"Die Hürden im Denken überwinden"
Sport ist für sie: Spaß an der Bewegung, das Gefühl, sich zu verändern und die Möglichkeit, eigene Grenzen zu überwinden. Verena Bentele, von Geburt an blind, ist die erfolgreichste deutsche Behindertensportlerin und hat im Biathlon und Langlauf bereits 16 Goldmedaillen gewonnen. PRAXIS FÖRDERN-Redakteurin Martina Peters befragte die 32-Jährige zu Inklusion in der Schule und ihren Erfahrungen als Behinderte im Sportunterricht.
11.04.2014 ArtikelDie Gleichstellung und -behandlung behinderter und nichtbehinderter Menschen ist – vor allem auch in der Schule – bislang noch recht mühsam. Woran liegt das Ihres Erachtens?
Verena Bentele: Gerechte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Lebensbereichen zu verwirklichen ist ein Prozess. In Deutschland haben wir über Jahrzehnte ein Förderschulsystem aufgebaut, dadurch bestehen zunächst einmal institutionelle Hürden, die die Inklusion erschweren. Viel entscheidender sind jedoch noch die Hürden im Denken. Berührungsängste und Sorgen von Menschen, die bisher nicht mit behinderten Kindern und Jugendlichen im täglichen Leben in Kontakt kamen, kann man nicht von heute auf morgen überwinden. Ich habe aber den Eindruck, dass sich immer mehr Schulen dem Konzept der Inklusion öffnen. Für angehende Lehrerinnen und Lehrer muss das Thema ein wichtiger Bestandteil des Studiums werden.
Welche Bedingungen sind für eine inklusive Schule allgemein und für den dazu passenden Sportunterricht Ihrer Meinung nach grundlegend?
Verena Bentele: Inklusiver Schul- und Sportunterricht müssen zunächst einmal von der Grundüberzeugung getragen sein, dass er gelingen kann. Dazu gehört vor allem, dass jedes Kind und jeder Jugendliche so akzeptiert wird, wie es/er ist. Kindern fällt das meist viel leichter als Erwachsenen, darauf kann man bauen. Für den Schul- und Sportunterricht gilt das Gleiche wie für die Teilhabe insgesamt, man muss vor allem auf die Fähigkeiten, nicht auf die Defizite der Kinder und Jugendlichen schauen. Sehen wir uns beispielsweise die Sportart Rollstuhlbasketball an, so fällt auf, dass Sportler mit und ohne Behinderung mitspielen können. Wenn man sieht, wie einfach ein gemeinsames Spiel durch klare Regeln möglich ist, dann ist der Weg zum inklusiven Sportunterricht geebnet.
Wie haben Sie als Behinderte Sport in der Schule erlebt? Was war für Sie förderlich?
Verena Bentele: Ich war selbst 13 Jahre lang auf Förderschulen. Der Sportunterricht war immer perfekt auf die Bedürfnisse von uns blinden Schülern abgestimmt, so haben wir beispielsweise nicht Fußball, sondern ein speziell für Blinde entwickeltes Spiel namens Goalball gespielt. In meinem Sportunterricht waren die Klassen immer klein, das hat eine optimale Betreuung durch den Lehrer ermöglicht. Kleine Gruppen, qualifizierte Lehrer und Schüler, die sich gegenseitig helfen, sind meines Erachtens die Voraussetzung für Bewegung in der Schule für Kinder mit und ohne Behinderung.
Gibt es für Sie Grenzen des inklusiven Sportunterrichts?
Verena Bentele: Nein, ich finde nicht, dass es da Grenzen gibt. Natürlich gibt es Sportarten, die einige Kinder und Jugendliche nicht ausüben können, aber dann muss man kreative Lösungen suchen. Beim Fußball in der Halle beispielsweise können nicht 20 Kinder mitspielen. Wenn zehn Kinder Fußball spielen, dann könnten sechs weitere Kinder mit einem blinden Mitschüler draußen Weitwurf trainieren oder in der Halle Krafttraining machen. Das Schöne am Sport ist doch, dass er so vielfältig ist – so lässt sich für jeden eine geeignete Sportart finden.
Verena Bentele studierte Deutsche Literatur, Sprachwissenschaften und Pädagogik. Als erfolgreiches Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Skilanglauf und Biathlon nahm sie seit 1995 an vier Paralympischen Spielen, drei Welt meisterschaften und zwei Europameisterschaften teil. Seit Januar 2014 ist sie Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.
Mehr Informationen: www.behindertenbeauftragte.de.
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Dieser Beitrag ist erschienen in Praxis Fördern, Ausgabe 2/2014
Die aktuelle Ausgabe widmet sich schwerpunktmäßig dem Thema Bewegung und Inklusion.
Außerdem befasst sich Andreas Methner auf den "Im Fokus"-Seiten des Heftes mit der aktuellen Diskussion um die Studien des Forschers John Hattie.
Weiterführende Links
- Im Video erinnert sich Verena Bentele an ihre Schulzeit.
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