Pinkwart: Offensichtlich gelingt es Fachhochschulen eher, bildungsfernere junge Menschen für ein Studium zu begeistern

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Pinkwart, stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen, in "Morgenecho", WDR 5 (15.08.2008)

15.08.2008 Nordrhein-Westfalen Pressemeldung Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen

Cordula Denninghoff: Wirklich überraschend ist das Ergebnis nicht, an deutschen Universitäten studieren heute mehr Kinder von Akademikern als noch vor fünfzehn Jahren. Das geht aus der Untersuchung einer Konstanzer Hochschulforschergruppe für das Bundesbildungsministerium hervor. 1993 hatten nur knapp fünfzig Prozent aller Studienanfänger Eltern mit akademischer Ausbildung und 2007 waren es schon sechzig Prozent. Frage an den FDPWissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart: Müssen uns diese Zahlen beunruhigen?

Andreas Pinkwart, Minister für Innovation, Wissenschaft, Forschung und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen: Ja, ich denke, dass wir zweierlei daraus ableiten sollten: Das eine ist, dass das Thema "Soziale Mobilität" ein deutlich wichtigeres Thema für die Politik sein sollte. Das Zweite ist aber auch, und das müssen wir auch berücksichtigen, dass insgesamt natürlich der Akademikeranteil schrittweise wächst auch in der Grundgesamtheit, und damit natürlich automatisch auch mehr junge Menschen Eltern mit Akademikerhintergrund haben werden. Also, diesen Trend haben wir natürlich auch, aber wir haben auch eine Herausforderung nach meiner Auffassung, die soziale Mobilität insgesamt zu steigern.

Cordula Denninghoff: Bevor wir zur Politik kommen, welche Konsequenzen sie ziehen muss, wollen wir kurz einmal darüber reden, woran liegt dieser Trend? Zum einen sagen Sie, es gibt mehr Akademiker, okay, aber es muss ja noch andere Gründe geben, warum Kinder aus bildungsfernen Schichten nicht so häufig an Universitäten zu treffen sind.

Andreas Pinkwart Ja, wenn man einmal genau in die Studie hineinschaut, sehen wir ja, dass dieses Niveau, sechzig Prozent sagten Sie, in der Studie 2006/2007 auch bereits im Jahr 2001 nahezu erreicht war mit neunundfünfzig Prozent. Das heißt, wir haben es offensichtlich in den letzten zehn Jahren nicht geschafft, hier Veränderungen erreichen zu können. Wir sehen aber eben deutlich, wenn wir Universitäten und Fachhochschulen zum Beispiel einmal getrennt betrachten, dass der Anteil bei den Fachhochschulen etwas über vierzig Prozent nur liegt. Das heißt, offensichtlich gelingt es den Fachhochschulen eher, bildungsfernere junge Menschen für ein Studium zu begeistern, als es den Universitäten möglich ist. Also, auch ein Ansatzpunkt, das Angebot gerade dort zu verbreitern, was wir in Nordrhein-Westfalen uns vorgenommen haben, indem wir hier neue Fachhochschulen gründen wollen, um mehr Menschen auch einen vernünftigen Einstieg in ein Studium eröffnen zu können.

Cordula Denninghoff: Ist das denn nur eine Frage der Motivation? Werden da die Weichen nicht schon viel eher gestellt in der Grundschule oder im Gymnasium?

Andreas Pinkwart Das ist völlig richtig. Wir müssen natürlich möglichst früh beginnen. Dazu müssen wir die Vorschule stärken, wie wir das in Nordrhein-Westfalen jetzt ja machen, indem wir bei der Unter-Dreijährigen-Betreuung erhebliche Verbesserung erreicht haben, oder indem wir auch bereits Sprachtests für Vierjährige eingeführt haben, damit alle Kinder unabhängig von ihrer Herkunft mit der notwendigen Sprachkompetenz von der ersten Unterrichtsstunde an dann dem Unterricht auch folgen können. Dazu gehört, dass wir die Schulen besser ausstatten, was Lehrerinnen und Lehrer anbetrifft, damit der Unterrichtsausfall wirksamer bekämpft werden kann, oder Englisch, wie wir es jetzt eingeführt haben, bereits mit der ersten Klasse vermittelt werden kann. All das sind Maßnahmen, um sehr früh bereits mögliche Defizite dann auch so wirksam abbauen zu können, dass die jungen Menschen dann einen qualifizierten Abschluss haben, aber auch den Mut haben, dann zum Studium zu gehen.

