"Der ist verrückt"
(jvg) – Die Stigmatisierung unter Jugendlichen, die an psychischen Erkrankungen leiden, ist nach wie vor groß. Die Studie SEYLE (Saving and Empowering Young Lives in Europe) versucht das Thema aus der Tabuzone herauszuholen und erhob über ein Jahr hinweg Daten zur Gesundheitsförderung durch Prävention von riskanten und selbstschädigenden Verhaltensweisen von Schülern.
28.03.2011 ArtikelIn Kooperation mit 10 weiteren EU-Staaten untersuchte die Studie, die mit rund drei Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert wird, im Zeitraum von Januar 2010 bis Januar 2011 über 11 000 Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Psychosozialen Zentrum des Universitätsklinikums Heidelberg sammelte die Daten für die deutsche Stichprobe, die über 1 400 Schülerinnen und Schüler des Rhein-Neckar-Raumes umfasst. Die Daten wurden an 26 Schulen – Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien – mittels Fragebogen evaluiert.
15 Prozent selbstmordgefährdet
Das Ergebnis: Besonders Mädchen leiden unter psychischen Problemen. Ein Drittel aller Schülerinnen in der befragten Altersgruppe hat sich bereits einmal absichtlich geritzt, geschnitten oder selbst geschlagen. Ebenfalls ein Drittel fühlt sich depressiv, 15 Prozent geben an, Selbstmordpläne zu haben, acht Prozent haben bereits einen Suizidversuch hinter sich. Europaweit sterben jährlich etwa 13 500 junge Menschen zwischen 10 und 24 Jahren durch Selbstmord, ermittelte die WHO 2010.
Bei Jungen überwiegen laut SEYLE-Studie Drogen- und Alkoholkonsum. Zwölf Prozent trinken wöchentlich oder häufiger Alkohol. "Wir haben festgestellt, dass der Alkoholkonsum und die Selbstverletzungen insgesamt zunehmen", berichtet Dr. Michael Kaess, Studienkoordinator von SEYLE. "Doch wir wissen nicht genau, worauf dies zurückzuführen ist, ob auf Modephänomene oder darauf, dass Jugendliche heute mehr psychische Probleme haben. Vielleicht drücken sie ihre Probleme heutzutage auch einfach nur anders aus." Ziel der Studie war es zunächst, die psychischen Probleme von Jugendlichen zu erkennen und diesen mit unterschiedlichen Präventionsmaßnahmen vorzubeugen.
Vier Präventionsprogramme
Die untersuchten Schülerinnen und Schüler wurden in der Studie in vier Gruppen unterteilt, die jeweils unterschiedliche Trainings-Programme erhielten: Im "Gatekeeper-Training" wurden Lehrer geschult, die psychischen Probleme der Schüler zu erkennen, diese anzusprechen und sie weiterzuverweisen an entsprechende Einrichtungen. Im "Awareness-Programm" wurden die Schüler in Rollenspielen für die eigenen Probleme und jene der Mitschüler sensibilisiert und lernten, damit umzugehen. Im "Professional Screening" boten die Studienleiter den gefährdeten Schülern Interviews mit Beratungsgesprächen bei Psychologen an, während die "Minimal Intervention" lediglich mit Postern und Kontakthinweisen über psychische Probleme informierte. Die Ergebnisse dieser Präventionsprogramme liegen vor.
"Über alle Interventionen hinweg konnten wir im ersten halben Jahr eine Verbesserung hinsichtlich der Suizidalität feststellen", berichtet Dr. Kaess, "auch bei der minimalen Intervention." Dies könne allerdings auch auf den Effekt des Sommers zurückzuführen oder der erhöhten Sensibilität für dieses Thema durch die Studie geschuldet sein. "Spannend ist aber, dass die Veränderung durch manche Interventionen der Studie bei Mädchen sehr groß war, sich bei Jungen jedoch kaum niederschlug. Auch war die Tendenz für die Wirksamkeit der Präventionsprogramme an Gymnasien höher." Allein über das Thema Psyche zu sprechen scheint bereits eine positive Wirkung zu haben. Diese Beobachtungen seien zum aktuellen Zeitpunkt jedoch noch nicht ausreichend wissenschaftlich gesichert, so verweist Kaess auf die Zahlen, die im Februar herausgegeben werden.
Großes Interesse an den Schulen
Das Interesse der Schulen an der Studie war groß: Zwei Drittel der angefragten Schulen im Rhein-Neckar-Kreis haben teilgenommen. "Psychische Probleme sind ein relevantes Thema, mit dem sich Lehrer auseinandersetzen müssen und wollen." So kamen die Lehrertrainings sehr gut an und sollen evtl. künftig als feste Lehrerfortbildung angeboten werden.
Unter den Jugendlichen selbst sei das Thema psychische Erkrankungen immer noch ein Tabuthema, weiß Kaess. "Die Hemmschwelle, zum Beispiel von Selbstverletzungen zu erzählen, ist sehr groß. Es besteht die Angst, als verrückt abgestempelt zu werden. Alkohol wird dagegen eher als cool wahrgenommen." An Hauptschulen bestehe ein höheres Risiko für selbstschädigendes Verhalten, und ebenso die Stigmatisierung sei hier ein größeres Problem. Genau dagegen will die Studie ankämpfen. "Letztlich sind psychische Erkrankungen wie Bauchschmerzen – wenn man sie hat, sollte man zum Arzt gehen", so Kaess.
Lehrern dürfe dabei nicht zu viel Verantwortung zugemutet werden. "Ihre Aufgabe ist nach wie vor die Wissensvermittlung. Das Präventionsprogramm der SEYLE-Studie will die Lehrer unterstützen und nicht zu Co-Therapeuten ausbilden." Darüber hinaus bestehe ein dringender Bedarf an Schulpsychologen. "Der Staat muss Verantwortung übernehmen und neben Wissensvermittlung auch psychologische Ressourcen bereitstellen", fordert Kaess. Das Robert-Koch-Institut stellte 2007 in der Bella-Studie fest, dass 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Störungen entwickeln.
85 Prozent der Lehrer gaben bei der SEYLE-Studie an, Schüler mit psychischen Problemen zu haben, so auch Frank R., Lehrer an einer Realschule im Rhein-Neckar- Kreis. "Im Studium oder Seminar wurden wir auf dieses Thema überhaupt nicht vorbereitet. Wir müssen uns das Wissen dazu selbst erarbeiten", erklärt er das Problem. Zudem seien die Plätze für psychisch belastete Jugendliche in den lokalen Einrichtungen nur begrenzt vorhanden, so dass längst nicht die Nachfrage gedeckt werden könne. Laut einer Befragung des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP) im Jahr 2010 betreut ein Schulpsychologe in Deutschland über 10 000 Schüler, wohingegen in Dänemark einer für ca. 770 Schüler zuständig ist – Deutschland ist Schlusslicht.
Kompakt
Selbstverletzung, Alkohol- und Drogenkonsum, Selbstmordgedanken: Die SEYLE-Studie, die im Februar 2011 abgeschlossen wurde, stellte ein hohes Risiko von psychischen Problemen bei Jugendlichen fest. In einem zweiten Schritt untersuchte die Studie, welche Präventionsprogramme am besten geeignet sind, diesen Problemen zu begegnen.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst 02/2011
Weiterführende Links
- Die SEYLE-Studie der Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg
- Bundesverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie
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