Azubis aus dem Ausland

"Wir wollen weiterhin junge Europäer ausbilden"

(red) Deutschland geht der Fachkräftenachwuchs aus, während Jugendliche im europäischen Ausland händeringend nach einem Ausbildungsplatz suchen. Zwei Probleme, für die es möglicherweise eine Lösung gibt? Immerhin will das Bundesarbeitsministerium mit einem Sonderprogramm europäische Jugendliche unterstützen, die in Deutschland eine Lehre machen. Der Verband der Stuckateure in Baden-Württemberg hat nicht lange gezögert und an diesem Programm teilgenommen. Jetzt werden im Ländle spanische Jugendliche zu Stuckateuren ausgebildet. Über die Erfolge, aber auch Hürden und Probleme sprachen wir mit Markus Eberlein vom Fachverband der Stuckateure Baden-Württemberg.

29.01.2014 Artikel
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Herr Eberlein, seit geraumer Zeit wachsen die Klagen über den Fachkräftenachwuchs. Die Stuckateure in Baden-Württemberg wollten es jedoch nicht beim Klagen belassen, sie haben nach Lösungen gesucht – in Spanien. Was genau haben Sie gemacht?

Markus Eberlein: Nur zu klagen ist nicht unsere Sache. Wir haben einmal den Bedarf bei unseren Mitgliedsbetrieben gesehen, zum anderen aber auch die Not, insbesondere bei den jüngeren Menschen, in Ländern Südeuropas. Daher haben wir Kontakte geknüpft zu einer Sprachschule in Madrid und zur Deutschen Handelskammer für Spanien (AHK). Gemeinsam haben wir uns zum Ziel gesetzt, so viele junge Spanier von einer Ausbildung zum Stuckateur-Facharbeiter zu begeistern, dass wir eine komplette "Klasse" einrichten können. Wir haben uns hier in Deutschland um Stuckateur-Fachbetriebe bemüht. In kürzester Zeit hatten wir über 20 Betriebe zusammen, die sich bereit erklärt haben, einen oder zwei junge Spanier auszubilden.

Wie viele Jugendliche hatten sich beworben? Wie viele sind dann gekommen und wie viele sind bisher geblieben?

Markus Eberlein: Wie viele Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene sich tatsächlich in Madrid beworben haben – die AHK hat vor Ort das erste Auswahlverfahren durchgeführt – kann ich Ihnen gar nicht genau sagen. Schlussendlich kamen 32 junge Spanier im April 2013 zu einem zweitägigen "Assessment-Center" in unser Schulungs- und Ausbildungszentrum in Leonberg beziehungsweise Rutesheim. Danach gingen 29 Interessierte in Madrid in den zweimonatigen Sprachkurs. Im Juli 2013 kamen dann 26 Jugendliche zu einem einmonatigen Praktikum in unsere Betriebe. Am Ende des Praktikums interessierten sich noch 18 Teilnehmer ganz konkret für einen Lehrvertrag, 15 Lehrverträge wurden dann tatsächlich abgeschlossen. Aktuell sind es leider nur noch neun spanische Auszubildende in der eigens eingerichteten Sonderklasse – aber die sind sehr engagiert und motiviert.

Eine Begeisterung für Europa wehte durch die Räume

Welche Erfahrungen haben Sie insgesamt gemacht und was können sie anderen Ausbildungsbetrieben oder Verbänden raten?

