Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Eröffnung der 60. Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg

Rede von Bundeskanzlerin Merkel anlässlich der Eröffnung der 60. Internationalen Spielwarenmesse in Nürnberg.

05.02.2009 Pressemeldung Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Horst Seehofer,
Herr Oberbürgermeister, Herr Maly,
Herr Kick,
meine Damen und Herren,

nun bin ich aber enttäuscht: Ich dachte, ich darf auch sagen, womit ich als Kind gespielt habe, aber die Chancen sind ungleich verteilt. Ich hatte nämlich Steiff-Tiere - da war man im Osten froh, wenn man von der Westverwandtschaft welche bekam -, später dann Memory und auch Monopoly, was für uns in der DDR ein ganz tolles Spiel war. Eben habe ich den Ministerpräsidenten gefragt, ob man auch in der Bundesrepublik vom Stabilbaukasten sprach. Er scheint eine etwas andere Terminologie gehabt zu haben, aber da die Bauteile aus Metall waren, die man zusammengeschraubt hat und damit Kräne und vieles andere bauen konnte, scheint das etwas Ähnliches gewesen zu sein. Ich glaube also, wir sind in Ost und West in ungefähr 20 Jahren - dieses Jahr feiern wir ja den 20. Jahrestag des Mauerfalls - auch deshalb so gut zusammengekommen, weil wir vieles an gleichen Spielen hatten.

Ich bin heute natürlich sehr gerne wieder einmal nach Nürnberg gekommen, zu einem Jubiläum wie diesem: 60 Jahre Nürnberger Spielwarenmesse. Wenn wir daran denken, dass wir in diesem Jahr am 23. Mai 60 Jahre Bundesrepublik feiern, dann führen wir uns noch einmal vor Augen, dass bereits vor Gründung der Bundesrepublik Menschen Mut hatten und gesagt haben: Wir müssen in die Zukunft blicken. Für mich ist eine Spielwarenmesse nämlich Ausdruck von Zukunftsfreude, von Anpacken, vor allen Dingen davon, damals auch etwas für die Kinder zu tun, die ja eine viel schwierigere Kindheit hatten, als wir es heutzutage überhaupt erleben. Es war eine Kindheit mitten in Trümmern, aber auch sozusagen schon bald gesegnet von den Möglichkeiten der Sozialen Marktwirtschaft, der Möglichkeit, anzupacken und nicht mehr die Fehlentwicklung zu durchlaufen, in einem Deutschland, in dem es Mangel gab, alles per Zuteilung machen zu müssen. Vielmehr gab es den Mut von Ludwig Erhard, zu sagen: Lasst die Leute Ideen haben und lasst sie anpacken. Ich denke, eine zentrale Verwaltung wäre wahrscheinlich nicht als erstes darauf gekommen, dass man eine Spielwarenmesse braucht. Aber es hat sich bewährt, dass man die Leute das machen lassen hat, was sie für wichtig gehalten haben.

Spiel, Spaß und Spannung - das sind nun natürlich auch die Zutaten für einen solchen Jubiläumstag. Ich habe mich hier sehr über einige Reminiszenzen an die eigene Kindheit und an die Entwicklung der Spielzeuge gefreut. Ludwig Erhard hat wohl einmal gesagt, es werde immer schwieriger, Kind zu sein. Ich habe heute, ehrlich gesagt, aber manchmal den Eindruck: Es wird immer bedrückender, älter zu werden. Wenn man nämlich die Kinder mit der Elektronik hantieren sieht, sieht, wie sie Stecker zusammenstecken und auf Tastaturen klimpern, dann bin ich manchmal etwas neidisch, wenn ich daran denke, wie lange ich brauche, um eine schlecht lesbare Gebrauchsanleitung zu verstehen, und dass ich nicht mehr eine ganz so gute Intuition wie die heutige Jugend habe.

Aber eines ist über diese 60 Jahre hinweg immer gleich geblieben: Kinder entdecken die Welt spielerisch. Viele berufliche Laufbahnen sind aus den ersten Spielen heraus entstanden. Viele Entscheidungen hat man gelernt, als man vielleicht im eigenen Kaufmannsladen Kunden mehr oder weniger freundlich bedient hat, als Zahlungen ausgeblieben sind oder sie erhöht eingefordert wurden. Jedenfalls prägt sich dabei manches aus. Der amerikanische Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes hat einmal gesagt: "Die Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen." Wir haben also beim bayerischen Ministerpräsidenten noch alle Chancen. Er soll öfter einmal zu seiner Modelleisenbahn in den Keller gehen.

Dass in diesem Jahr rund 2.700 Aussteller aus 60 Ländern hier sind, zeigt nichts anderes, als dass die größte Messe dieser Art hier in Nürnberg stattfindet. Sie sind Weltmarktführer. Das steht Nürnberg als Leuchtturm der Spielwarenbranche gut zu Gesicht. Diese Messe unterstreicht nicht nur, dass Deutschland sowieso ein exzellenter Messeplatz ist, sondern sie unterstreicht auch, dass unsere Spielwarenwirtschaft - eine kleine, aber feine Branche - immer noch für Innovation, für Austausch sowie für die Zentrierung auf dieses Gebiet bekannt ist und dass hier deshalb auch die ausländischen Besucher so zahlreich vertreten sind, die ich als deutsche Bundeskanzlerin natürlich auch ganz herzlich begrüßen möchte.

