Gesundheit

Die Retter im Klassenzimmer – ­Schulsanitäter im Einsatz

(Nicole Schmitt) Ob auf dem Pausenhof, im Sportunterricht oder im Klassenzimmer – kleinere und größere Verletzungen passieren immer wieder im Schulalltag. Gut, wenn da schnell geholfen werden kann. Immer mehr Schulen setzen deshalb auf die Unterstützung von Schulsanitätern.

14.08.2012 Artikel
  • © bikl.de

Die Adolf-Reichwein-Schule in Nürnberg. In der Aula ist ein Schüler bewusstlos zusammengebrochen. Jetzt muss schnell geholfen werden. Über das Schulsanitäts-Handy werden Patrick Deutschbein und Matthias Uschold verständigt. Die beiden 15-Jährigen sind zwei von derzeit sieben Schulsanitätern an der Schule. Fix holen sie ihren Notfall-Rucksack aus dem Krankenzimmer. Dann geht es zum Patienten. Das ist an diesem Tag der 14-jährige Kieran. Ihm ist plötzlich schwarz vor Augen geworden. Jetzt sitzt er auf dem Fußboden, an eine Betonsäule gelehnt, und hat starke Schmerzen im linken Arm.

"Tut dir außer dem Arm noch etwas weh?", wollen die Schulsanitäter wissen. Kieran verneint. "Gut. Dann schienen wir erst mal den Arm." Fachmännisch legt Patrick dem verletzten Jungen Schiene und Verband an. Unterdessen protokolliert Matthias den Unfallhergang und fragt Kieran, ob dieser Medikamente nehme oder an Allergien leide. Das sei wichtig für die spätere Versorgung des Patienten, erklären die beiden Schulsanitäter. Auf diese Weise können Notarzt und Rettungsdienst bei ihrem Eintreffen sofort mit allen notwendigen Informationen versorgt werden. Zum Schluss messen Patrick und Matthias noch Puls und Blutdruck ihres Patienten. Dann ist der Einsatz beendet, der an diesem Tag nur eine Übung ist.

Das Gelernte weiter schulen

"Gut gemacht!", ertönt es von hinten. Melanie Burton ist zufrieden. Zusammen mit ihrem Kollegen Birdal Stumpf trainiert die Rettungsassistentin die Schulsanitäter einmal die Woche und spielt mit ihnen verschiedene Notfallsituationen durch. "Auch wenn die Kinder mittlerweile ein medizinisches Grundverständnis haben, muss man immer weiter schulen, sonst vergessen sie das Gelernte wieder", erklärt sie. "Sie dürfen auch mal in einen echten Rettungswagen reinschauen oder wir bringen eine Trainingspuppe mit, an der wir das Reanimieren üben." Melanie Burton ist hauptberuflich Rettungsassistentin beim Malteser Hilfsdienst und hat die Schulsanitäter an der Adolf-Reichwein-Schule ins Leben gerufen. "Mein Sohn geht hier auf die Schule. Und da habe ich mir als neugierige Mutter, die selbst im Rettungsdienst arbeitet, einfach mal den Sanitätsraum angeschaut", erzählt sie. "Es war natürlich auch einiges vorhanden. Da ich aber aus dem Bereich komme, habe ich mir gedacht, dass man da noch mehr machen könne."

Das Schulprojekt "Schulsanitäter" war geboren. Schnell fanden sich in der Schülerschaft Interessierte, ­­die die Ausbildung zum Schulsanitäter absolvieren wollten. Nun lernten die Kinder alles, was ein Ersthelfer wissen muss: Puls messen, Platzwunden verarzten, Kopfschmerzen behandeln – alles rund um das Thema Notfallmedizin war Bestandteil des zweistündigen Unterrichts, den die sieben Teenies fortan einmal in der Woche besuchten. Nach einem halben Jahr folgte die Abschlussprüfung: "Die Kinder hatten zunächst einen offenen Bruch zu versorgen. Denn so etwas kann einfach im Schulgeschehen passieren. Dann ging es weiter zu einem Werkstattunfall. Hier mussten sie neben der rein medizinischen Versorgung erkennen, dass der Patient zudem einen Schock hat. Und letzten Endes gehörten auch Notfalleinsätze mit Schlaganfall und Herzinfarkt zur praktischen Prüfung. Schließlich kann auch ein Lehrer mal zum Patienten werden. Die Prüfung war also insgesamt wirklich nicht einfach. Aber alle haben bestanden", erzählt Melanie Burton nicht ohne Stolz.

Schüler helfen Schülern

Auch die Schulleitung ist begeistert vom großen Engagement der Schüler. Schulleiter Franz Josef Biohlawek meint: "Die Ausbildung hat den Horizont der beteiligten Schülerinnen und Schüler über den schulischen Rahmen hinaus ins wirkliche Leben hinein erweitert. Sie können dadurch Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen, was ihr Selbstbewusstsein ganz ungemein stärkt. Die Schulsanitäter sind kompetent ausgebildete Fachleute, auf deren Urteil wir uns verlassen. Sie entscheiden über Sofortmaßnahmen und auch darüber, ob Hilfe von außen angefordert werden muss. Insofern sind sie eine große Entlastung für Lehrkräfte, Sekretariat und Schulleitung."

Mittlerweile ist der Schulsanitätsdienst an der Adolf-Reichwein-Schule im zweiten Jahr angekommen. Die Schüler sind nach wie vor mit viel Einsatz und großer Begeisterung bei der Sache. Der ein oder andere kann sich sogar vorstellen, nach der Schulzeit hauptberuflich oder zumindest ehrenamtlich im Rettungsdienst tätig zu sein. "Ich bin zu den Schulsanitätern gegangen, weil ich anderen Mitschülern helfen möchte", erklärt Matthias. "Außerdem finde ich es für später wichtig, über Erste Hilfe Bescheid zu wissen. Das kann einem auch im ganz normalen Alltag helfen." Und Kieran fügt noch hinzu: "Wir haben schon viele Verletzungen behandelt. Einer hatte sich den Rücken ganz schlimm aufgeschürft. Ein anderer hat sich das Fußgelenk verdreht. Ich finde es gut, anderen Leuten helfen zu können." Obwohl die sieben Teenager ihr Ehrenamt an der Schule gern und mit Feuereifer ausführen; über eines sind sie dann doch ganz froh: Dass sie noch nie zu einem richtig schlimmen Notfall gerufen werden mussten. Der blieb ihnen zum Glück bislang erspart, verraten sie.

Kompakt

Der Schulsanitätsdienst ist eine gemeinnützige Einrichtung an Schulen, die die Erstversorgung im Krankheits- oder Verletzungsfall sichert. Die Schulsanitäter werden von Rettungshilfsdiensten ausgebildet, die mit der Schule kooperieren. Die Ausbildung kann je nach Hilfsdienst variieren.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung 08/2012 | Nr. 58


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