"Eigenverantwortliche Schule" ohne Rüstzeug

(md). Bundesweit sollen Schulen in Modellversuchen durch mehr Autonomie für bessere Bildungsqualität sorgen. Doch die Lehrerbildung bietet zu wenig Praxisvorbereitung und die Evaluation zu wenig Transparenz, so Frank Haß, Mitarbeiter am Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung in Leipzig.

19.08.2008 Artikel

Die Basis der "Eigenverantwortlichen Schule" ist der Übergang von Lehrplänen zu Kompetenzstandards. Das heißt, dass Lehrern nicht mehr vorgegeben wird, was ihre Schüler wann lernen sollen, sondern vor allem, welche Kompetenzen sie am Ende einer bestimmten Klassenstufe haben sollen. Die eigentlichen Curricula werden schulintern erstellt. Das klingt nach lang ersehnter Autonomie und didaktischer Freiheit. "Die Richtung ist auf jeden Fall gut und gibt den Schulen langfristig Möglichkeiten, sich mit ihren individuellen Gegebenheiten stärker zu profilieren", so der Reformbefürworter Frank Haß. Allerdings bringt das auch zahlreiche neue Aufgaben für Rektorinnen und Rektoren, Lehrerinnen und Lehrer mit sich. Und auf diese sind die Pädagogen nicht ausreichend vorbereitet, urteilt Haß.

Konsens über mehr Praxisbezug in der Ausbildung

Schulen, Behörden und Hochschulen sind sich einig, dass die Lehrerausbildung praktischer werden muss. Folgerichtig können die Lehramts-Studenten in den meisten Bundesländern heute im Rahmen von durchschnittlich drei Praxisphasen und einer Reihe von Schulbesuchen während des Semesters früher in den Schulbetrieb hineinschnuppern und nicht erst am Ende ihres Studiums während der Referendariatszeit. Allerdings wurde die Referendariatszeit in einigen Bundesländern (z.B. Baden-Württemberg und Niedersachsen) auf 18 Monate reduziert.

Mancherorts wird sogar eine Reduzierung auf 12 Monate diskutiert. Insgesamt steht also weniger Zeit zur Verfügung, um das Erlernte in der Praxis zu erproben. Das macht die Referendariatszeit für die künftigen Lehrer zu einem Härtetest. Viele Referendare klagen über 80-Stunden-Wochen bei einem Bruttolohn von 1 000 Euro. Der stärkere Praxisbezug sollte nicht dazu führen, dass an der Basis der Lehrerausbildung gekürzt wird: Die Didaktik bleibt auch nach der Reform das wichtigste Instrument der Lehrerinnen und Lehrer im Schulalltag. Aus rund vierzig didaktischen Modellen können die Pädagogen heute ihren persönlichen Unterrichtsstil entwickeln. Wollten die angehenden Lehrer während Ihrer Ausbildung sich mit jedem Modell eingehend beschäftigen, wären sie alle Langzeitstudenten. Allerdings sind die Kurse, die einen praxisorientierten Überblick über die didaktische Vielfalt geben, rar und meist schon frühzeitig ausgebucht.

Es ist Aufgabe der Hochschulen, auf diesen offensichtlichen Bedarf zu regieren und Kurse anzubieten, die Studenten befähigen, einen eigenen Unterrichtsstil zu entwickeln. Dafür benötigen sie weder geschichtliches Wissen über die Entstehung der Pädagogik oder den wissenschaftlichen Diskurs über einzelne Modelle, der sich im Detail verliert. Stattdessen brauchen die angehenden Lehrer einen roten Faden, der ihnen hilft, sich in der didaktischen Fülle zurechtzufinden. Viele Referendare beklagen, dass sie sich hilflos fühlen, weil ihnen diese theoretische Basis fehlt. Daher versuchen sie sich dieses Wissen vor allem während des Referendariats auf eigene Faust zu erwerben.

Evaluierungskriterien sind nicht transparent

Die Ausbildung der Lehrer ist einfach noch nicht ausreichend auf die Reformziele abgestimmt. Das mag einer der wichtigsten Gründe sein, warum die "Eigenverantwortliche Schule" die intendierte positive Wirkung auf die Bildungsqualität bisher nicht zu entfalten vermag. Zwei weitere Gründe führt Frank Haß an, die die Umsetzung der Reform im Schulalltag behindern: Die Kürzung des Fortbildungskontingents für Lehrer und die fehlende Transparenz hinsichtlich der Evaluierungskriterien. Während Rektorinnen und Rektoren inzwischen ganz gut in ihre neue "Managerrolle" hineingewachsen sind und über ein zugeschnittenes Fortbildungsangebot verfügen können, werden Lehrer auf ihre neue "Controllerfunktion" nicht genügend vorbereitet. Viele sind mit den Evaluierungskriterien, die am Ende für die Bewertung der Qualität entscheidend sind, nicht vertraut. Die Evaluierung ist föderal organisiert und variiert von Bundesland zu Bundesland. Häufig wird sie von externen Agenturen durchgeführt, die an die Schulaufsichtsbehörden angegliedert sind. Die Mitarbeiter in den Agenturen sind zum Teil ehemalige Lehrer oder Lehrer mit reduziertem Lehrauftrag. Das ist gut so, denn sie kennen den Schulalltag und die Nöte der Lehrer, die aus der Bildungsreform resultieren. Allerdings sind die Bewertungskriterien nicht immer einheitlich. Und was passiert mit den Ergebnissen? Werden aus ihnen Verbesserungen oder gar konkrete Schulentwicklungsmodelle abgeleitet? Das sind Fragen, die die Lehrerinnen und Lehrer beschäftigen und die auf breiter Ebene ihre Motivation hemmen. Für die Evaluierung bekommen Schulen übrigens keine zusätzlichen Budgets. Damit wird das teuerste Gut der Lehrer noch knapper: die Zeit.

Kompakt

"Der Ansatz der ´Eigenverantwortlichen Schule` wird von den meisten Pädagogen als Schritt in die richtige Richtung bewertet. Die Umsetzung allerdings findet nicht konsequent statt, weil der Rahmen, bestehend aus Zeit, Geld und Wissen, noch nicht ausreichend existiert", sagt Frank Haß.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst


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