Gerade in der heutigen Zeit wird es wichtig sein, dass wir verstehen, dass viele Spielwaren inzwischen aus dem Ausland kommen, aber dass wir als Exportnation unsere Produkte natürlich auch in andere Länder exportieren können. Das heißt, der freie Handel und der freie Wandel müssen auch in einer krisenhaften Situation unser Credo sein. Ich glaube, die Spielzeugindustrie kann davon ein Lied singen und sollte sich dafür auch einsetzen.

Die Spielzeugrichtlinie des Europäischen Parlaments hat bestimmte Qualitätsstandards gesetzt. Ich glaube, das ist richtig so. Wenn die Kinder nämlich damit aufwachsen, dass Rückholaktionen stattfinden müssen und ihre liebsten Spielzeuge irgendwie wieder verschwinden, dann ist das sicherlich nichts Gutes. Kinder sollen angstfrei spielen können. Das heißt, Sicherheit und Verbraucherschutz im Zusammenhang mit Spielzeugen sind extrem wichtig.

Nun haben wir in diesem Jahr ein besonderes wirtschaftliches Umfeld. Der Oberbürgermeister hat richtigerweise vom "kleinen Konjunkturanzeiger" gesprochen. Ich hoffe, dass das Ergebnis gut sein wird - ich werde mich danach erkundigen -, damit wir auch ein Stück Hoffnung schöpfen können. Ich glaube nämlich, diese 60 Jahre Spielwarenmesse in Nürnberg zeigen doch: Deutschland hat auch schon andere Herausforderungen als das bestanden, was uns jetzt bevorsteht. In diesem Geiste sollten wir dieses Jahr angehen.

In diesem Sinne ist es natürlich so, dass wir uns überlegt haben: Was können wir machen, um in einem schwierigen Umfeld Zuversicht zu zeigen und ein Stück weit Maßnahmen zu ergreifen, die uns über eine schwierige Situation hinweghelfen? In Nürnberg ist es so, dass es hier nicht nur ein Messezentrum und Bratwürste gibt, sondern hier gibt es nicht zuletzt auch die Bundesagentur für Arbeit. Das, was Deutschland immer stark gemacht hat und was ich auch für die Zukunft als Deutschlands Stärke ansehe, sind die Fachkräfte, unsere Facharbeiter, das Know-how, der Mittelstand und all diejenigen Traditionsunternehmen, in denen oft über Jahrhunderte und mindestens über Jahrzehnte Erfahrung hinweg angesammelt wurde. Es wäre fatal, wenn uns in dieser Situation die Brücke in das nächste Jahrzehnt und darüber hinaus abhanden käme. Denn wir sind ein Land, das eher zu wenige Kinder hat und das in ein paar Jahren dringend und händeringend Facharbeiter suchen wird. Deshalb kommt es darauf an, dass wir jetzt alles halten, was wir an Arbeitsplätzen halten und sichern können. Ich bin dankbar dafür, dass die deutsche Wirtschaft - Sie in diesem Raum tragen auch dazu bei - gute Angebote in Bezug auf Ausbildungsplätze macht und dass unsere jungen Leute eine Chance haben. Wir wollen Brücken bauen, gerade auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Deshalb geht es auch um Bürgschaften. Ich sage das an dieser Stelle ganz eindeutig, weil in diesen Tagen oft gefragt wird: Helft ihr nur den Großen? - Nein. Deutschlands Stärke war immer der Mittelstand. Gerade in diesem Bereich, in der Spielwarenbranche, weiß man das. Deshalb wollen wir auf dieser Stärke aufbauen, deshalb wollen wir sie erhalten und weiterentwickeln. Und deshalb helfen wir allen Unternehmen, egal ob sie einen Mitarbeiter oder Tausende von Mitarbeitern haben. Wir können ihnen natürlich nur helfen, wenn sie ein eigenes gutes Geschäftsmodell haben; auch das ist so, und das war schon immer so. Vor allen Dingen aber wollen wir dafür Sorge tragen, dass wirtschaftliche Entwicklung und betriebliche Entwicklung nicht daran scheitern müssen, dass Banken ihre Aufgabe noch nicht wieder so erfüllen, wie es notwendig ist. Deshalb gibt es Bürgschaften, Kurzarbeit und Unterstützung durch die Übernahme von Sozialversicherungskosten, wenn dies notwendig wird. Wenn Qualifikation angeboten wird, die uns stärker macht, dann gibt es auch eine volle Übernahme der Sozialversicherungskosten. Es wird natürlich auch Investitionen in die Infrastruktur geben.

