BLLV-Ressümme: Viel Unruhe, wenig Reform

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat zum Schuljahresende eine kritische Bilanz gezogen: "Die Schulpolitik tritt auf der Stelle und hat auch das zu Ende gehende Schuljahr nicht für eine Modernisierung des Schul- und Bildungswesens genutzt. Zwar gab es eine Flut neuer Maßnahmen und Änderungen, die für den Laien kaum noch zu überschauen sind und Lehrkräften wie Schulleitern Zeit und Energie rauben, grundlegende und hilfreiche Reformen sind jedoch ausgeblieben." Auch in den jüngsten Ankündigungen zur Haupt- und Grundschule ist wenig Substanz erkennbar.

27.07.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

"So hilft es am Zeugnistag Schülern und Eltern nicht wirklich, wenn, wie jedes Jahr, zur Gelassenheit aufgerufen wird. Bereits Schulanfänger wissen, dass Lebensperspektiven von schulischen Leistungen in Form von Noten abhängen." Für viele der fast 1,45 Millionen Schüler ist der Zeugnistag daher ein schwieriger Tag. "Besonders schwierig ist er natürlich für diejenigen, die ihr Versagen drastisch vor Augen geführt bekommen, weil sie das Klassenziel nicht erreicht haben und vom Gymnasium auf die Realschule oder von dort auf die Hauptschule wechseln müssen. Diese Bildungspolitik wird modernen Anforderungen nicht gerecht und ignoriert Potentiale Tausender junger Menschen. Außerdem verschlingt sie Jahr für Jahr Millionen", kritisierte Wenzel. "Bei allen schulpolitischen Bemühungen muss es um beste Bildung für alle Schülerinnen und Schüler gehen und nicht um die Abschottung der Schularten und die Ausgrenzung von Jugendlichen".

Wenzel beklagte, dass auch am Ende dieses Schuljahres Tausende von jungen Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen müssen und Zigtausende zum Sitzenbleiben gezwungen werden: "Hier werden nicht nur junge Menschen gedemütigt und demotiviert, sondern auch erhebliche finanzielle Mittel verschleudert. Allein die Sitzenbleiberrituale kosten dem bayerischen Steuerzahler jährlich an die 200 Millionen Euro".

"Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass in wirtschaftlich ungewissen Zeiten ein schlechtes Zeugnis Existenzängste auslöst", sagte Wenzel. "Schlechte schulische Leistungen führen auch oft dazu, dass das Thema Schule den familiären Alltag komplett beherrscht." Die meisten Kinder wollen die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen. "Viele scheitern trotzdem. Das bleibt nicht ohne Folgen: Lehrerinnen und Lehrer berichten von regelrechten Verwerfungen, auch von stressbedingten Erkrankungen bei Kindern."

Ein schlechtes Zeugnis konstatiert schulisches Versagen - Wenzel stellte die Frage, ob "in Wahrheit nicht die Schulpolitik versagt hat, weil sich alles nur um Auslese, um Noten und um Berechtigungen dreht?" Die Gründe für "schlechte Noten" sind so verschieden wie die betroffenen Kinder: Es gibt die, die einfach nur mehr Zeit bräuchten, die zusätzlichen Förderunterricht benötigen würden oder aber gerade die Trennung ihrer Eltern verkraften müssen. Wenzel: "Die Hauptaufgabe von Schule muss heutzutage darin liegen, auf diese unterschiedlichen Problemlagen angemessen reagieren zu können. Das kann die Schule aber nicht. Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich im Stich gelassen. Sie finden sich täglich in einem für sie unlösbaren Konflikt: Einerseits wollen sie jedem einzelnen Schüler gerecht werden und erkennen die Fehler im System, andererseits sind sie genau diesem System unterworfen und müssen ihre Schüler andauernd bewerten, einteilen und auslesen. Wirklich sinnvolle und mutige Reformen müssen genau hier ansetzen", erklärte der BLLV-Präsident.

Im Mittelpunkt aller schulpolitischen Bemühungen muss die Förderung der Schüler stehen und nicht das krampfhafte Festhalten an einem fragwürdigen Auslesesystem. "Junge Menschen müssen sich angenommen fühlen und dürfen nicht durch schlechte Noten demotiviert und ausgegrenzt werden. Ihr individuelles Lerntempo darf nicht dazu führen, dass Bildungswege verschlossen bleiben. Alle Bildungsgänge müssen grundsätzlich allen Kindern offen stehen - unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern, ihrem Wohnort und ihrer Herkunft. Die in diesem Schuljahr vom Kultusminister angekündigten schul- und bildungspolitischen Maßnahmen tragen nicht wesentlich dazu bei, dass sich die Situation an den Schulen verbessert", erklärte Wenzel. "Der BLLV bedauert dies sehr." So werden beispielsweise die Änderungen am Übertrittsverfahren, die im kommenden Schuljahr in Kraft treten werden, die belastende Situation an Grundschulen verstärken. Trotz zahlreicher Ankündigungen ist auch das Ganztagsangebot völlig unzureichend. Es hinkt dem Bedarf hinterher. Rhythmisierte Ganztagsschulen sind aus Sicht des BLLV ideale Orte, um Schülern Lebensräume anzubieten, in denen sie sich wohl fühlen und in denen sie sich entfalten können.


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