innovationswettbewerbs Digitale Plattform berufliche Weiterbildung (INVITE) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und beschäftigt sich mit der Entwicklung einer AI-basierten, Plattformübergreifenden cOmpanion-App für Lebenslange Lern-Optimierung (kurz: APOLLO).
Das Ziel: bis 2024 eine intelligente App bereitzustellen, mit denen sich Beschäftigte ihre individuelle Lernreise mit wenigen Fingerstrichen passgenau zusammenstellen können. Der smarte Weiterbildungsassistent erstellt anhand vorhandener Informationen aus Zeugnissen oder Lebensläufen zunächst ein individuelles Kompetenzprofil der Nutzer:in und schlägt daraufhin geeignete Angebote vor, um die individuelle Lernreise zu gestalten. Mithilfe bild- und videogestützter digitaler Assessments lassen sich persönliche, soziale und digitale sowie Berufsfachliche Skills mit wenigen Fingerstrichen erfassen und einordnen.
Die App matcht anschließend das jeweilige Kompetenzprofil mit geeigneten Weiterbildungsangeboten, aus denen der Nutzer anschließend die gewünschten (Online-)Kurse und Seminare eigenständig auswählen kann. Das versetzt Mitarbeitende in die Lage, ihre berufliche Entwicklung mittel- bis langfristig eigenständig und selbstbestimmt zu planen. Positive Nebeneffekte: Die Weiterbildungsquote steigt, Personaler werden entlastet, Qualifizierungsangebote nach dem Gießkannenprinzip sind Schnee von gestern. Denn mit Lernreise und APOLLO werden nur noch die Kurse gebucht und besucht, die für den jeweiligen Mitarbeitenden echten Mehrwert bieten.
Betriebe, die die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeitenden in den Fokus stellen und die Beschäftigten aktiv in die Gestaltung ihrer eigenen Karriereplanung einbinden, haben erfahrungsgemäß wesentliche Vorteile – nicht nur beim Recruiting, sondern auch bei der Zukunftssicherung des Unternehmens. Interessant ist diese Kombination auch für Unternehmen, die keine eigene permanente Personalentwicklung unterhalten, so aber trotzdem proaktives und mitarbeiterzentriertes betriebliches Talentmanagement betreiben können.
Belegschaft vorausschauend entwickeln – auch mit kleineren Budgets
Noch ein Tipp: Unternehmen, die zwar einen hohen Qualifizierungsbedarf haben, aber über eher kleinere Personalentwicklungsbudets verfügen, ist eine Beratung von so genannten AZAV-zertifizierten Trägern zu empfehlen. Der Staat fördert anteilig sowohl Personalentwicklung als auch Arbeitsentgelte.
Ansprechpartner
TÜV Rheinland AkademieTobias Kirchhoff
Konstantin-Wille-Straße 4-6
51105 Köln
E-Mail: tobias.kirchhoff@de.tuv.com
Web: http://www.akademie.tuv.com/
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