Weitere Stellungnahmen zur Fitnesslandkarte des Niedersächsischen Kultusministeriums

Zur Fitnesslandkarte Niedersachsen und den Einwänden der Sportpädagogen aus Hannover und Osnabrück liegen bildungsklick.de zwei weitere Stellungnahmen vor. Geäußert haben sich der Leiter der Abteilung Gesellschaft und Training am Institut für Sportwissenschaften der Georg-August-Universität Göttingen, Herr Prof. Dr. Arnd Krüger, sowie einer der bedeutendsten deutschen Sportmediziner, Prof. Dr. Dr. Wildor Hollmann von der Sporthochschule in Köln.

09.12.2005 Artikel

Prof. Dr. Arnd Krüger:

"Göttingen, den 6.12.2006

Das Projekt der Fitnesslandkarte Niedersachsen knüpft an die WIAD-AOK-DSBStudie II an, bei dem im Rahmen von "Fit sein macht Schule" bundesweit über 20.000 Schülerinnen und Schüler (hierunter 1482 aus Niedersachsen) getestet wurden.

Mit der Fitnesslandkarte Niedersachsen wird nun eine Vollerhebung für Niedersachsen durchgeführt, die erforderlich ist, um im Rahmen eines ungeklärten Bündels von Fragen bzgl. des Schulsports für Niedersachsen relevante Antworten finden zu können. Teilerhebungen - und seien sie auch noch so umfangreich - setzen voraus, dass die Faktoren, die die Grundgesamtheit beeinflussen, hinreichend bekannt sind. Jedes Ziehen einer Stichprobe setzt eine Theorie voraus, die die Auswahl der Stichprobe rechtfertigt. Ich finde den Mut des Kultusministeriums bewundernswert, den Weg der Vollerhebung gegangen zu sein und sich nicht auf Stichproben zu verlassen.

Natürlich setzen auch die 14 Fragen und 7 sportmotorische Tests der Fitnesslandkarte eine Theorie voraus, dass nämlich mit dieser Auswahl die wichtigsten Aussagen bzgl. des Fitness-Standes der Schülerinnen und Schüler möglich sind - und dass deren Fitness eine wichtige gesellschaftliche Größe ist. Wo, wenn nicht im Sportunterricht, sollte man die Fitness abtesten, auch wenn der Sportunterricht noch andere wichtige Elemente vermitteln kann und soll?

Gegenüber der WIAD II Studie wurde dabei das Testinstrumentarium nur um einen Sechs-Minutenlauf als Test der aeroben Leistungsfähigkeit zusätzlich aufgenommen, während die Fragen nach den demographischen Daten und den Sportartenpräferenzen identisch blieben. Hierdurch ist eine weitgehende Vergleichbarkeit der Daten mit den Vorläuferuntersuchungen möglich, was den Wert der Erhebung insgesamt sehr positiv beeinflusst.

Will man denselben Test für alle zehn Altersstufen durchführen - und nur das scheint sinnvoll, um bei der Problematik der Altersheterogenen Zusammensetzung von Schulklassen den Erhebungsaufwand in Grenzen zu halten - so ist der verwendete Test, der sich am Münchner Fitnesstest orientiert, ausgesprochen überzeugend. Die Validität ist hinreichend fur große Gruppen.

Durch den eng gehaltenen Testzeitraum von fünf Wochen ist ein wichtiges Kriterium der Reliabilität gegeben. Die Tests sind allerdings abhängig von der Motivation der einzelnen Schülerinnen und Schüler sowie teilweise auch von der Leistungsfähigkeit der Mitschülerinnen und Mitschüler (der Sechs-Minuten-Lauf wird nicht allein bestritten), was die Reliabilität negativ beeinflusst. In der Summe ist die Reliabilität jedoch groß genug, um die Daten sinnvoll verwerten zu können.

Dass die Lehrerinnen und Lehrer als Versuchsleiter in vielen Fällen mit einer solchen Testsituation überfordert sind, da sie zwar Sport unterrichten, hierfür aber nicht oder unzureichend ausgebildet wurden, ist eine Besonderheit gerade in Niedersachsen. Hier ist in den letzten zehn Jahren mehr als ein Viertel der Ausbildungskapazität an den Universitätssportinstituten abgebaut worden und auch in der gegenwärtigen Situation, z. B. durch die Umstrukturierungen an der Universität Göttingen, geht weitere Ausbildungskapazität für den Sport verloren. Niedersachsen ist damit mit Professoren und Lehrkräften an den Universitätssportinstituten weit unterdurchschnittlich im Bundesdurchschnitt versorgt. Durch die teilweise unzureichende Vorbildung der Sportlehrkräfte und Einweisung in die Erfordernisse des Tests wird die Objektivität der Daten beeinträchtigt - in der Summe behalten die Daten jedoch ihren Wert.