Markus Eberlein: Ganz ehrlich – wir sind mit unserer Initiative einfach einmal ins kalte Wasser gesprungen und losgeschwommen. Es waren tolle Momente dabei, zum Beispiel während des Assessment-Centers im April 2013. Da ist tatsächlich so etwas wie "Begeisterung für Europa" durch die Räume geweht. Es gab auch sehr schwierige Momente, Missverständnisse, ein teils nicht ganz nachvollziehbares Anspruchsdenken und enttäuschte Erwartungen, auf beiden Seiten. Was Anfang / Mitte 2013 auch noch gar nicht rund lief, war die Abwicklung der finanziellen Zuschüsse für die Spanier durch die Zentrale Auslandsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Dies dürfte aber inzwischen deutlich besser laufen. Ganz wichtig ist aus unserer Sicht, dass die jungen Menschen genau wissen, auf was sie sich da einlassen. Dazu gehört, dass sie den ausgewählten Beruf tatsächlich auch erlernen wollen. Diese Sicherheit kann man – meinen wir – eigentlich nur durch eine längere Praktikumsphase machen, vielleicht sogar, bevor man überhaupt die Sprachkurse im Heimatland belegt. Denn: Wenn ich weiß, dass ich das wirklich will, und dass ich definitiv mindestens drei Jahre nach Deutschland gehe, dann werde ich auch den Sprachkurs mit viel mehr Zielstrebigkeit durchziehen!

Privater Familienanschluss und gemeinsame Unternehmungen

Wird den Jugendlichen spezielle Unterstützung angeboten, etwa bei der Unterbringung oder noch wichtiger: in der Berufsschule?

Markus Eberlein: Selbstverständlich. Unsere Betriebe haben sich mit sehr großem Engagement um die spanischen Praktikanten – und jetzt um die spanischen Azubis – bemüht. Damit meine ich beispielsweise persönlichen, privaten Familienanschluss, gemeinsame Unternehmungen am Wochenende, das Organisieren einer Wohnung, und natürlich auch finanziell. Auch die Berufsschule und unsere Überbetriebliche Ausbildungsstätte, die ÜbA, bemühen sich sehr. Die Spanier erhalten unter anderem zusätzlichen Deutschunterricht.

Wie sieht es mit Unterstützung durch die Bundesregierung aus?

Markus Eberlein: Wir haben – für die jungen Spanier – das Förderprogramm der Bundesregierung "MobiPro EU" genutzt. Wobei ich klarstellen muss, dass nicht wir als Verband durch dieses Programm finanziell gefördert wurden, sondern ausschließlich die jungen Menschen aus Spanien. Hier gab es vielfältige Pauschalen für An- und Abreise, der Sprachkurs im Heimatland wie auch der ausbildungsbegleitende Sprachkurs werden bezahlt und die Ausbildungsvergütung wird aufgestockt. Eine sehr großzügige Unterstützung.

Werden Sie in diesem Jahr erneut ein solches Projekt angehen?

Markus Eberlein: Unser erster Versuch 2013 hat viel Zeit und Kraft gekostet, aber wir haben auch viel dabei gelernt. Die Ausbildung junger Menschen aus anderen europäischen Ländern wird – dauerhaft – ein Baustein bleiben in unseren Bemühungen um die Ausbildung im Stuckateurhandwerk insgesamt. Auch 2014 haben wir zum Ziel, eine "europäische Klasse" zu initiieren. Wir arbeiten daran!

Weiterführende Informationen

Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart

26.03.2014

Auszubildende aus dem Ausland – Erfahrungen von beruflichen Schulen und Ausbildungsbetrieben

Auf der Suche nach passenden Azubis schauen viele Firmen auch über die Grenze hinaus: Unterstützt von Kammern, Verbänden, der Bildungspolitik und freien Trägern bemühen sie sich um Jugendliche im europäischen Ausland. Welche Erfahrungen machen berufliche Schulen und Ausbildungsbetriebe? Was muss beachtet werden? Welche Hilfen werden angeboten? Wo liegen Chancen und Risiken?

Referenten: Gerd Baumer, Verband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg e. V., Markus Eberlein, Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade Baden-Württemberg, Heike Schulze-Reichert, Berufliches Schulzentrum Leonberg. Moderator: Sebastian Engelmann, Teilnehmer im Qualifikationsprogramm Moderation der Hochschule der Medien, Stuttgart, 12:00 - 13:15 Uhr / Marktplatz Beruf ist Zukunft, Halle 6, Stand C22


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