Der Streit ums Schreibenlernen
(red/pm) Wie lernen Kinder am besten das Schreiben? Ist das althergebrachte orthographische Schreiben oder das inzwischen in Grundschulen gängige "Lesen durch Schreiben" der bessere Weg? Eine klare Antwort darauf gebe es nicht, sagt Prof. Dr. Sabine Martschinke vom Lehrstuhl für Grundschuldidaktik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Denn die Frage nach der richtigen Methodik für alle Kinder sei falsch gestellt.
03.07.2013 ArtikelDer Streit ums Schreibenlernen wurde zuletzt im SPIEGEL-Artikel "Die Rechtschreipkaterstrofe" (Nr. 25/2013) ausgefochten. Der aktuelle Methodenstreit zur Frage nach dem richtigen Weg zum Leseverstehen und orthographisch richtigen Schreiben sei nicht der erste, der in der Historie der Schriftspracherwerbsdidaktik ausgefochten werde, und auch nicht der erste, der empirisch nicht (endgültig) beantwortet werden könne, so die Wissenschaftlerin. Es fehlten zum einen experimentelle Untersuchungen; zum anderen erlaube die aktuelle Gemengelage von methodischen Varianten keine generellen Antworten.
Die in den letzten 20 Jahren im Schriftspracherwerb dominierenden entwicklungspsychologischen Forschungen zeigten aber, dass Kinder in ihrer Entwicklung – in bemerkenswerter Übereinstimmung – grundlegende Stufen durchlaufen: Vom Abmalen oder auswendig gelernten Aufschreiben von Wörtern als "Logos" - zum Beispiel der eigene Name oder "Mama" -, ohne dass das Buchstaben-Lautprinzip Anwendung findet, über das genaue Abhören und Aufschreiben von Wörtern anhand der gefundenen Laute entwickeln Kinder zunehmend und mehr oder weniger selbstständig Zugang zu wichtigen Rechtschreibstrategien, die nach und nach automatisiert werden.
Lehrkräfte müssten also auf der Basis von Entwicklungsmodellen individuelle Entwicklungsstände einschätzen und entsprechende Fördermaßnahmen - auf der alphabetischen oder orthographischen Stufe - für einzelne Kinder, für Gruppen oder die Klasse generieren. Nur eine kompetente Diagnose und gezielte Förderung im Unterricht könnten den individuellen Bedürfnissen des einzelnen Kindes gerecht werden, so die Wissenschaftlerin. Eine hohe Diagnose- und Förderkompetenz müsse von den Lehrkräften bereits im Studium erworben werden. Dann könnten sie diagnostizieren, wo das einzelne Kind stehe und ob es gerade Schreibangebote für die Arbeit mit der Anlauttabelle brauche oder Nachdenk- und Übungsangebote für das Rechtschreiben.
Keine Kommentare vorhanden