Flüchtlingshilfe

Junge Flüchtlinge: Eine neue Herausforderung für die Kinder- und Jugendhilfe?

Nachdem im Jahr 2015 vor allem die Unterbringung und Versorgung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen die öffentlichen Träger beschäftigte, wird nun die Tatsache zunehmend bewusst, dass begleitete junge Menschen mit Fluchterfahrung wenig in das System der Kinder- und Jugendhilfe integriert sind. Von Gunther Graßhoff

10.04.2017 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Die Diskussion um Integration und Inklusion von jungen Flüchtlingen hat sich damit verschoben und kann nicht mehr ausschließlich in einer Engführung auf UMF stattfinden. Ungeachtet der Frage, ob begleitet oder nicht, ist die Gruppe von jungen Flüchtlingen, wie alle anderen Zielgruppen der Jugendhilfe, keinesfalls eine homogene Einheit (Graßhoff 2015). Bildet die »Fluchterfahrung« die Grundlage der Zuschreibung oder eher die ausländerrechtliche und aufenthaltsrechtliche Bestimmung? Nicht alle als Flüchtlinge bezeichneten jungen Menschen haben eigene Fluchterfahrung, sondern »nur« einen »Fluchthintergrund«. Andere Migrant/innen werden nicht als Flüchtlinge adressiert, obwohl sie eine lange Flucht hinter sich haben. Es wird also in unterschiedlicher Weise von und über Flüchtlinge gesprochen. Auch das ist im migrationspädagogischen Diskurs keine Neuheit und lässt sich auf andere Zielgruppen übertragen.

In der Praxis werden aktuell vor allem drei Personengruppen im Kontext von Flucht thematisiert:

  • »Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung eines sorgeberechtigten Erwachsenen nach Deutschland kommen (UMF);« 
  • »Kinder, die mit nur einer sorgeberechtigten Person oder ihrer ganzen Familie nebst Großeltern und Geschwistern einreisen (begleitete minderjährige Flüchtlinge, BMF);« 
  • »und Kinder ohne eigene Fluchterfahrung, die in Deutschland als Kinder Geflüchteter geboren sind und in den Gemeinschaftsunterkünften der Kommunen aufwachsen.« (Lewek 2016, S. 77)

Es ist hierbei festzuhalten, dass die Zuordnung zu diesen Gruppen in der Praxis keinesfalls immer trennscharf ist.

Junge Flüchtlinge als Adressat/innen der Jugendhilfe 

Vor allem der Status als UMF ist für die Lebenssituation der jungen Menschen wirkmächtig: Folgt bundesweit aufgrund der klaren gesetzlichen Regelung die Inobhutnahme durch das Jugendamt, so scheint die Umsetzung des öffentlichen Auftrages bei begleiteten minderjährigen Flüchtlingen noch weitgehend ungeklärt: Obwohl der Hilfebedarf gerade bei jungen Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen hoch ist, gibt es nur vereinzelt Konzepte zur systematischen Arbeit mit den jungen Menschen und deren Familien. Dass die Kinder- und Jugendhilfe auch hier in der Verantwortung ist, scheint unstrittig. Aber vor allem im letzten Jahr hat die große Herausforderung der Unterbringung von UMF das »Wegschauen« bei anderen Zielgruppen offenbar legitimiert. Es ist daher dringend geboten, die Augen nun auch wieder auf sogenannte begleitete Flüchtlinge zu richten.

Im Übrigen wird die Debatte bislang ausschließlich auf »minderjährige« Flüchtlinge reduziert. Dass aber bereits jetzt schon 8 000 junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren im Hilfesystem sind und auch hier der Bedarf (Stichwort SGB VIII §41) mit Sicherheit hoch ist, wird vernachlässigt. Das verwundert umso mehr, als die Frage der Altersschätzung und damit in vielen Fällen die Grundlage (Inobhutnahme ja oder nein) hoch umstritten ist (Eisenberg 2016). Insgesamt steht für die Kinder- und Jugendhilfe nun die Herausforderung an, sich nicht nur der Gruppe der UMF anzunehmen, sondern die Gesamtverantwortung für alle Kinder- und Jugendlichen anzuerkennen und hierzu bedarfsgerechte Angebote zur Verfügung zu stellen und konzeptionell zu begleiten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Junge Flüchtlinge im System der Kinder- und Jugendhilfe 

Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Kinder- und Jugendhilfe damit, wie Zugangsbarrieren für Migrant/innen abgebaut werden können und wie »interkulturelle Öffnung« (Gaitanides 2006) der Regelangebote strukturelle verankert werden kann. An vielen Stellen schein tdie Diskussion um junge Flüchtlinge als Adressat/innen erneut hinter die bereits geführte Diskussion zurückzufallen: Über traumatische Fluchtereignisse, Sprachdefizite und kulturellen Differenzen wird eine Besonderheit der Zielgruppe hervorgehoben, die scheinbar völlig neue Bedarfe mit sich bringt. Ohne die Bedeutsamkeit von bestimmten Lebenserfahrungen und Lebenslagen von jungen Flüchtlingen im Einzelfall negieren zu wollen, sei hier angemerkt, dass bei der Integration von jungen Flüchtlingen sehr alte (ungelöste) Strukturfragen der Kinder- und Jugendhilfediskussion in besonderer Weise zum Ausdruck kommen. Es ist folglich dafür zu plädieren, nicht eine neue Spezialdiskussion zu führen, sondern sich zunächst auf bereits gemachte Erfahrungen zu konzentrieren.

Wenn man sich die Lebenslagen von Flüchtlingsfamilien anschaut, dann muss von Benachteiligungen und Einschränkungen in unterschiedlichen Lebensbereichen ausgegangen werden: Sie betreffen vor allem die Wohnsituation und den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt und können nur im Kontext von ausländerrechtlichen Regelungen verstanden werden (Johannson/Schiefer 2016). Wenn im Feld der Kinder- und Jugendhilfe von jungen Flüchtlingen gesprochen wird, dann kommen unterschiedliche Themen zur Sprache, die seit vielen Jahren in der Fachdiskussion virulent sind.

Traumatisierung und Flucht 

In der Fachdebatte wird stark auf den besonderen Unterstützungsbedarf von jungen Menschen aufgrund ihrer traumatisierenden Fluchterfahrungen hingewiesen. Biografische Besonderheiten von begleiteten wie auch unbegleiteten jungen Flüchtlingen sind traumatische Erfahrungen, häufig Kriegserfahrungen, die in Form von posttraumatischen Belastungsstörungen, aber auch Depressionen und Ängsten zum Ausdruck kommen. Viel wissen wir im deutschsprachigen Raum über die »Traumatisierung« von jungen Flüchtlingen nicht. In einer breit angelegten Sekundaranalyse bestehender Studien (Witt et al. 2015) werden bis zu 97 % aller untersuchten UMF als traumatisiert beschrieben, also im Grunde fast alle. Die Prävalenz für eine posttraumatische Belastungsstörung liegt bei männlichen UMF bei 30–60 %, bei weiblichen gar bei bis zu 70 %. Schaut man sich dann aber an, welche Prinzipien bei der Arbeit mit jungen Flüchtlingen mit traumatischen Erfahrungen besonders erfolgreich sind, dann zeigen sich folgende Ergebnisse: »Humanistischer und personenzentrierter Zugang und lösungsorientierte Antworten; Respekt für kulturelle Identität und Migrationserfahrungen; Förderung von Gleichheit; Entscheidungen schnell und transparent unter Einbezug der Beteiligten (auch deren Vormünder) kommunizieren; Förderung von Integration und Unabhängigkeit; Verfolgung eines ganzheitlichen Ansatzes: Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen zur Überwindung institutionalisierter Barrieren« (Witt et al. 2015, S. 221).

Es besteht derzeit die Tendenz, den Begriff des Traumas für sehr unterschiedliche Zuschreibungen zu gebrauchen: Es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob von einer klinischen Diagnose oder von einem alltagsweltlichen Verständnis ausgegangen wird. Praxiswissen zu dem Umgang mit Flüchtlingen ist derzeit bereits an vielen Stellen aufbereitet (Zito/Martin 2016). Die Erfahrungen zeigen auch, dass in der traumpädagogischen Arbeit zentrale Handlungsmaximen der Kinder- und Jugendhilfe besonders relevant sind: Transparenz, Partizipation, Respekt, Ganzheitlichkeit oder Netzwerkarbeit sind nicht erst mit der Zielgruppe junge Flüchtlinge im Feld wichtig.

Zum Weiterlesen:
In Ausgabe 03/17 des Sozialmagazin (S. 56)

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