Die Besten als Lehrer
(ht) In Amerika und England haben sich zwei Initiativen gebildet, die unter Elitestudenten nach künftigen Lehrern suchen und sie nach einer kurzen, aber intensiven Ausbildung für zwei Jahre an Problemschulen schicken. Die Resonanz ist groß. Kann das Modell auch in Deutschland Schule machen?
04.09.2007 ArtikelBeruhigen sie nur ihr Gewissen? Oder bewirken sie tatsächlich etwas an den geplagten Schulen? Diese Fragen lassen sich wohl nicht endgültig beantworten. Doch die Resonanz ist unzweifelhaft. 17 000 Bewerber eiferten im letzten Jahr um die 2 400 Plätze des Programms. Die Rede ist von "Teach For America". Die Organisation zählt zu den renommiertesten Non-Profit-Unternehmen in Amerika.
Gegründet wurde "Teach For America" von Wendy Kopp, als Princeton-Studentin Teil der Bildungselite. Das war 1990, sie selbst gerade mal 22 Jahre alt. Das amerikanische Bildungssystem wachte gerade durch weltweite Vergleichsstudien auf. Schonungslos offenbarten sich die Unterschiede im Bildungsniveau. Das galt und gilt weiterhin vor allem für die Minderheiten der US-amerikanischen Gesellschaft. An den Problemschulen brodelt es bis auf den heutigen Tag. Das ließ bei Wendy Kopp die Idee reifen, junge, hoch qualifizierte Absolventen von amerikanischen Eliteunis wenigstens für zwei Jahre für den Unterricht an den schwierigsten Schulen des Landes zu gewinnen.
Zielgruppe: Top-Hochschulabsolventen
Das, was dann daraus entstand, klingt nach amerikanischem Traum. Vielleicht auch ein bisschen nach einem gnädigen Akt. Denn das ungerechte System blieb bestehen. Dabei hat die Organisation eine nie zu erwartende Größe und Bedeutung erlangt. So lohnt der Blick auf Leitmotiv und Durchführung von "Teach For America". Die Vision ist, dass "eines Tages alle Kinder die Gelegenheit haben werden, eine exzellente Bildung zu genießen." Dafür wirbt man Jahr für Jahr mit mehreren hundert Veranstaltungen an 400 ausgewählten Colleges und Universitäten des Landes, um Top-Studenten für den Job zu gewinnen.
Die Auslese ist hart. Erstklassige Abschlüsse und hoher Leistungswille sowie Führungsqualität und Durchhaltevermögen werden erwartet. Gefragt ist eine ausgeprägte Fähigkeit, Menschen zu motivieren. Über vier Prozessstufen verläuft die Auswahl. Dann erst gehen die handverlesenen Junglehrer in spe in einen Intensivkurs an den so genannten "Summer Institutes", der fünf Wochen dauert. In ihm werden sie von Schulprofis, Pädagogen und Psychologen theoretisch wie praktisch auf ihre Arbeit vorbereitet. In den Schulen selbst werden sie von Mentoren begleitet und angeleitet. Die Auswahl der Schulen geschieht nach einem nationalen Zuwendungsschlüssel.
"Soziales Jahr" für Führungskräfte
Die Erfahrung nach über zehn Jahren zeigt: Viele der Lehrer auf Zeit bleiben gerne noch ein oder zwei Jahre länger. Oft ändern sich danach die Berufspläne. Die Quote derer, die abbrechen, liegt bei knappen zehn Prozent. Das Programm erfreut sich insgesamt großer Beliebtheit. Das Renommee ist hoch, große und namhafte Unternehmen unterstützen das Projekt. Die Spendensumme umfasste 2006 stattliche 34 Millionen Dollar. Das Netzwerk aus Wirtschaft und Stiftungen, das es bietet, öffnet viele Türen zu wichtigen Stellen. Denn nicht zuletzt gilt: Wer sich in diesem Job bewährt, gilt als belastbar und ist begehrt. So gelingt es "Teach For America", eine wachsende Zahl von Multiplikatoren in den Führungsetagen der Nation zu platzieren, denen die Not des amerikanischen Bildungssystems aus eigener Anschauung ein Anliegen ist.
Das britische Pendant: "Teach First"
Auch in England findet sich inzwischen ein solches Aktionsprogramm. 2001 wurde es von zwei großen Wirtschaftsverbänden angeregt. Primäres Ziel dabei: Das Bildungsniveau des Landes zu heben. Für die Umsetzung gewann man Brett Wigdortz, vormals Berater von McKinsey. Bei "Teach First" liegt der Fokus ebenfalls darauf, die besten jungen Köpfe zu werben, um sie für zwei Jahre in Brennpunktschulen unterrichten zu lassen. Allerdings erhalten die Teilnehmer bei "Teach First" weitere Optionen. Nach dem sechs Wochen langen Einführungskurs wirken sie nicht nur aushilfsweise in den Schulen mit. Sie erwerben durch regelmäßige Teilnahme an Seminaren auch die Lehrberechtigung. Ein Begleitprogramm ab dem zweiten Jahr eröffnet überdies eine Managementausbildung. Das Netzwerk, das sich dahinter verbirgt, ist beeindruckend besetzt, das Sprungbrett in Top-Positionen optimal gespannt. Innerhalb weniger Jahre katapultierte sich das Projekt in die Top Twenty der beliebtesten britischen Arbeitgeber.
Die Rettung für Deutschlands Rütlischulen?
"Besonders imponierend ist in den Modellen der gesellschaftliche Brückenschlag", findet Kaija Landsberg. Gemeinsam mit Michael Okrob untersucht die Masterstudentin der Berliner Hertie School of Governance die Programme. "Unsere Frage ist: Wie könnte ein solches Modell auch hierzulande funktionieren?" so Landsberg. Ihre Analyse zeigt: Als soziale Unternehmen ohne Profitstreben weisen die Programme ein ganzes Spektrum erfolgreicher Instrumente auf. Dazu gehört das Rekruiting – das offensive, so genannte "proaktive" Werben guter Köpfe wie auch deren strenge Auswahl. Besonders beeindruckt ist die Studentin von den Geldern, die dafür aus der Wirtschaft kommen und professionell geworben werden. Das Modell auf Deutschland zu übertragen, hält sie für gut möglich. Ihre einzige Einschränkung: "Ich glaube nicht, dass der Dienst an der Gesellschaft als Argument zieht. Da müsste das Programm schon mehr bieten."
Anders urteilt Ludwig Eckinger. Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung begrüßt die Initiativen als "nachahmenswerte Beispiele von Zivilcourage". Allerdings warnt er davor, darin die Rettung für die schwierigen Schulen zu sehen. "Wo Profis scheitern, da scheitern Laien erst recht", gibt Eckinger zu bedenken. Zugleich sorgt er sich um das Image der Lehrerinnen und Lehrer, die nicht durch Anlernkräfte ersetzt werden dürfen. Doch an einem Mehr an exzellenter Bildung ist er genauso interessiert (siehe folgendes Interview). ‹‹
Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst
Weiterführende Links
- Teach For America
- Teach First
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