Gastbeitrag

Sind Kompetenzen Bildung?

Seit der Bologna-Reform setzt sich in allen Bildungsbereichen der Kompetenzbegriff durch. Entscheidend ist nicht mehr, was vermittelt wird, sondern was die zu Bildenden am Schluss wissen oder können. Ist dieser Ansatz weitsichtig genug? Ein Kommentar von Prof. Dr. Hilde von Balluseck

14.09.2017 Bundesweit Artikel Frühe Bildung Online
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Als Anfang der 2000er Jahre die Bologna-Reform um sich griff, war auch ich beeindruckt. Die Ziele leuchteten mir sofort ein: die Förderung von Mobilität, internationaler Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigungsfähigkeit. Die Methode war eine Verschiebung der Bildungsziele von den Lehrenden zu den Kompetenzen der Lernenden. An ihnen sollte sich die gesamte Lehre orientieren. Es klang vernünftig, die Aufmerksamkeit zur richten auf das, was bei den Studierenden, bei den Schülerinnen und Schülern "hängen bleibt" und sie befähigt, dies oder jenes zu wissen, zu praktizieren, zu können. 

Auf Grundlage dieser Idee entstanden damals die ersten Studiengänge, in denen der Kompetenzerwerb durch die Absolvierung bestimmter Module gesichert werden sollte. Für alle Wissensgebiete, also auch für die Fachschulen für Erzieherinnen und Erzieher, wurde diese Kehrtwende dann zunächst im Europäischen, dann im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) umgesetzt. Die Definition, Beschreibung und Festlegung von Kompetenzniveaus sollte der internationalen Auswechselbarkeit der Arbeitskräfte auf die Sprünge helfen. Und nun bemühen sich Hochschulen, Fachschulen und zunehmend auch Schulen darum, den entsprechenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft habe "Millionen in Kompetenzmodellierungsprogramme gesteckt", so der Philosoph Christoph Türcke. Damit soll die Kompetenz operationalisierbar werden.

Auf die Haken dieser Idee oder Ideologie haben zahlreiche Kritiker der Bologna-Reform hingewiesen. Selten befasste sich jedoch eine dieser Kritiken mit dem Knackpunkt der Bologna-Reform: dem Kompetenzbegriff. Christoph Türcke hat sich jetzt in der Süddeutschen Zeitung des Themas angenommen.

Das Problem besteht darin, dass Kompetenz mit Bildung gleichgesetzt wird. "Menschen kommen dabei nur noch als Kompetenzbündel vor“, so Türcke. „Der gemeinsame Fundus, aus dem diese disparaten Kompetenzen hervorgehen, die Person, in der sie zuammenhängen, interessiert nicht mehr." Es komme zu einer „Schrumpfung des Menschen auf eine Verfügungsmasse von Verhaltensweisen" und zur "Degradierung von Lehrern zu Lernbegleitern". Es sei aber der "innere Niederschlag einer Erlebensvielfalt", der die Bildung eines Menschen ausmache.

Bildung ist, so die Folgerung, weit mehr als die Ansammlung von verwertbaren Kompetenzen. Sie besteht im Gesamtgefüge dessen, was Menschen erleben, erfahren und verarbeiten. Bildung von Menschen, ob klein oder groß, ist nicht durch eine Beschreibung ihrer Kompetenzen definierbar, die sie erworben haben. Und auch die Verwertbarkeit der Arbeitskräfte wird durch den Kompetenzbegriff nicht garantiert - dazu sind die Menschen wie auch die Anforderungen der Arbeitswelt zu komplex. Insofern ist Christoph Türckes Kritik voll zuzustimmen.

(Zitate von Christoph Türcke aus dem Artikel "Fatale Schmeichelei. Bildung ist keine Kompetenz", Süddeutsche Zeitung vom 7.8.17, Seite 11.)

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.fruehe-bildung.online, dem Fachportal für den Bildungszeitraum von 0 bis 13 Jahren.


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