Kinderarmut

Chancen von Kindern in NRW

Der KECK-Atlas befasst sich mit der Dauer-Armut von Kindern in NRW. Erstes Fazit: Die Armutsquoten steigen bei Kindern besonders stark, sie beziehen Leistungen überdurchschnittlich lang. Die Unterschiede zwischen Kreisen und kreisfreien Städten sind groß.

09.08.2018 Nordrhein-Westfalen Artikel Zentrum für Interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung der Ruhr-Universität (ZEFIR)
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Knapp 500.000 Kinder unter 15 Jahren sind in Nordrhein-Westfalen von Armut betroffen. Das sind ca. 70.000 Kinder mehr als noch im Jahr 2012. Mittlerweile ist das in Nordrhein-Westfalen fast jedes fünfte Kind, und damit deutlich mehr als im Bundesvergleich (knapp 16 Prozent). Die aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit über den SGB-II-Bezug am 31.12.2017 zeigen, dass Kinder überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind. Während sich etwa 12 Prozent der unter 65-Jährigen im SGB-II-Regelleistungsbezug befinden, gilt dies für 19 Prozent der unter 15-Jährigen und sogar für 20,5 Prozent der unter 7-Jährigen. Der Vergleich mit den Vorjahren zeigt außerdem, dass immer mehr Kinder arm und darüber hinaus überdurchschnittlich lange von Armut betroffen sind.

In Nordrhein-Westfalen zeigen sich zudem große Unterschiede zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten: Während einerseits in manchen Kreisen und kreisfreien Städten weniger als 10 Prozent der Kinder in Armut leben, gibt es andererseits Regionen, in denen mehr als jeder dritte unter 15-Jährige SGB-II-Leistungen bezieht. Vor allem im Ruhrgebiet sind Kinder von Armut betroffen. Auch die Entwicklung und die Dauer des SGB-II-Bezugs variiert zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten. Der KECK-Atlas für Nordrhein-Westfalen macht diese Unterschiede zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten transparent und vergleichbar.

Die Aufbereitung und Veröffentlichung zum Thema „Kinderarmut“ fand in Kooperation der wissenschaftlichen Begleitforschung zu „Kein Kind zurücklassen! Kommunen schaffen Chancen“ (KeKiz) der Bertelsmann Stiftung und dem Familiengerechte Kommune e. V. statt. Für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft bietet die Bertelsmann Stiftung den KECK-Atlas als kostenloses Instrument an, um kleinräumige Unterschiede in sozialer Lage, Gesundheit, Umweltbedingungen oder vorhandener Infrastruktur sichtbar machen zu können. Zurzeit schaffen etwa 30 Kommunen bundesweit mit dem KECK-Atlas eine Grundlage für die kommunale Entwicklung. Denn dafür steht KECK: Kommunale Entwicklung – Chance zur Kooperation.

KECK-Atlas macht unterschiedliche Ausgangslagen sichtbar

Das Aufwachsen in Armut ist ein nachweisbares Risiko für die Entwicklungs- und Bildungschancen von Kindern. Diese sind unterschiedlich zwischen den Kreisen und kreisangehörigen Städten verteilt. Der KECK-Atlas für Nordrhein-Westfalen dient dazu, die Armutsbetroffenheit von Kindern in den Kreisen und kreisfreien Städten transparent zu machen und zu vergleichen.

Da es „nirgends wie im Durchschnitt ist“, sind Kenntnisse über die unterschiedlichen Bedarfslagen von Kindern und ihren Familien innerhalb der Kreise, Gemeinden und kreisfreien Städte von zentraler Bedeutung. Der KECK-Atlas ist ein Instrument, mit dem die Ausgangslagen und Rahmenbedingungen im Stadtgebiet auch kleinräumig sichtbar gemacht werden können. Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft erhalten Auskunft über die soziale Lage, Bildung und Gesundheit, Umweltbedingungen oder die vorhandene Infrastruktur in den Stadtteilen. Zurzeit nutzen etwa 30 Kommunen den KECK-Atlas, um unterschiedliche Ausgangslagen transparent zu machen.

Ergebnisse der Analyse

Kinder sind häufiger von Armut betroffen als Erwachsene

Die aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit für den 31.12.2017 zeigen, dass die Kinderarmut in Nordrhein-Westfalen auf einem neuen Höchststand ist: Knapp 500.000 Kinder unter 15 Jahren leben mittlerweile in Haushalten, die Leistungen nach dem SGB II beziehen (sogenannten „Bedarfsgemeinschaften“, siehe Methodenkasten 1). Der Vergleich der Altersgruppen zeigt dabei, dass Kinder deutlich häufiger in Armut leben als Erwachsene. Während etwa 12 Prozent der unter 65-Jährigen Regelleistungen nach dem SGB II beziehen, gilt dies für 19 Prozent der unter 15-Jährigen und sogar für 20,5 Prozent der unter 7-Jährigen. Je jünger Kinder sind, desto häufiger sind sie von Armut betroffen.

