Didaktischer Meerrettich

"Deutsch aktiv" war witzig, "Die Suche" von H.M. Enzensberger war spannend, "Optimal" ist europäisch. Wie der Geist der Zeit durch die DaF-Lehrwerke von Langenscheidt weht.

29.10.2004 Pressemeldung Langenscheidt GmbH & Co. KG

Vor bedenklichen Medikamenten warnt der Hinweis auf Arzt oder Apotheker. Vor "Deutsch aktiv" warnte Joachim Sartorius. Zu seinem Einstand als Generalsekretär des Goethe-Instituts 1997 beschwor der Schriftsteller in einem Essay in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die "Gefahr einer Banalisierung von Inhalten und damit einer intellektuellen Unterforderung durch einseitige Ausrichtung auf Realsituationen". Sartorius missfiel der so genannte "kommunikative Ansatz", mit dem Langenscheidt lebensferne Lehrbücher der "audio-lingualen Methode" auf einmal alt aussehen ließ. "'Deutsch aktiv' war didaktischer Meerrettich", sagt Dr. Herbert Bornebusch, Leiter der Redaktion Lehrwerke bei Langenscheidt, mit leuchtenden Augen, "das hat durchgepustet".

Noch heute, 25 Jahre nachdem die Didaktik-Revoluzzer Gerd Neuner, Theo Scherling, Reiner Schmidt und Heinz Wilms ihr etwas unge-hobeltes geistiges Kind in die Welt setzten, lernen weltweit Schüler damit Deutsch - auch wenn bei Langenscheidt seither viele größere und kleinere Titel erschienen sind. Egal ob "Moment Mal", "Die Suche", "Neuer Start", "Berliner Platz" oder "Optimal" - Kritikern wie Sartorius zum Trotz folgen die Lehrwerke stets dem Anspruch, auf unterhaltsame Weise für das alltägliche Leben vorzubereiten und weniger für das Literaturstudium. Frei nach dem Motto: Mit Hölderlin kommt der Zuwanderer im Jobcenter nicht weit.

Mit ihrem neuen Ansatz von "Deutsch aktiv" ist die DaF-Viererbande bei anderen Verlagen gescheitert. Karl Ernst Tielebier-Langenscheidt konnte sich indes für das revolutionäre Konzept begeistern und legte so den Grundstein für ein neues Arbeitsfeld in seinem Verlag, das sich seit dieser Zeit sowohl innovativ wie erfolgreich entwickelt hat.

Das Schwarz-Weiß-Werk setzte auf witzige Dialoge, Illustrationen im Comicstil und hinterfragte das biedere Deutschlandbild der Familie Mustermann. "Dass eine Geschichte in der Imbissbude spielt, war in den 50ern nicht denkbar", erklärt Bornebusch. Dem Fleißideal wider-sprach Lektion 6A, "Herr Rasch beim Chef". Der Angestellte braucht zu lange für eine Erledigung und muss sich rechtfertigen. Der Lerner soll Herrn Rasch eine kleine Lügengeschichte für den Chef in den Mund legen und die wahre Geschichte mit Hilfe der Bilder-Sequenz auf derselben Seite erzählen: Kaffee gekocht, mit der Sekretärin geflirtet, Spaziergang gemacht - solange bis das Perfekt sitzt.

Vor allem an den Zeichnungen schieden sich die Geister. "Wir wollten damals die Lernenden durch visuelle Impulse, durch Bilder, die provozieren, zum Sprechen bringen", erinnert sich der Münchner Kunstpädagoge und Lehrbuchillustrator Theo Scherling. Zuvor waren Bilder in Lehrwerken entweder bloßer Schmuck oder pure Informa-tion, plötzlich gab es Doppeldeutigkeit, Ironie, Spiel. Die Provokation ist gründlich gelungen, zum Beispiel mit dem Bild einer missratenen Weihnacht, auf dem sich die Kinder um ein Stoff-Tier balgen, Papi die mollige Mami auslacht, die sich einen viel zu engen Pullover vor die Brust hält, Opa seelig-besäuselt im Lehnstuhl hängt und sich der Dackel an einem Stoffhund vergreift.

So viel Sünde wollte das Direktorat einer italienischen Klosterschule in ihrem Haus nicht walten lassen und schickte die Neuerwerbung zurück an den Verlag. "Jedes Komma hatten die Verlagslektoren damals gecheckt, nur die Bilder hat keiner ernsthaft angeschaut", erinnert sich Scherling. Anstelle des übergriffigen Dackels fand sich schon in der eilig gedruckten nächsten Auflage die - immerhin satiretaugliche - Banderole mit der Aufschrift: "Stille Nacht, heilige Nacht".

Anstoß erregte bei humorloseren Zeitgenossen auch Rocko. Das war ein u.L. - ein unbekanntes Lebewesen. Es hatte Warzen, Stilaugen, einen Rüssel, den es naiv in alle möglichen Angelegenheiten steckte. Mithilfe von Rocko demontierte Scherling auf Seite 48 von "Deutsch aktiv" das Deutschlandbild, dort verkörpert durch Armin den Etrusker, eine Statue aus dem Teutoburger Wald. In einer Zeichnung zerlegen Rocko und seine Gefährten den Rüstungsmann mittels ihrer Ufos - natürlich nicht ohne die einzelnen Körperteile zu benennen.

