Rede von Kultusminister Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz zur Verleihung des Förderpreises für Literatur 2005 im Rahmen der 14. Literaturtage des Landes Sachsen-Anhalt in Halle

Es gilt das gesprochene Wort.

25.10.2005 Sachsen-Anhalt Pressemeldung Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrte Frau Danz,
verehrte Juroren,
meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Literaturfreunde,

Literatur, sagt Boris Pasternak, ist "die Kunst, Außergewöhnliches an gewöhnlichen Menschen zu entdecken und darüber mit gewöhnlichen Worten Außergewöhnliches zu sagen."

Unter Literatur versteht man bis in das 19. Jahrhundert hinein den Bereich der Gelehrsamkeit, im engeren Sinne die Schriften der antiken Autoren. Seit etwa 1830 wird der Ausdruck "Literatur" für die sprachlich fixierte Überlieferung einer Nation verwendet, in der Werke von Kunstrang im Mittelpunkt stehen. Zwei Generationen später setzte sich das Wort "schöne Literatur", original "belles lettres", als Synonym für poetische Nationalliteratur durch. Damit war die Unterscheidung von wissenschaftlichen (philosophischen) und literarischen Texten geklärt: Nicht mehr "rationale Ableitung", wie sie wissenschaftliche Abhandlungen mit dem ihnen eigenen Stil beinhalten, sondern Texte, die aus Erfindung, Phantasie, aus aufgezeigten Möglichkeiten und sprachlich-ästhetischer Gestalt- und Formfindung heraus entstehen.

Literatur ist "Er-Findung". Sie ist nicht nur Variation des Wirklichen, sondern auch des Möglichen. Genauer gesagt, Personen und Geschehnisse, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, werden auf diese Weise als literarische Gestalten oder Geschichten in unserer Vorstellung wirklich. Es gibt literarische Figuren, die uns vertrauter als manche existierenden Menschen sind. Was ist hier wirklicher, wer wirkt hier mehr?

Eine Geschichte, ein Gedicht oder ein Roman geben uns die Möglichkeit, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sie zeigen uns die Vielfalt der Welt als eine schier unendliche Fülle menschlicher Ansichten und Schicksale. Sie lassen uns Position beziehen, Standpunkte einnehmen oder auch wechseln, vor allem aber über unseren eigenen Horizont nachdenken und über ihn hinausschauen. Vor allem aber lässt uns Literatur, wie kaum ein anderes Medium, Fantasie einsetzen. Der imaginative Reichtum der Literatur sollte vor allem jungen Menschen zugänglich sein.

Schon seit geraumer Zeit sind Schriftsteller gewissermaßen beliebter als ihre Bücher. Während der Belletristik-Markt im Buchhandel nur unwesentlich wächst, steigt die Zahl der Lesungen unaufhörlich. Das Publikum zieht fast immer mit, mal zu einem knappen Dutzend in eine Buchhandlung, mal zu Hunderten wie heute in ein Theater. Hatte Literatur bis vor etwa zehn, fünfzehn Jahren fast ausschließlich ihren Ort im Stillen, in der individuellen Rezeption, steht sie heute im Mittelpunkt kultureller Events wie Literaturmessen, Lesefesten und viel beachteter Foren, denken wir nur an die gerade stattfindende Frankfurter Buchmesse.

Auch der Stadt Halle soll sich die Literatur in den nächsten Tagen ganz bemächtigen. Unter den Eingeladenen sind so bekannte Autoren wie Ulrich Treichel, Mirjam Presseler, Wilhelm Bartsch und Andre Schinkel. Gelesen wird an verschiedenen Plätzen, Buchhandlungen, Theatern, Bibliotheken und Cafes. Hauptveranstaltungsort ist die Kulturinsel. Ich wünsche mir, dass die 14. Literaturtage ein Wohlfühlfest für die Leser werden. Ich wünsche den Besuchern der Literaturtage viele gute Gespräche mit den Autoren bis spät in die Nacht hinein, und den Organisatoren wünsche ich, dass der Strom des lesehungrigen Publikums nie versiegen möge. Ganz besonders wünsche ich den Literaturtagen aber, dass Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, Literatur zu entdecken. Veranstaltungen wie die "Poetensprechstunde" oder "Scripts on Stage" werden sicherlich gerade junge Besucher anziehen.

Es gehört nun schon zu den guten Traditionen in unserem Land, dass die jährlichen Literaturpreisverleihungen je nach ihrer Kategorie in die jeweiligen internationalen Kongresse bzw. in die Landesliteraturtage eingebettet werden. Für die 14. Landesliteraturtage hat sich die Stadt Halle mit ihrem Konzept "Das Salz in der Suppe" durchsetzen können, so dass wir nunmehr in den Genuss kommen, im neuen theater in Halle den Förderpreis für Literatur 2005 zu vergeben.