Beim Hereingehen habe ich natürlich gleich einmal in die Augen des Oberbürgermeisters geschaut, um zu sehen, ob er schon in freudiger Erwartung möglicher Finanzmittel ist, die über die Länder, mit Hilfe der Länder und, Herr Ministerpräsident, in Übereinstimmung mit den Ländern - die Verwaltungsvereinbarung ist schon geschlossen worden - an die Kommunen gegeben werden sollen, weil wir glauben, dass diese Mittel vor Ort - die anwesenden Bundestagsabgeordneten werden darüber wachen - gut und ordentlich eingesetzt werden. Wir haben gesagt: Zwei Drittel sollen für Bildung bestimmt sein. Das wird die Spielwarenmesse erfreuen, denn gebildete Kinder sind interessierte Abnehmer von guten Spielwaren, vielleicht auch kritischere. Aber ich glaube, Sie haben trotzdem Interesse an einer guten Bildung der Kinder. Jedenfalls sollen zwei Drittel der Ausgaben für Bildung bestimmt sein, weil wir in die Zukunft investieren wollen. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass wir diesen Weg gehen.

Meine Damen und Herren, eine solche Tradition, wie Nürnberg sie hat - es ist nicht die einzige Tradition -, sollte weiterhin gepflegt werden. Die Spielwaren entwickeln sich immer fort. Im Zeitalter der Wissensgesellschaft, der Computer und der Hochtechnologien wird sich natürlich auch in Zukunft vieles verändern. Aber ich glaube, wir sollten aufpassen, dass wir das Kindgemäße auch im elektronischen Zeitalter erhalten. Es ist gut, wenn man auf Tasten klimpern kann, es ist schön, wenn man alle Stecker richtig hineinbekommt, und es ist bestens, wenn man vor dem Bildschirm sitzen kann. Aber ein paar klassische Fähigkeiten wie Gleichgewicht und Balance halten, Ballwerfen, Mobilität und Bewegung sind eigentlich Aufgaben, um die wir uns auch kümmern müssen, damit es keine eindimensionale Bildung, Ausbildung und Entwicklung unserer Kinder gibt.

Natürlich geht es - ich weiß, dass ich zur Schulpolitik nichts sagen darf, weil mir das nicht zukommt - auch ein Stück weit um Zeit zum Spielen. Ich glaube, auch das ist wichtig. Kinder brauchen Freiräume, damit sie nicht sozusagen in eine Welt hineinwachsen, in der immer etwas angeboten wird und man nie zu sich selbst findet. Wenn ich an meine Kindheit denke, war es schön, dass man auch sehr viel Kreativität und Fantasie brauchte, um sich entwickeln zu können. Ich bitte diejenigen, die heute über Spielzeuge nachdenken, dass sich die Dinge auch im 21. Jahrhundert so entwickeln können.

Sie haben sicherlich eine der schönsten Branchen, eine der fantasievollsten Branchen. Deshalb verstehe ich die Bürger dieser Stadt, die sagen: Eigentlich ist es schade, dass wir nicht hierher dürfen und uns das nicht anschauen dürfen. Deshalb ist es schön, dass Sie auch in die Stadt hineingehen und mit den Menschen Kontakt aufnehmen. Denn Spielzeug ist immer wieder faszinierend.

Da ich nachher nicht mehr dabei sein kann, bin ich auch gespannt, mir dann berichten zu lassen, wer von diesen wunderbaren, im Rennen gewesenen Spielzeugen denn nun in diesem Jahr den Award bekommt. Ich hoffe, Sie haben das in diesem Jahr gut ausgewählt, mit Blick auf die Tradition und mit Blick auf die Moderne. Mich haben insbesondere die Handtäschchen in Form von Stofftieren sehr bewegt. Das Handy kann dort weich gepolstert gut untergebracht werden; und dazu noch ein Taschentuch - die Damen von morgen haben es nicht schlecht.

Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Messe, die Optimismus ausstrahlt. Ich wünsche, dass die Bürgerinnen und Bürger von Nürnberg Ihnen gute Gastgeber sind. Aber ich glaube, dieser Wunsch erfüllt sich von selbst, wenn ich mir nur mal die angereiste Schar von Vertretern Nürnbergs und den Oberbürgermeister ansehe. Ich wünsche, dass von dieser Messe für die Bundesrepublik Deutschland das Signal ausgeht: Wir sind offen, Gastgeber für die Welt zu sein. Wir sind erwartungsfroh, unsere Produkte in die Welt hinaus zu exportieren. Wir wollen unseren Beitrag leisten, um eine schwierige, krisenhafte Situation zu überwinden. - Wir tun das auch im Hinblick auf die 60 Jahre erfolgreicher Entwicklung unseres Landes, auf Männer und Frauen, die vor 60 Jahren eine Idee wie diese hatten, nämlich die, hier eine Spielwarenmesse zu gründen, und wir tun das mit der Zuversicht, dass wir, wenn wir im November des Mauerfalls vor 20. Jahren gedenken, auch sagen können: Wir haben den Wiederaufbau Deutschlands geschafft, wir haben die Deutsche Einheit geschafft und wir werden auch diese Krise überstehen. Die Spielwaren sollen ein gutes Beispiel dafür sein.

Herzlichen Dank, Ihnen frohe Tage, alles Gute und herzlichen Dank dafür, dass ich hier sein konnte.


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