Prof. Dr.Heitmeyer:

"Angst ist ein schlechter Ratgeber"

Wissenschaftsministerin Svenja Schulze ist erschüttert vom Terroranschlag auf das Magazin "Charlie Hebdo" in Paris. "Dieser Angriff trifft alle Menschen in der ganzen Welt, die sich mit demokratischen Werten identifizieren und mit gegenseitigem Respekt begegnen. Eine Radikalisierung der deutschen Gesellschaft und die Ausgrenzung aller Muslime wären deshalb eine völlig falsche Antwort", sagt die Ministerin. Was kann die Wissenschaft dazu beitragen, eine angemessene Reaktion auf den Terror von Paris zu finden? Drei Fragen an den Bielefelder Konflikt- und Gewaltforscher Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer.

09.01.2015 Artikel

Herr Professor Heitmeyer, welche Reaktion einer freien, demokratischen Gesellschaft auf die Anschläge von Paris wünschen Sie sich?

Prof. Heitmeyer: Die Situation ist natürlich kompliziert. Wir haben es mit terrorbereiten Aktivisten zu tun, mit radikalisierten Unterstützungsmilieus und den friedlichen gläubigen Muslimen. Entsprechend differenziert müssen die Reaktionen ausfallen. Das wird nicht leicht, denn Terror ist eine Machtdemonstration zum Zwecke der Angst und der gesellschaftlichen Lähmung. Angst ist immer bedrängend und deshalb oft ein schlechter Ratgeber, weil der Umschlag in Wut und Rache nahe beieinander liegen. Insbesondere wenn – auf allen Seiten – Opferrollen konstruiert werden. Dann ist Gewalt nicht weit.

In jedem Fall muss verhindert werden, dass ein Rückzug von Muslimen aus gesellschaftlichen Kontexten als Folge aufkommender oder verstärkter generalisierter Abwertung des Islams erfolgt. Diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit beschädigt deren religiösen Identitätsanker – zumal dann, wenn die gesellschaftliche Integration in anderen Bereichen ohnehin fragil oder gefährdet ist. Das gilt insbesondere für junge Männer.

Wie können wir dabei einer möglichen Spirale aus Misstrauen, Angst und Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft entgegentreten?

Prof. Heitmeyer: Wir haben in unserer zehnjährigen Langzeituntersuchung immer wieder festgestellt, dass große Teile der deutschen Bevölkerung den Islam als Religion und die Gruppe der gläubigen Muslime homogenisiert haben. Das heißt, dass nicht differenziert wurde zwischen dem politischen Islam mit Machtanspruch und Gewaltdemonstrationen sowie den einfachen Glaubensüberzeugungen. Dies ist gefährlich, weil es innerislamische Solidarisierungen befördert.

Zweitens muss man immer wieder darauf hinweisen, dass die Bewegungen, die absurderweise vorgeben, die Islamisierung Deutschlands verhindern zu wollen, genau die Radikalisierung von jungen Männern mitbefördern durch den generalisierten Verdacht. Drittens ist es natürlich wichtig, dass die Abgrenzungen liberaler Muslime gegenüber autoritär-fundamentalistischen Gruppen öffentlicher werden. Dazu haben die Medien eine größere Verantwortung, als sie diese bisher wahrgenommen haben, beispielsweise indem sie liberalen und fundamentalistischen Muslimen ein öffentliches Forum in Talkshows etc. bieten, um die Unterschiede deutlich zu machen.

Wie kann die Wissenschaft dazu beitragen, eine angemessene Reaktion auf religiös begründeten Fundamentalismus und Terroranschläge zu finden?

Prof. Heitmeyer: Wissenschaft muss zunächst Wissen schaffen, aber die Frage ist, ob sie gehört wird. Deshalb wird es immer wichtiger, dass Wissenschaft, Politik und gesellschaftliche Gruppen eine institutionalisierte Diskussionskultur schaffen, die wir bisher nicht haben.

Zum Beispiel hatten wir bereits 1995 eine Untersuchung zu fundamentalistischen Einstellungen bei muslimischen Jugendlichen durchgeführt. Die Ergebnisse, auch zum Verhältnis von Islam und Gewalt waren schon problematisch. Dafür wurden wir aus der Wissenschaft, Politik und aus religiösen Gruppen massiv bekämpft, statt gehört. Und auch heute wissen wir noch zu wenig über die Radikalisierungsprozesse von Einzelnen oder Gruppen sowie den subtilen Einflüssen etwa von salafistischen Predigern auf desintegrationsgefährdete, mit Anerkennungsdefiziten kämpfenden männlichen Jugendlichen, die sie dann mit Gewalt kompensieren wollen und ihr Heil in dschihadistischen Gruppen suchen. Gewalt ist eine attraktive Anerkennungsressource. Das wissen wir auch aus anderen sozialen Gruppen.

Zur Person

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer leitete über viele Jahre das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Nach seiner Emeritierung setzt er sich nun in der Forschungsstelle für wissenschaftsbasierte gesellschaftliche Weiterentwicklung (fwgw) in Düsseldorf dafür ein, Forschung, Politik und Zivilgesellschaft zu vernetzen sowie wissenschaftsbasierte Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen zu entwickeln.

Erstveröffentlichung und alle Rechte: Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen


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