Dabei sind die SGB-II-Quoten zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen höchst unterschiedlich. Schaut man sich die Quote der Kinder unter 15 Jahren an, die in Haushalten leben, in denen SGB-II-Leistungen bezogen werden, so reichen die Werte von unter 9 Prozent in Borken und Coesfeld bis hin zu über 43 Prozent der Kinder in Gelsenkirchen.

In 13 Kreisen oder kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen lebt mehr als jedes vierte Kind unter 15 Jahren in Armut. Zehn dieser 13 Städte liegen im Ruhrgebiet. Daraus folgt, dass Kinderarmut vor allem ein Problem des Ruhrgebiets ist. Aber auch in Mönchengladbach und Wuppertal wächst fast ein Drittel der unter 15-Jährigen in Armut auf, in Krefeld immerhin 25 Prozent.

Für die Kreise und kreisfreien Städte mit niedrigeren SGB-II-Quoten bedeuten diese Ergebnisse jedoch keine „Entwarnung“. Kleinräumige Analysen der SGBII-Quoten zeigen, dass es „nirgends wie im Durchschnitt“ ist. Die SGB-II-Quoten innerhalb eines Kreises oder einer kreisfreien Stadt können stark variieren. Das heißt, es gibt einerseits Quartiere in einem Kreis oder einer kreisfreien Stadt, in denen deutlich mehr Menschen in Armut leben als im Durchschnitt des Kreises oder der kreisfreien Stadt insgesamt, und andererseits Quartiere, in denen deutlich weniger Menschen in Armut leben. Diese internen Unterschiede können Kommunen mit dem KECK-Atlas abbilden.

Armut von Kindern steigt an

Kinder in Nordrhein-Westfalen sind nicht nur überdurchschnittlich stark von Armut betroffen, auch die zeitliche Entwicklung verläuft nachteiliger.

Im Gegensatz zu den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten sieht man bei den Kindern nicht nur das insgesamt viel höhere Niveau, sondern auch den sehr viel deutlicheren und stärkeren Anstieg.

Auch die Entwicklung ist regional sehr unterschiedlich, jedoch haben (fast) alle Kreise und kreisfreien Städte in Nordrhein-Westfalen eins gemeinsam, nämlich einen Anstieg der Kinderarmutsquoten zwischen 2012 und 2017. Besonders erheblich sind die Anstiege im Ruhrgebiet und hier vor allem in Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Hagen und Gelsenkirchen. Außerhalb des Ruhrgebiets fallen Mönchengladbach und Leverkusen auf. Die einzigen Städte, in denen der Anteil geringfügig gesunken ist, sind Hamm und Düsseldorf.

Kinder sind überdurchschnittlich lange im Transferbezug

Haben die bisherigen Ergebnisse gezeigt, dass Kinder häufiger arm sind und die Entwicklung der Armutsquoten bei ihnen einen deutlicheren negativen Trend zeigt, so geht es im Folgenden um die Dauer der Armut. Dabei zeigt sich, dass Kinder auch länger von Armut betroffen sind. Dies zeigen die Auswertungen der sogenannten „Bezugsdauern“. In Nordrhein-Westfalen erhalten knapp 240.000 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren Sozialgeld. Fast die Hälfte von ihnen, nämlich 48 Prozent, befindet sich bereits seit mindestens vier Jahren im Leistungsbezug. Von den Menschen zwischen 15 und 65 Jahren, die SGB-II-Leistungen beziehen, gilt dies für 42 Prozent.

Auch hier zeigen sich große regionale Unterschiede. Besonders groß ist der Anteil der Kinder, die seit mehr als vier Jahren Sozialgeld beziehen, im Ruhrgebiet und in anderen großen Städten wie Bonn, Köln und Düsseldorf. Insgesamt ist in zehn Kreisen oder kreisfreien Städten der Anteil größer als 50 Prozent – das heißt, für mehr als die Hälfte der Kinder ist Armut keine Phase, sondern ein Dauerzustand.

Fazit

Fast 500.000 Kinder unter 15 Jahren sind in Nordrhein-Westfalen von Armut betroffen. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit für den 31.12.2017 zeigen, dass Kinder überdurchschnittlich oft Leistungen nach dem SGB II beziehen, die Armutsquoten bei den Kindern besonders deutlich ansteigen und dass Kinder überdurchschnittlich lange Leistungen nach dem SGB II beziehen.

Der KECK-Atlas Nordrhein-Westfalen zeigt große Unterschiede zwischen den Kreisen und kreisfreien Städten; insbesondere im Ruhrgebiet sind die Kinder zunehmend betroffen. Daher sind die gesellschaftlichen Akteure gefordert, ungleiche Lebensbedingungen sichtbar zu machen, zu diskutieren und auf dieser Grundlage Ungleiches ungleich zu behandeln, um die Folgen von Kinderarmut zumindest zu reduzieren.

Autoren: Katharina Knüttel, Nora Jehles, Volker Kersting

Die vollständige Auswertung mit Grafiken und weiteren Informationen zum KECK-Atlas NRW finden Sie hier.


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