Ich gehe davon aus, dass die Zielsetzung der Fitnesslandkarte objektive Ermittlung der Ursachen für den aktuellen Fitnesszustand der niedersächsischen Schülerinnen und Schüler ist und damit die Chance fur eine längerfristige Verbesserung des Fitnesszustandes darstellt. Mit dem Fragebogen und dem Fitnesstest lässt sich z.B. überprüfen, welche Zusammenhänge es zwischen dem Umfang des Sportunterrichts, der Sportvereinsmitgliedschaft und dem Training im Verein im Hinblick auf die physische Leistungsfähigkeit gibt.

Manche Hypothesen lassen sich mit dem Fragebogen auch nicht überprüfen und müssen wohl künftigen Detailuntersuchungen vorbehalten sein, um weitere Faktoren zu ergründen, die durch die Politik beeinflussbar sind, nämlich z.B.

  • Welche Rolle spielt die Qualität der Ausbildung der Lehrkräfte,
  • Welche Rolle spielt die räumliche Entfernung der Wohnung zur Schule und die Art des Zurücklegens des Schulweges,
  • Welche Rolle spielt die Art und die Ausstattung des schulischen Sportangebots,
  • Welche Rolle spielt die Verteilung der Sportstunden in der Stundentafel, etc.

Natürlich ist der Test für die Fitnesslandkarte mit einem erheblichen Zeitaufwand verbunden, natürlich können schlechte Testergebnisse einzelne Schülerinnen und Schüler demotivieren, natürlich kann man mehr und anderes abtesten und abfragen, aber um überhaupt erst einmal eine objektive Datenbasis für den Fitness-Zustand der niedersächsischen Schuljugend zu bekommen, hat das Kultusministerium einen ganz wichtigen Schritt getan. Ich hoffe sehr, dass weitere mutige Schritte folgen werden.

Prof. Dr. Arnd Krüger"

Prof. Dr. Arnd Krüger
Leiter der Abt. Gesellschaft und Training
Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Sportwissenschaften
Georg-August-Universität Göttingen
Sprangerweg 2
37075 Göttingen

Univ.-Prof. mult. Dr. med. Dr. h. c. Wildor Hollmann:

"Köln, den 7.12.2006

Seit Jahrzehnten - erstmals in den 1960er Jahren - wird seitens der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Deutschen Sportärztebundes eine flächendeckende Erhebung über die körperliche Leistungsverfassung im Kindes- und Jugendalter gefordert. Es sollte sich um eine Längsschnittuntersuchung handeln, welche die Möglichkeit ergibt, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt Beurteilungen des Leistungsverhaltens für Gleichaltrige unter vergleichbaren anthropometrischen Bedingungen durchzuführen.

Aus dieser Sicht ist es erfreulich, dass das Niedersächsische Kultusministerium die Einführung eines flächendeckenden Tests in Bezug auf Merkmale körperlicher Leistungsfähigkeit beabsichtigt. Jeder Feldtest birgt Nachteile. So können mit den vorgeschlagenen Maßnahmen keine lückenlosen Beurteilungen vorgenommen werden. Wird dieser Gesichtspunkt in der Zielsetzung berücksichtigt, stellt das niedersächsische Vorhaben einen guten Schritt in die richtige Richtung dar.

Weitergehende Aspekte wie Zeitaufwand, Personal, Zahl der Unterrichtsstunden können natürlich von mir nicht beurteilt werden und liegen auch außerhalb der oben genannten medizinischen Beurteilung.

Es sei darauf hingewiesen, dass in verschiedenen europäischen, asiatischen und amerikanischen Ländern Längsschnittstudien seit mehreren Jahrzehnten bestehen.

Univ.-Prof. mult. Dr. med. Dr. h. c. Wildor Hollmann"

Deutsche Sporthochschule Köln
Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin
Univ.-Prof. mult. Dr. med. Dr. h. c. Wildor Hollmann
Carl Diem Weg 6
50933 Köln

Siehe auch weitere Beiträge zu

Fitnesslandkarte Niedersachsen unter bildungsklick.de


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