Bildungs- und Kulturzentren als Chance für Kommunen
Die Förderung des Lebenslangen Lernens ist zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden. Kommunale Bildungs- und Kulturzentren können hier einen wichtigen Beitrag leisten.
20.11.2023 Bundesweit Artikel Prof. Dr. Richard StangSchulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen können heute die notwendigen Kompetenzen nicht mehr alleine fördern. Zur Unterstützung des Lebenslangen Lernens bedarf es veränderter institutioneller Kontexte, die einen niedrigschwelligen Zugang zu Bildung und Information ermöglichen. Kommunale Bildungs- und Kulturzentren, in denen Bibliotheken sowie Bildungs- und Kultureinrichtungen den Bürgerinnen und Bürgern – egal mit welchem Bildungshintergrund – Lernoptionen eröffnen, können solche Orte sein.
Während in den letzten Jahren im Ausland groß angelegte Projekte realisiert wurden, um solche Strukturen zu entwickeln – z. B. das DOKK1 in Aarhus, das Rozet in Arnheim, das Oodi in Helsinki, der Wissensturm in Linz, die Idea Stores in London –, geht die Entwicklung in Deutschland eher zögerlich voran.
Unterschiedliche Strukturen in Deutschland
Mit der Studie „Bildungs- und Kulturzentrum als kommunale Lernwelten“ wurde nun erstmals ein Überblick über die Entwicklung in Deutschland vorgelegt. Der Blick auf über 40 Bildungs- und Kulturzentren zeigt, dass die Strukturen sehr unterschiedlich sind. Während sich zum Beispiel im DAStietz Chemnitz eine Bibliothek, eine Volkshochschule und zwei Museen finden, sind es im Bildungs- und Medienzentrum Trier Bibliothek, Volkshochschule und Musikschule. Bei Kultur123 Rüsselsheim bilden wiederum Bibliothek, Volkshochschule, Musikschule und Theater einen Campus. Alle Bildungs- und Kulturzentren teilen das Anliegen, der Bevölkerung Lernoptionen zu eröffnen, die sie beim Lebenslangen Lernen unterstützen.
Neben der unterschiedlichen institutionellen Zusammensetzung, gibt es auch verschiedene Organisationskonzepte für die Gestaltung der Zusammenarbeit:
- Kontraktmodell: Die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen wird über Verträge geregelt. Dabei werden klare Regeln der Kooperation vereinbart. Es ist möglich, dass eine der Einrichtungen die Koordination übernimmt. Es kann aber auch sein, dass die Institutionen gleichberechtigt die Organisation gestalten.
- Steuerungsmodell: Eine übergeordnete Behörde beziehungsweise ein kommunales Amt steuert die Zusammenarbeit der organisatorisch noch eigenständigen Institutionen. Es handelt sich hier um ein Aufsichtsmodell, in dem gegebenenfalls Kooperationsstrukturen vorgegeben werden.
- Intendanzmodell: Die beteiligten Institutionen werden durch eine übergreifende Geschäftsführung koordiniert und beaufsichtigt. Die beteiligten Institutionen bleiben organisatorisch selbstständig. Die Strukturen der Kooperation werden über Absprachen und die Koordination durch die Intendanz gesteuert.
- Institutionalisierungsmodell: Im Zentrum steht hier die organisatorische Zusammenlegung der Einrichtungen. Es gibt dann eine für alle Einrichtungen zuständige Leitung: Dies kann eine Leitung von einer der beteiligten Einrichtungen sein oder eine übergeordnete Leitung.
Bildungs- und Kulturzentren als Teil der Stadtentwicklung
Die genannten, neu entstandenen Zentren im Ausland sind zudem wichtige Faktoren der jeweiligen Stadtentwicklung: Beispielsweise wurde das DOKK1 in Aarhus direkt ans Wasser gebaut, in einer sonst eher für teure Wohnbebauung vorgesehenen Lage. Damit wurde für die Bevölkerung ein Zeichen gesetzt, wie wichtig der Stadt der niedrigschwellige Zugang zu Bildung und Information ist. Auch in Deutschland werden Projekte im Rahmen der Stadtentwicklung vorangetrieben. So sollte das DASTietz in Chemnitz dazu beitragen, die Innenstadt wieder zu beleben. Mit dem Haus des Wissens in Bochum, das derzeit umgesetzt wird, soll ebenfalls ein Ankerpunkt in der Innenstadt zur Verfügung gestellt werden. Dort wird auch eine Markthalle ins Bildungs- und Kulturzentrum integriert. Das RW 21 in Bayreuth oder das Zentrum für Information und Bildung (zib) in Unna sollen als Projekte dazu dienen, problematische Randbereiche der Innenstadt aufzuwerten.
Insgesamt lässt sich zeigen, dass Bildungs- und Kulturzentren einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Umfelds haben. Manchmal sind die Effekte so stark, dass sich auch das Umfeld verändert und es zu Gentrifizierungseffekten kommt, die so nicht geplant waren. Für Kommunen eröffnen Bildungs- und Kulturzentren Optionen, die Bildungslandschaft so zu gestalten, dass die Potenziale der beteiligten Einrichtungen noch besser zum Tragen gebracht werden können.
Potenziale für gesellschaftliche Kommunikation
Neben der Bildungsfunktion und der Bereitstellung attraktiver öffentlicher Räume können Bildungs- und Kulturzentren auch eine soziale Ankerfunktion übernehmen. Sie können als sogenannte „Dritte Orte“ fungieren und zur Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger werden. Als Aufenthalts- und Begegnungsorte bieten sie die Möglichkeit zu bürgerschaftlicher Kommunikation, die in Anbetracht der gesellschaftlichen Umbrüche eine immer größere Relevanz erhält. Bildungs- und Kulturzentren erhalten so eine zunehmende Bedeutung als Vergemeinschaftungsorte. Dies wird umso wichtiger, da diese öffentlichen Orte in den letzten Jahren abgenommen haben.
Durch die Bündelung der institutionellen Kompetenzen wird Bürgerinnen und Bürgern eine Anlaufstelle geboten, die ihre Bildungs- und Informationsbedürfnisse in der Breite befriedigen kann. Innovative Raumkonzepte können Perspektiven eröffnen, die deutlich machen, dass Lernen in den unterschiedlichsten räumlichen Settings stattfinden kann.
Entstehung kommunaler Lernwelten
Die Etablierung eines Bildungs- und Kulturzentrums sollte allerdings in eine Konzeption einer kommunalen Bildungslandschaft eingebettet sein. Solche Zentren können ihre Qualität erst entwickeln, wenn sie in ein gut strukturiertes Netzwerk von Institutionen eingebunden sind. Die Steuerung dieser Entwicklung stellt vielfältige Anforderungen an die Kommune. Hierzu müssen fundierte Konzepte entwickelt werden. Auch wenn dies teilweise einen immensen Aufwand und in Anbetracht der finanziellen Situation von Kommunen viel Kommunikation erfordert, lohnen sich die Anstrengungen, wie sich an vielen Beispielen zeigen lässt. Eine zukunftsorientierte kommunale Bildungsstrategie wird sich ohne Bildungs- und Kulturzentren nur bedingt umsetzen lassen. Die ersten Schritte sind in Deutschland gemacht, nun geht es darum Bildungs- und Kulturzentren in der Breite als kommunale Lernwelten zu etablieren.
Hier finden Sie die Studie „Bildungs- und Kulturzentren als kommunale Lernwelten“.
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