Mehr Messen, weniger Bilden?
Die von der Landesregierung NRW beschlossene Reform der gymnasialen Oberstufe wird als Modernisierung verkauft. Die entscheidenden Fragen lauten jedoch: Werden damit Probleme der gymnasialen Oberstufe gelöst? Verbessert sich so der Unterricht in der gymnasialen Oberstufe? Ich bezweifle das. Ein Meinungsbeitrag von Erhard Schoppengerd
10.08.2026 Nordrhein-Westfalen Artikel Erhard SchoppengerdPräsentationsprüfungen, Projektkurse, gleichwertige komplexe Leistungsnachweise und der reflektierte Einsatz Künstlicher Intelligenz sollen Schüler:innen in NRW besser auf Studium und Beruf vorbereiten. Der Anspruch klingt zeitgemäß. Die Reform verändert jedoch vor allem die Formen der Leistungsbewertung. Sie verändert wohl kaum die Bedingungen, unter denen Lernen stattfindet. Damit setzt sie einen bildungspolitischen Trend fort, der seit Jahren zu beobachten ist: Neue Prüfungsformate, neue Bewertungsraster und neue Dokumentationspflichten verhindern notwendige strukturelle Reformen.
Dabei liegen die eigentlichen Probleme an anderer Stelle: Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, überfüllte Lerngruppen, soziale Ungleichheit und ein Bildungssystem, das Kinder und Jugendliche nach wie vor früh selektiert. Keine dieser Herausforderungen wird durch eine zusätzliche Präsentationsprüfung oder einen neuen Leistungsnachweis gelöst.
Besonders deutlich wird dies bei den sogenannten gleichwertigen komplexen Leistungsnachweisen. Projektarbeit, wissenschaftliches Arbeiten oder Präsentationen können wertvolle Lernformen sein. Sie sind allerdings keine Selbstläufer. Sie benötigen Zeit, intensive Beratung und qualifizierte Begleitung. Diese zusätzlich notwendigen Ressourcen werden nahezu allen Schulen fehlen. Die Folge ist eine weitere Anforderung oder besser eine zusätzliche Überforderung: Von Lehrer:innen werden aufwendigere Prüfungsformate erwartet, ohne dass dafür zusätzliche Zeit oder Personal bereitgestellt werden, Schüler:innen müssen sich weiteren Prüfungen stellen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem. Je offener Prüfungsformen gestaltet werden, desto schwieriger wird ihre Bewertung. Während Klausuren zumindest eine gewisse Vergleichbarkeit ermöglichen, enthalten Präsentationen, Podcasts, Portfolios oder Projektarbeiten zwangsläufig stärkere subjektive Bewertungselemente. Gleichzeitig profitieren Schüler:innen mit akademischem Elternhaus oder größerer technischer Unterstützung häufig stärker von solchen Formaten. Was am Ende wie eine objektiv gemessene Kompetenz aussieht, ist nicht selten nur der Vorsprung, den manche Kinder und Jugendliche von zu Hause mitbringen. Damit besteht die Gefahr, dass Bildungsungleichheiten eher verstärkt als verringert werden. (Schlag nach bei Bourdieu!)
Bildung umfasst weit mehr als messbare Kompetenzen
Noch problematischer erscheint mir: Die Reform bleibt vollständig innerhalb der Logik der Kompetenzorientierung. Sie fragt: Wie können Kompetenzen besser geprüft werden? Sie fragt nicht: Welche Bildung braucht eine demokratische Gesellschaft? Welche Inhalte sind unverzichtbar? Wie entwickeln junge Menschen Urteilskraft, Verantwortung, Solidarität und den Mut zum Widerspruch?
Bildung erschöpft sich nicht in messbaren Kompetenzen. Sie umfasst Persönlichkeitsentwicklung, kulturelle Teilhabe, ethische Orientierung und die Fähigkeit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Wer Bildung auf überprüfbare Kompetenzen reduziert, hat aus den Augen verloren, welche Aufgabe Schule in einer demokratischen Gesellschaft zu erfüllen hat.