"Im Unterricht will sich niemand blamieren", erklärt Scherling, "Rocko repräsentiert also den schwächeren Lerner und schützt ihn vor Spott." In den USA hat man ganze Szenen mit Rocko nachgespielt, Scherling bekam rührende Bilder aus dem Unterricht geschickt. In Indien dagegen machte Rocko Ärger: Er gleiche einem Schwein, mo-nierte ein Lehrer, aus religiösen Gründen könne man deshalb nicht mit diesem Buch unterrichten.

Dass anspruchsvolle, schriftstellerische Lehrwerke ein Massen-publikum schwerer erreichen als die anarchisch-heiteren mussten die DaF-Experten des Verlages erfahren, als sie gemeinsam mit dem Autor Hans Magnus Enzensberger ein Experiment wagten: Deutsch lernen als Krimi. Enzensberger, und später auch der Peter Schneider, texteten jeweils eine zusammenhängende Geschichte, die den Lerner durch das Prinzip Spannung von Kapitel zu Kapitel begleitete. So beginnt "Die Suche": "Zwei Männer - Gröger und Schlock - warten in der U-Bahn. Sie suchen eine Frau. Ihr Name ist Zaza. Plötzlich sehen sie diese Frau. Sie steigt in die U-Bahn ein. Die beiden Männer folgen ihr."

"Die Suche" wurde in Fachkreisen hochgelobt, im Unterricht aber weniger oft eingesetzt als Standardwerke wie "Deutsch aktiv" oder "Moment mal", das in der DaF-Szene nur "Moma" heißt und im photorealistischen Magazinstil gehalten ist. Bornebusch vermutet: "'Die Suche' war einfach zu intelligent"; Scherling meint: "Das war einfach kein Schwellenbuch." Soll heißen: Lehrer können sich damit nicht kurz vor Betreten des Klassenzimmers schnell noch mit einzelnen Kapiteln vertraut machen.

"Der Spielraum für Experimente ist heute erheblich enger", bedauert Bornebusch. Das liegt auch daran, dass die Lehrwerke stets von der Politik geprägt waren. So versuchte man Anfang der 90er Jahre mit dem zweisprachigen Lehrwerk "Neuer Start" den Lernbedürfnissen der Aussiedler gerecht zu werden. Hier lernt der Leser etwa auf Seite 41 durch Herrn und Frau Sosna, wie man ein Anmeldeformular auf der Gemeinde ausfüllt. In jüngster Zeit bestimmt der Zuwanderungs-diskurs Gesellschaft und Politik - nun geht es verstärkt um die Welt Alltag und Arbeit. In "Berliner Platz", einem Werk aus dem Jahr 2002, suchen Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern Wohnung, Beschäftigung und eine Gebrauchsanweisung für das neue Land. Die Szenen spielen eher auf dem Flohmarkt als im Kaufhaus und eher in der Cafeteria als im Restaurant.

DaF-Lehrwerke sind längst nicht mehr reine Sprachenvermittlung, sondern auch Lebenshilfe. Dementsprechend hat sich auch die Vermittlung von Grammatik geändert. Wurde früher streng darauf geachtet, dass die Schwierigkeiten so angeordnet werden, dass der Lehrer sie schlüssig erklären kann, so kommt in Berliner Platz der Konjunktiv sehr früh vor, damit der Lerner auch das Register der Höflichkeit bedienen kann: "Ich hätte gerne...".

In "Optimal", dem jüngsten Lehrwerk, trifft sich Europa. Die abgebildeten Personen sind so authentisch wie die Schauplätze und stammen nicht mehr nur aus Russland (wie 1990) oder der Türkei (wie 1980). Da kommt Milena Hlasek in Lektion 1 aus Prag am Bahnhof an, berichtet die Italienerin Giovanna Rathmeier aus Mailand über ihr Leben mit ihrem österreichischen Bräutigam Herbert, erfährt man, wie der Turmwächter des Berner Münsters, Herr Probst, hoch über der Stadt wohnt. Die Geschichten sind oftmals das Ergebnis journalistischer Recherche und sehr wirklichkeitsnah.

Auch an "Optimal" hat Scherling mitgewirkt. Nach dem Tod des von vielen verehrten Lehrers und Autors Heinz Wilms im Jahr 1996 ist er der einzige, der seit 25 Jahren ununterbrochen DaF-Lehrwerke mitgestaltet. Für seine Zeichnungen ist heute allerdings nicht mehr viel Platz. "Die Spur für die Kür wird immer enger", bedauert er, "ich würde gerne wieder einmal ein Schwarz-Weiß-Buch machen". Auch er weiß: So etwas könnte man heute nicht mehr verkaufen. Bornebusch indes freut sich, dass "der Autor, der 'Deutsch aktiv' das Revolutionäre verliehen hat", nicht nur hervorragend zeichnet. "Er schreibt auch klasse Geschichten." Bestimmt jugendfrei.

Ansprechpartner

Gabriele Becker - Die Agentur für Presse und Öffentlichkeit
Nymphenburger Straße 101 / Rückgebäude
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