Kunstmuseum oder Müllverbrennungsanlage?
Die Bildungswelt diskutiert derzeit über den Sinn von Klassenfahrten. Wir stellen die verschiedenen Positionen vor und zeigen, wie Lehrkräfte und Lernende von Exkursionen profitieren können. Von Franziska Schuberl
19.09.2023 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen"Schafft Klassenfahrten ab!“ Das fordert Lehrer Ryan Plocher in seinem Gastbeitrag in „Die Zeit“ vom 19. Juli 2023. Er erntete damit nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik. Plocher argumentiert, dass Klassenfahrten für Eltern zu kostenintensiv sowie teils nicht mehr zeitgemäß seien, Lehrkräfte übermäßig beanspruchen würden und für viele Kinder schwer zu bewältigen seien. Bildungsforscherinnen und -forscher vom Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg setzten dem am 6. August auf dem Onlineportal News4teachers ein Plädoyer für Klassenfahrten entgegen.
Die Befürworter betonen die Vorteile des praktischen Lernens, da Schüler bei Klassenfahrten das im Unterricht Gelernte in der realen Welt anwenden könnten. Zudem könnten außerschulische Lernorte die persönliche Entwicklung der Schüler/-innen wie etwa ihre Selbstständigkeit, Teamfähigkeit oder ihr Selbstvertrauen stärken. Die Vorfreude auf eine Klassenfahrt motiviere die Lernenden, sich im Unterricht besser einzubringen. Klassenfahrten könnten zudem der Klasse helfen, ein Wir-Gefühl zu entwickeln und Sozialkompetenzen zu schulen.
Dem Kosten-Argument von Plocher könne man außerdem entgegensetzen, dass einige Lernorte nur mit einem geringen Kostenaufwand verbunden sind – vor allem wenn Lehrkräfte Orte wählen, die sich in der näheren Umgebung befinden. Wir stellen daher im Folgenden verschiedene außerschulische Lernorte und innovative Lehrmethoden vor.
- Lernwerkstätten – praktische Erfahrungen in Naturwissenschaften, Technik, Kunst und Musik
Lernwerkstätten, ausgestattet mit Materialien und Werkzeugen, ermöglichen den Schülerinnen und Schülern forschendes Lernen. Lernende sollen eigenständig eine Fragestellung oder eine Zielformulierung entwickeln, bearbeiten, reflektieren und ihre Ergebnisse präsentieren. Je nach Art und Ausrichtung der Lernwerkstatt stehen den Schülerinnen und Schülern für die Umsetzung verschiedene Instrumente und Materialien zur Verfügung wie etwa Bibliotheken mit thematisch passenden Werken, Schulbüchern oder Fachzeitschriften. Viele Bildungseinrichtungen und Universitäten, etwa die Uni Kassel, verfügen über Lernwerkstätten, die Schulklassen nutzen können. - Historische Gedenkstätten – Geschichte lebendig machen
Der Besuch von Gedenkstätten – etwa das ehemalige Konzentrationslager Dachau in Deutschland, das während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten betrieben wurde – ermöglicht den Schülerinnen und Schülern beispielsweise die Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt. Dies kann zu einem besseren Verständnis für Politik und Geschichte führen und für gesellschaftliche und politische Themen sensibilisieren. (Website Gedenkstättenforum) - Schülerlabore – Naturwissenschaftliche Experimente erforschen
Schülerlabore bieten die Möglichkeit, naturwissenschaftliche Experimente in echten Laboren durchzuführen. Schüler/-innen können durch die praktische Anwendung Zusammenhänge erkennen und erhalten Einblick in die Laborarbeit. Das kann das Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen wecken und den Schülerinnen und Schüler helfen, ein tieferes Verständnis für Naturwissenschaften zu erlangen. Schülerlabore finden Lehrkräfte beispielsweise auf der Website von Schülerlabor-Atlas. - Ausflüge zur Umweltbildung – Bewusstsein für die Umwelt stärken
Neben Klassenausflügen in die Natur oder zu ökologischen Zentren, die Kindern und Jugendlichen Programme zur Umweltbildung anbieten, können auch Besuche systemrelevanter Infrastruktur eine wertvolle Ergänzung darstellen. Mit dem Besuch eines Müllheizkraftwerks oder einer Kläranlage können Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler für Umweltprobleme sensibilisieren und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen fördern. - Museumstouren – Kunst und Kultur intensiv erleben
Museumstouren ermöglichen den Schülerinnen und Schülern, Kunst und Kultur hautnah zu erleben. Dabei können sie in einen Dialog mit Kunstwerken und Künstlern eintauchen und ihre Wahrnehmungen, Empfindungen und Gedanken reflektieren und diskutieren. Diese Erfahrung fördert die Begeisterung für Kunst und Kultur und entfaltet kreative Fähigkeiten. Einen didaktischen Leitfaden mit Fragebogen für die Schüler/-innen bietet ein Fachartikel von Anna Maria Loffredo, Professorin für Fachdidaktik an der Kunstuniversität Linz in Österreich. - Citizen Science – Schülerinnen und Schüler als Teil der Forschung
Bei Citizen Science-Projekten beteiligen sich Laien an wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Durch die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an realen Forschungsaktivitäten werden sie zu aktiven Gestaltern der Gesellschaft und sie können ein stärkeres Bewusstsein für gesellschaftsrelevante Themen entwickeln, etwa für Umweltprobleme und Nachhaltigkeit. Schüler/-innen der Höheren Technischen Lehranstalt Kramsach beispielsweise arbeiten mit der Montanuniversität Leoben an einem Reaktor, der CO2 in grünes Methanol umwandeln soll. Die zentrale Plattform für alle Citizen-Science-Projekte und -Akteure in Deutschland finden Sie hier.