Gerade deshalb irritiert die Begründung, die Reform bereite besser auf Studium und Beruf vor. Ein Studium verlangt nicht in erster Linie Präsentationstechniken, sondern wissenschaftliches Denken, fachliche Tiefe, Ausdauer und die Fähigkeit, komplexe Probleme zu analysieren. Berufliche Handlungsfähigkeit entsteht ebenfalls nicht durch zusätzliche Prüfungsformate, sondern durch selbstständiges Denken, Kooperation, Verantwortungsbewusstsein und tragfähige Beziehungen.
Genau darin liegt eine verpasste Chance. Wenn man junge Menschen auf Studium, Beruf und demokratische Teilhabe vorbereiten möchte, müsste man den Unterricht selbst verändern. Kooperatives Lernen, projektorientiertes Arbeiten, demokratische Mitbestimmung, jahrgangsübergreifende Lernformen, weniger Stofffülle und mehr Zeit für vertieftes Lernen wären weitreichendere Reformen als neue Prüfungsformate. Gute und erst recht gutgemeinte Prüfungen sind kein Ersatz für guten Unterricht.
Dahinter steckt ein Denken, das eigentlich aus der Wirtschaft stammt: Erst wenn sich Leistung in einzelne, vergleichbare Kompetenzen zerlegen lässt, wird sie kalkulierbar und verwaltbar. Aber aus lauter Einzelkompetenzen – Recherchefähigkeit, Präsentationstechnik, Zeitmanagement – entsteht kein Urteilsvermögen. Wer nur noch bewertet, wie überzeugend etwas vorgetragen wird, verliert aus dem Blick, ob überhaupt etwas Bedeutsames gelernt wurde. Genau dieses Risiko bringen die neuen gleichwertigen komplexen Leistungsnachweise mit sich.
Bessere Lernbedingungen statt Prüfungsreform
Die Oberstufenreform ist deshalb keine Bildungsreform, sie ist eine Prüfungsreform (und damit so überflüssig wie ein Kropf). Sie modernisiert Leistungsnachweise, ohne die strukturellen Voraussetzungen für besseres Lernen zu schaffen. Solange Unterricht ausfällt, Lehrkräfte fehlen und soziale Herkunft den Bildungserfolg maßgeblich beeinflusst, perpetuiert eine Reform der Prüfungsformen das überkommene und dysfunktionale schulische Bildungssystem. Das Ministerium für Schule und Bildung scheint dabei nach der in Managementkreisen bekannten Kritik-Formel "Man macht ein Schwein nicht fetter, indem man es wiegt" zu agieren.
Nebenbei bemerkt: Einem Ministerium mit Fachaufsicht über das schulische Bildungssystem täten auch an entscheidenden Stellen BildungswissenschaftlerInnen gut – aber bitte keine empirischen BildungsforscherInnen. Jurist:innen und Lehrer:innen jedenfalls können diese Fachlichkeit nicht ersetzen.
Eine zukunftsfähige Oberstufe braucht bessere Lernbedingungen, mehr Zeit für Beziehungen und Kooperation sowie den Mut, Bildung wieder umfassender zu denken – als Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben in einer demokratischen Gesellschaft und nicht lediglich als Optimierung messbarer Kompetenzen. Eine Schule, der man weismachen will, sie messe jetzt besser, bildet deshalb nicht besser.
Wer das nicht länger hinnehmen will, sollte diese Prüfungsinnovation nicht als Fortschritt akzeptieren. Nötig ist eine echte Bildungswende: mehr Personal, mehr Zeit, mehr Gerechtigkeit, mehr Demokratie in der Schule.
Transparenz-Hinweis: Für die Erstellung dieses Beitrags wurde KI verwendet.
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