Bildungsministerium und Rat für Kriminalitätsverhütung legen Studie zum Schulabsentismus in Schleswig-Holstein vor

13 Prozent der Hauptschülerinnen und Hauptschüler in Schleswig-Holstein versäumen mehr als 10 Schultage pro Halbjahr. In den Förderschulen liegt die Quote bei 20 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Befragung zum Thema Schulabsentismus, die der Rat für Kriminalitätsverhütung in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium Schleswig-Holstein vorgelegt hat.

20.04.2007 Schleswig-Holstein Pressemeldung Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein

Untersucht wurde das Fernbleiben von Schülerinnen und Schülern an allen Haupt- und Förderschulen ab der Jahrgangsstufe 5 in Schleswig-Holstein. "Diese Ergebnisse sind nicht schön, aber sie sind bedeutend für die weitere bildungs-, sozial- und jugendpolitische Arbeit", sagte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave heute (20. April) bei der Präsentation eines "Konzepts gegen Schulabsentismus" in Kiel. "Erstmals liegen uns in Schleswig-Holstein belastbare Zahlen vor. Auf dieser Basis ist es möglich, angemessene und wirksame Handlungskonzepte zu entwickeln. Denn: Jede Schülerin und jeder Schüler, der dem Unterricht fernbleibt, ist wichtig." Schleswig-Holstein sei eines der wenigen Länder, die sich einer derart soliden Erhebung der Absentismus-Daten stellten.

Der Rat für Kriminalitätsverhütung des Landes Schleswig-Holstein hat die Daten mit Unterstützung des Bildungsministeriums über eine Fragebogenaktion gesammelt. Gefragt wurde nach den entschuldigten und unentschuldigten Fehlzeiten im 1. Halbjahr 2004/05 - Stichtag war der 29. Januar 2005. An der freiwilligen Aktion haben alle 91 schleswig-holsteinischen Förderschulen mit insgesamt 5.543 Schülerinnen und Schülern teilgenommen, bei den Hauptschulen haben 228 von 241 Schulen die Daten von 38.153 Schülerinnen und Schülern gemeldet. Die wesentlichen Ergebnisse für Schleswig-Holstein:

  • An den Hauptschulen fehlten 13 % der Schülerinnen und Schüler mehr als 10 Schultage pro Halbjahr und 4 % sogar mehr als 20 Tage.

  • An den Förderschulen blieben 20 % aller Schülerinnen und Schüler dem Unterricht länger als 10 Tage fern und 9 % sogar länger als 20 Tage.

  • An den Hauptschulen häuften sich die Fehlzeiten in den 7. und 8. Jahrgangsstufen, an der Förderschule in der 9. Jahrgangsstufe.

  • An beiden Schularten fehlten Mädchen häufiger als Jungen, an den Förderschulen blieben Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund dem Unterricht häufiger fern.

  • Schulabsentismus hängt weniger mit der Größe der Schule zusammen als mit der Größe der Stadt, er steigt parallel zur Einwohnerzahl.

  • Schulabsentismus verdichtete sich bei Mädchen in höheren Jahrgangsstufen in größeren Städten mit zunehmender Klassenstufe an der Hauptschule und in der 9. Jahrgangsstufe der Förderschule.

  • Zwischen den Schulen gab es erhebliche Unterschiede.

  • In den Hauptschulen zeigte sich, dass signifikante Schulversäumnisse die Versetzung in die nächste Klasse gefährdeten. Bei mehr als einem Viertel (27 Prozent) der Schülerinnen und Schüler mit mehr als 10 Fehltagen war im Untersuchungszeitraum die Versetzung gefährdet.

Erdsiek-Rave weiter: "Schulabsentismus muss nicht sein. Es gibt wirksame Strategien, dies zu vermeiden - und zwar in der Schule, aber auch außerhalb von Schule. Er äußert sich zwar in der Schule, ist aber gewiss nicht nur ein schulisches Problem." Sie appellierte an Schulen und Lehrkräfte, an Eltern und Jugendhilfe sowie andere außerschulische Partner, genau hinzuschauen, wenn Kinder und Jugendliche dem Unterricht fernbleiben. Wichtig sei, dass Absentismus wahrgenommen, registriert und dass nach den Gründen geforscht werde. Alle müssten sich fragen: Wie häufig und warum erscheint eine Schülerin, ein Schüler nicht zum Unterricht?

Die Ministerin skizzierte unterschiedliche Vorgehensweisen:

  • Jede Schule entwickelt ein Handlungskonzept gegen Schulabsentismus, das im Idealfall in das Schulprogramm beziehungsweise in das schulische Förderkonzept einfließt. Bereits jetzt gibt es in mehreren Schulämtern, wie z.B. in Kiel, Lübeck und Neumünster aber auch in den Kreisen Segeberg, Stormarn und Ostholstein entsprechende Handlungsleitfäden. Einbezogen sind Eltern und Schüler sowie die Jugendhilfe.

  • Der Landesrat für Kriminalitätsverhütung könnte mit seinem Netzwerk eine Anlaufstelle für die Schulen sein.

  • Bei Fernbleiben von der Schule müsse sofort und abgestimmt gehandelt werden, so dass die Schülerinnen und Schüler möglichst schnell und erfolgreich unterstützt werden könnten. Erdsiek-Rave: " In jedem Fall ist es nicht empfehlenswert, erst einmal abzuwarten, denn je größer die Distanz zur Schule wird, umso schwieriger ist es, die Jugendlichen zurückzuholen."

  • Eine enge Kommunikation zwischen Schule und Jugendhilfe sei notwendig. Geplant sei eine Zusammenkunft der Leitungen der Förderzentren, um Lösungen für die speziellen Probleme dieser Schulart zu erarbeiten.

  • Allen an Schule Beteiligten müsste klar sein, wie wichtig und unverzichtbar der Schulbesuch sei und dass diese Wertschätzung keine Ausnahmen dulde und niemand das Recht auf Sonderbehandlung habe.

In den Mittelpunkt stellte Ute Erdsiek-Rave auch die Schülerinnen und Schüler: "Diese Jugendlichen müssen erkennen, dass Schulverweigerung sich nicht lohnt und dass es ziemlich uncool ist, keinen Abschluss zu haben und sich auf diese Weise die Zukunft zu verbauen." Sie forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich einzumischen und anzusprechen, wenn man mit einer Situation nicht zufrieden oder unglücklich sei statt sich zu verweigern. "Denn unsere Schulen sind für die Jugendlichen da, für jeden Einzelnen in seiner Unterschiedlichkeit", betonte die Ministerin.

Sie fordert die Schulen auf, sich mit dem Absentismus offen auseinanderzusetzen: "Es ist ein Qualitätsmerkmal von Schule, wenn es dort keinen Absentismus gibt. Es ist aber auch dann ein Qualitätsmerkmal, wenn Schulen, bei denen Absentismus wahrgenommen wird, sich selbstkritisch fragen: Was stimmt an unserer Schule, bei den Schülerinnen und Schülern, bei den Eltern, im Umfeld nicht? Auch das gehört zur kontinuierlichen Weiterentwicklung von Schule, zur Eigenverantwortung."


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