"Es wiederholt sich alles"

Sie müssen parteipolitisch keine Rücksicht mehr nehmen und sind alles andere als altersweise. Für die aktuelle Ausgabe seines "DSW-Journal" zur Bundestagswahl sprach das Deutsche Studentenwerk (DSW) Hildegard Hamm-Brücher, Klaus von Dohnanyi und Hans Zehetmair über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bildungs- und Hochschulpolitik in Deutschland. Herausgekommen ist eine ebenso kritische wie auch selbstkritische Bilanz.

22.06.2009 Pressemeldung Deutsches Studierendenwerk

Hildegard Hamm-Brücher, "Grande Dame" der deutschen Politik, ehemalige Staatssekretärin im Bundesbildungsministerium und frühere Galionsfigur der FDP, sagt: "Wir haben in unserem Staat auch in Zeiten der erfolgreichen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung immer den Sozialstaat vorgezogen und nicht etwa den Bildungsstaat. Das ist die Gesamtmisere, in der wir stecken." In der Bildungs- und Hochschulpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg beklagt sie Versäumnisse und Stillstand, den sie mit der Metapher des "Versandens" beschreibt.

Die Aufbruchstimmung nach Georg Pichts berühmtem Buch von der "deutschen Bildungskatastrophe" von 1964 versandete. Das Ziel der sozialliberalen Koalition, alle Bildungsreserven auszuschöpfen, ebenfalls. Hamm-Brücher zieht in den zutiefst ideologisch geführten Bildungsdebatten im Nachkriegsdeutschland historische Parallelen bis zurück zur Weimarer Republik und klagt: "Es wiederholt sich alles."

Dem widerspricht Klaus von Dohnanyi, von 1972 bis 1974 Bundesbildungsminister für die SPD und ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg. Auch in der Regierung Helmut Schmidts sei die Bildungsexpansion weiter verfolgt worden, aber: "Die Debatten der 1960 und 1970er Jahre waren insgesamt sehr euphorisch, oft wenig realitätsbezogen. Das begann mit einer Überforderung des Staates in Fragen der Lehrerbesoldung und endete mit der Forderung einer faktischen Abschaffung aller Zwischenprüfungen." Das "Ende der Euphorie", so von Dohnanyi, "kam weniger aus der Politik als aus der Realität."

Umweltpolitik, der NATO-Doppelbeschluss, die Friedensbewegung – die Bildungspolitik sei in der jüngsten Vergangenheit immer von anderen Themen überlagert worden, stellt hingegen Hildegard Hamm-Brücher fest – mit fatalen Folgen für die Hochschulbildung: "Dadurch, dass wir das Hochschulsystem nicht rechtzeitig in vernünftige Studiengänge und Abschlüsse geordnet haben, sind wir jetzt wieder vor der gleichen Situation und quälen uns mit Master- und Bachelorabschlüssen herum, ohne dass diese wirklich von den Universitäten akzeptiert werden."

Auch Hans Zehetmair (CSU), bis 2003 bayerischer Wissenschaftsminister und ehemaliger stellvertretender Ministerpräsident des Freistaats Bayern, beurteilt die Lehre an Deutschlands Hochschulen kritisch. Er sagt, "dass wir über die Jahrzehnte in Forschung und Wissenschaft immer an der Spitze bestehen konnten, nur nicht in der Lehre. Und das ist ganz eindeutig der Fehler der Politik. Als es uns finanzpolitisch gut ging und wir Geld hatten, haben wir keine angemessene Personalausstattung ermöglicht, (...) um eine Stabilität in der Studentenbetreuung zu gewährleisten."

Die Fragen für das "DSW-Journal" stellte der Bildungsjournalist und ehemalige "Tagesspiegel"-Redakteur Uwe Schlicht. Die vollständige Fassung des von ihm moderierten Gesprächs finden Sie im Internet unter: www.studentenwerke.de

Weitere Themen des DSW-Journal 2/2009 zur Bundestagswahl:

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  • Wilfried Mollenhauer ist Hausmeister beim Studentenwerk Osnabrück - er lebt mit den Studierenden und regelrecht für sie
  • Seeblick inklusive: Wie das Studentenwerk Münster für die Studierenden günstigen Wohnraum in Toplage schafft Das DSW-Journal 2/2009 (40 Seiten) zum Download: www.studentenwerke.de

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