Was darf man sich besonders für junge Autoren wünschen? Die Debütanten und jungen Literaten sollten im Rahmen der Literaturtage Gelegenheit für Experten­gespräche und Dialoge mit dem "ganz normalen" Publikum haben. Nichts ist wichtiger für einen Autor, zumal wenn er noch in der Phase der Suche nach seinem Stil, seinen Themen und sozusagen in der handwerklichen Erprobung ist, als der Kontakt zu erfahrenen Literaten, zu Literaturfreunden und natürlich zum Publikum. Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde, sagt Jean Paul. Und Talent allein reicht nicht aus, es braucht Aufmerksamkeit, Pflege und Förderung

So ist der Förderpreis für Literatur gemeint und angelegt, und aus eben diesem Grunde wird er ihm Rahmen der Landesliteraturtage verliehen. Ich bin mir sicher, dass Frau Danz, die wir gleich mit dem Preis ehren werden, gerade diese Atmosphäre, dieses "literarische Klima" als wichtig und wertvoll für ihre weitere künstlerische Entwicklung aufnehmen wird.

Doch zuvor lassen Sie mich kurz auf eine Neuerung eingehen. Mit der Neuregelung zur Vergabe der Literaturpreise in Sachsen-Anhalt aus dem Jahre 2004 hat mein Haus den Förderpreis für Literatur, den wir heute an Frau Danz erstmals in dieser Form vergeben, neu definiert. Er wird heute und zukünftig für herausragende literarische Leistungen junger Autoren im Alter bis 35 Jahre verliehen, die einen literarischen oder biografischen Bezug zu Sachsen-Anhalt oder zur mitteldeutschen Kulturregion haben. Diese Weitung und Öffnung haben wir bewusst gewählt, weil wir hoffen, dass damit das Wirken junger Autoren, die naturgemäß über eine hohe Mobilität verfügen (müssen), noch breiter und gleichwohl noch gezielter stimuliert werden kann.

Den Juroren, Dr. Christoph Bartmann, Hans-Jürgen Balmes und Manfred Köppe darf ich bescheinigen, dass sie – alle relevanten Aspekte für die Vergabe eines Förderpreises für Literatur bedenkend – einen ausgezeichneten Kandidatenvorschlag unterbreitet haben, dem ich gern gefolgt bin. Daniela Danz repräsentiert eine neue junge Generation von Schriftstellern und Schriftstellerinnen in unserem Land, auf deren weiteres Schaffen man mehr als gespannt sein darf.

In ihren Begründungen zu dem Kandidatenvorschlag hebt – ich darf zitieren – die Jury besonders hervor: "Seit der Zeit ihres Studiums – sie studierte in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig sowie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – schreibt Frau Daniela Danz. Dabei lässt ihre Entwicklung von Lyrik zu größer angelegter exzählerischer Prosa die Aufmerksamkeit und Konzentration erkennen, mit der sie an ihrem eigenen Talent arbeitet. Von Anfang an zeigten ihre Gedichte eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. In tastenden Bewegungen kombiniert sie in größeren Textzyklen wie "Arachne" Lyrik mit Prosa und steht nun an der Schwelle zu einem Roman".

Mir gefällt besonders, wie sich die Autorin in ihren Werken sehr bewusst mit Geschichte und Landeskunde des heutigen Sachsen-Anhalt auseinandersetzt bzw. sich von dieser Geschichte inspirieren lässt. In der Tat, einen größeren geschichts- und kulturlandschaftlichen Fundus als in unserer mitteldeutschen Region kann man wohl kaum in der Bundesrepublik finden. Nicht zuletzt die großartigen Traditionen der deutschen Schriftsprache, die ja hier kräftige Wurzeln haben, sind für jeden Schriftsteller ein gutes Fundament, um von ihm aus in neues Terrain vorzudringen. Dass Sie diesen Fundus aufgreifen, ist ebenso zu würdigen wie Ihre literarische Profilierung.

Sehr geehrte Frau Danz, ich freue mich darauf, Ihnen gleich – nach der Laudatio – den Förderpreis für Literatur des Landes Sachsen-Anhalt 2005 zu überreichen. Ihre Werke "Arachne" oder "Serimunt" haben ebenso wie Ihre Publikationen in Anthologien und Literaturzeitschriften unter Beweis gestellt, dass Sie in der Prosa und Lyrik schon in jungen Jahren Erstaunliches leisten, dass Sie über künstlerisches Sprach- und Darstellungsvermögen ebenso wie über eine fast nüchterne naturwissenschaftliche Analytik und exzellente kulturell-historische Kenntnis verfügen und beides kunstvoll in Ihren literarischen Werken zu verknüpfen wissen. Man darf gespannt sein auf Ihr weiteres literarisches Schaffen. Das nächste Werk wird wohl der angekündigte Roman sein, für dessen Vollendung ich Ihnen viel Erfolg wünsche.

Es ist, glaube ich, für uns alle eine besondere Ehre und Freude, dass Werner Söllner sich bereit erklärt hat, die Laudatio auf die Trägerin des Förderpreises für Literatur 2005 zu halten. Werner Söllner, geboren 1951 in Horia in Rumänien, studierte in Klausenburg Physik, Germanistik und Anglistik. 1982 siedelte er nach Deutschland über, wo er als freischaffender Autor bei Frankfurt a.M. lebt. Er hat mehrere Gedichtbände publiziert, zahlreiche Literaturpreise erhalten und zählt heute zu den herausragenden Lyrikern der Bundesrepublik Deutschland. Ich freue mich sehr, dass wir nun Ihre Laudatio auf Daniela Danz hören können.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden