Lehramtsstudierende in Thüringen unter finanziellem Druck
Während das Studierendenwerk Thüringen mit tausenden unbearbeiteten BAföG-Anträgen kämpft und die Politik im Landtag eine Notfallregelung ablehnt, wächst die finanzielle Not vieler Studierender. Betroffen sind ebenso angehende Lehrerinnen und Lehrer, die in Thüringen unter zunehmendem Druck stehen.
07.11.2025 Thüringen Pressemeldung thüringer lehrerverbandDer tlv thüringer lehrerverband fordert angesichts dieser Entwicklungen ein sofortiges Handeln: eine kurzfristige finanzielle Absicherung der Betroffenen, eine deutliche Entbürokratisierung des BAföG-Verfahrens und eine realistische Anpassung der Fördersätze.
Aufgrund massiver Überlastung prüft die Einrichtung inzwischen Vorwegzahlungen, um drohende Härten zu vermeiden. In einer Mitteilung sprach das Studierendenwerk selbst von einer „kritischen Belastungssituation“. Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie oft monatelang ohne Einkommen auskommen müssen und das in einer Lebensphase, in der kaum finanzielle Reserven vorhanden sind.
Zugleich hat der Thüringer Landtag in der vergangenen Woche den Antrag der Linken auf eine Notfallregelung für BAföG-Empfängerinnen und -empfänger abgelehnt. Vertreter der Regierungskoalition argumentierten, es handele sich beim BAföG nicht um eine „Lifestyle-Förderung“. Für den tlv ist diese Haltung ein Schlag ins Gesicht vieler junger Menschen.
„Wer Studierenden vorwirft, sie wollten es sich mit BAföG bequem machen, verkennt die Realität an unseren Hochschulen,“ sagt die Sprecherin des Jungen tlv und stellvertretende Landesvorsitzende Laura Lachmann. „Unsere Umfrage zeigt, dass viele Lehramtsstudierende in Thüringen finanziell am Limit sind. Nicht, weil sie nicht arbeiten wollen, sondern weil sie trotz Nebenjobs und Bemühungen monatelang auf ihr Geld warten.“
Eine im Mai 2025 durchgeführte Befragung des tlv unter 103 Lehramtsstudierenden der Universitäten Erfurt und Jena belegt, wie groß der Handlungsbedarf ist. Fast 80 Prozent der BAföG-Beziehenden gaben an, länger als zwölf Wochen auf ihren ersten Bescheid gewartet zu haben, einzelne berichteten sogar von Wartezeiten bis zu neun Monaten. Mehr als die Hälfte der Befragten muss regelmäßig neben dem Studium arbeiten, die meisten zwischen zehn und neunzehn Stunden pro Woche – und das, obwohl das Lehramtsstudium ohnehin zu den arbeitsintensivsten Studiengängen zählt.
Nur 17 Prozent der Befragten empfinden ihren BAföG-Satz als ausreichend, die Mehrheit bezeichnet die Unterstützung als „gerade so ausreichend“ oder „nicht ausreichend“. Über 50 Prozent geben an, dass ihre finanzielle Situation das Studium spürbar beeinträchtigt. Viele kritisieren zudem die übermäßige Bürokratie: Der Antrag sei kompliziert, die Kommunikation mit den Ämtern unzureichend. 58 Prozent bewerten den Kontakt mit den BAföG-Stellen als schlecht oder sehr schlecht. In den offenen Antworten ist häufig von verlorenen Unterlagen, wochenlangen Wartezeiten und unklaren Auskünften die Rede.
Für den tlv ist klar: Die Probleme sind strukturell.
„Das BAföG-System ist überlastet, und die Leidtragenden sind die Studierenden,“ sagt tlv-Landesvorsitzender Tim Reukauf.
Der tlv thüringer lehrerverband fordert deshalb kurzfristig die Einführung eines BAföG-Notfallmechanismus, der Zahlungsverzögerungen überbrückt, sowie langfristig eine grundlegende Entbürokratisierung der Verfahren. Außerdem müsse die Bearbeitungszeit gesetzlich begrenzt und die Kommunikation zwischen Antragstellenden und Ämtern digital, transparent und verbindlich gestaltet werden. Ebenso notwendig seien eine Anhebung der Fördersätze und Freibeträge, um die realen Lebenshaltungskosten in Thüringen abzubilden.
„Es reicht nicht, Verständnis zu zeigen es muss endlich gehandelt werden,“ betont Reukauf. „Jeder Monat ohne BAföG ist ein Monat voller Existenzängste. Das darf in einem Land, das dringend Lehrkräfte braucht, einfach nicht passieren.“
Hintergrund
Zwischen dem 7. und 20. Mai 2025 befragte der tlv thüringer lehrerverband 103 Lehramtsstudierende der Universität Erfurt und der Friedrich-Schiller-Universität Jena zur Finanzierung ihres Studiums. Über die Hälfte der Teilnehmenden sieht ihre finanzielle Situation als studienbeeinträchtigend. Besonders häufig genannt wurden lange Bearbeitungszeiten, unklare Kommunikation mit den Ämtern, zu niedrige Fördersätze und eine übermäßige Bürokratie.
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