Cordula Denninghoff: Ja, der Mut, das ist ja ein ganz wichtiger Punkt, denn um die Leistungen geht es ja oftmals gar nicht. Andere Studien haben ja auch schon gezeigt, dass auch Kinder, die sehr gut sind, aber aus bildungsfernen Schichten kommen, dann eben nicht aufs Gymnasium oder zum Beispiel an die Uni gehen. Also, man müsste vielleicht einmal fragen: Welche Rolle spielen denn da die Elternhäuser? Da werden ja gesellschaftliche Bilder geprägt, und da heißt es vielleicht auch schon einmal: Du machst das, was der Vater macht, und du musst nichts Besseres werden.

Andreas Pinkwart Das ist absolut richtig. Wir haben es auch dort mit Rollenbildern zu tun. Das können wir sicherlich nur überwinden, indem wir zweierlei auch tun: Besser informieren, möglichst frühzeitig auch den Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten zu vermitteln, dass sie das, was Hochschule ausmacht, auch während der Schulzeit schon kennen lernen. Hier müssen wir mehr Erfahrungen schaffen. Zum Beispiel mit unserer Initiative "Zukunft durch Innovation", die wir im Land aufbauen, versuchen wir, Schule und Hochschule mit Wirtschaft stärker zusammenzubringen. Das wären Gelegenheiten, damit schon Schüler einen Einblick in das gewinnen, was Hochschule überhaupt ausmacht, so weit sie das aus dem Elternhaus nicht kennen. Zum Zweiten geht es aber auch darum, dass wir eben aufzeigen, dass hier an den Hochschulen auch unterschiedliche Angebote da sind, die für den Einzelnen auch sehr spannend sein können. Etwa die naturwissenschaft-technischen Fächer können gerade für junge Menschen mit Migrationshintergrund sehr spannend sein, weil sie dort ihre Fähigkeiten auch noch viel besser entfalten können als etwa in anderen Disziplinen. Nur dann müssen wir die Angebote auch dafür schaffen. Und wir müssen auch machen, dass die jungen Menschen diese Studiengänge sehen, bis hin zu dem Punkt, dass wir auch jenen, die nicht zunächst zum Abitur gehen, sondern zunächst die Berufsausbildung nach der Mittleren Reife wählen, auch danach einen Einstieg eröffnen in eine Hochschulausbildung. Auch hier müssen wir noch besser werden.

Cordula Denninghoff: Und diejenigen, die aber eine Hochschule besuchen sollen, die brauchen nun einmal das Abitur. Wie kriegen wir es denn hin, dass Kinder mit Migrationshintergrund öfter Abitur machen?

Andreas Pinkwart Ja, wir müssen zweierlei machen: Erst einmal, dass sie natürlich die Chance durch mehr Durchlässigkeit im Schulsystem gewinnen, auch Abitur machen zu können. Wir haben aber auch die Möglichkeit, beruflich Qualifizierten einen einfachen Zugang zu den Hochschulen zu eröffnen. Da ist noch Handlungsbedarf. Und hier habe ich auch deutlich gemacht, dass wir da in Nordrhein-Westfalen jedenfalls einen Schritt vorangehen wollen.

Cordula Denninghoff: Andreas Pinkwart, FDP-Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, über eine Studie fürs Bundesbildungsministerium, die festgestellt hat, dass immer mehr Akademikerkinder studieren, Kinder aus bildungsfernen Schichten unterrepräsentiert sind.


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