Checkliste für Lehrkräfte: So werden Exkursionen erfolgreich
Vorbereitung:
- Klären Sie den Zweck und die Ziele der Klassenfahrt oder Exkursion im Voraus.
- Stellen Sie sicher, dass die geplante Aktivität zu den Lehrplaninhalten passt und einen echten Mehrwert für die Schüler/-innen bietet.
- Planen Sie die Exkursion rechtzeitig und stimmen Sie sie mit der Schulleitung, Eltern und anderen Beteiligten ab.
- Ermitteln Sie die finanziellen Ressourcen für die Exkursion und prüfen Sie mögliche Unterstützungsmöglichkeiten.
- Erkunden Sie den Veranstaltungsort vorab, treffen Sie das Personal und arrangieren Sie die Aktivitäten im Voraus.
- Stellen Sie sicher, dass alle Schüler/-innen unabhängig von finanziellen, physischen oder intellektuellen Voraussetzungen teilnehmen können.
Sicherheit und Organisation:
- Planen Sie die An- und Abreise sorgfältig und stellen Sie sicher, dass alle notwendigen Genehmigungen und Versicherungen vorliegen.
- Informieren Sie die Schüler/-innen und ihre Eltern über den genauen Ablauf, die Aktivitäten und die benötigte Ausrüstung.
- Stellen Sie sicher, dass ausreichend Lehrkräfte als Begleitpersonen vorhanden sind und diese im Vorfeld entsprechend geschult werden.
- Prüfen Sie die Sicherheitsvorkehrungen am Veranstaltungsort und klären Sie die Schüler/-innen über mögliche Risiken auf.
- Erstellen Sie eine Liste mit Notfallkontakten und bringen Sie sie mit.
- Stellen Sie sich auf unvorhergesehene Situationen ein, um angemessen darauf reagieren zu können.
Während der Exkursion:
- Behalten Sie den Überblick über die Schüler/-innen und stellen Sie sicher, dass alle zusammenbleiben.
- Ermutigen Sie die Schüler/-innen, aktiv teilzunehmen und Erfahrungen zu sammeln.
- Helfen Sie den Schülerinnen und Schülern, Verbindungen zu den Lehrplaninhalten herzustellen und reflektieren Sie die Erfahrungen mit ihnen.
Nach der Exkursion:
- Nehmen Sie sich ausreichend Zeit, um die Erfahrungen mit den Schülerinnen und Schülern zu reflektieren und den Lernerfolg zu besprechen.
- Lassen Sie die Schüler/-innen ihre Erfahrungen teilen und ermutigen Sie sie, ihre Erkenntnisse schriftlich oder mündlich mitzuteilen.
- Bitten Sie die Schüler/-innen um Feedback zur Exkursion, um sie in Zukunft noch besser gestalten zu können.
- Danken Sie den Begleitpersonen und anderen Beteiligten für ihre Unterstützung und Hilfe.
Die Checkliste ist angelehnt an die wissenschaftliche Arbeit „A Review of Research on School Field Trips and Their Value in Education“ der Ohio University 2014.
Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 3/2023, S. 42-45 erschienen. https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_3_2023/#0
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