Global denken – vernetzt handeln
(Manfred Brinkmann) Mitten in den großen Ferien, wenn Schüler und Lehrkräfte sich vom Alltagsstress im Klassenzimmer erholen, wird die deutsche Hauptstadt für ein paar Tage einen Massenandrang von Pädagoginnen und Pädagogen aus aller Welt erleben. Denn die "Education International" (EI, auch Bildungsinternationale [BI]), der internationale Dachverband der Lehrer- und Bildungsgewerkschaften, hat für den 22. bis 26. Juli zu seinem fünften Weltkongress ins Berliner Estrel-Kongresszentrum eingeladen.
11.07.2007 ArtikelFünf Tage beraten über 1600 Delegierte aus der ganzen Welt darüber, wie das Menschenrecht auf Bildung weltweit verwirklicht werden kann. "Bildung für alle" hat die Bildungsinternationale auf ihre Fahnen geschrieben. Dafür macht sie Druck bei internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen (UN) oder der Weltbank und wirkt in Netzwerken von Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen mit, so etwa der "Globalen Kampagne für Bildung", die in Deutschland von der GEW und anderen Organisationen unterstützt wird. Dem BI-Generalsekretär, dem umtriebigen Niederländer Fred van Leeuwen von der Lehrergewerkschaft AOb, ist es gelungen, die Bildungsinternationale zu einer weltweit bekannten und geachteten Organisation zu machen, deren Stimme international Gehör findet und Gewicht hat. So etwa bei der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) oder der UN-Erziehungsorganisation UNESCO. Gemeinsam haben diese beiden UN-Organisationen 2007 Empfehlungen zum Lehrerberuf veröffentlicht, die in weiten Teilen den Anregungen und Forderungen der BI entsprechen.
Nicht weniger wichtig, wenn auch meist nicht sofort erfolgreich, sind die Protestbriefe der Bildungsinternationale und ihres Generalsekretärs van Leeuwen an Regierungen von Staaten, die sich der Verletzung von Menschen- und Gewerkschaftsrechten schuldig machen. Mit den meist öffentlichen Protestschreiben verschafft die BI denen Gehör, die aufgrund ihrer gewerkschaftlichen Tätigkeit verfolgt und bedroht werden. In Kolumbien etwa, wo gewerkschaftlich engagierte Lehrer zum bevorzugten Ziel rechter Paramilitärs und linker Guerilleros geworden sind (s. auch Seite 12). Bereits mehrfach hatte auch der Heinrich-Rodenstein-Fonds der GEW in der Vergangenheit gewerkschaftlich engagierten Lehrern und deren Familien in Kolumbien helfen müssen, weil diese Todesdrohungen erhalten hatten und ihren Wohnort verlassen mussten. Es ist nicht zuletzt der Beharrlichkeit der BI bei den jährlichen Konferenzen der ILO in Genf zu verdanken, dass im vergangenen Jahr eine ständige ILO-Vertretung in Kolumbien eingerichtet wurde, die vor Ort über die Einhaltung der Kernarbeitsnormen wachen soll.
Für öffentliche Bildung
In den Resolutionen, die den Kongressdelegierten in Berlin zur Annahme empfohlen werden, nimmt die Bildungsinternationale klar Stellung gegen Privatisierung und für den Erhalt und Ausbau qualitativ hochwertiger öffentlicher Bildungssysteme. Sie bekennt sich zum Jahrtausendentwicklungsziel der weltweiten Halbierung der Armut bis zum Jahr 2015. Bildung soll als zentrales Werkzeug zur Armutsbekämpfung eingesetzt werden. Zusätzlich zu den weltweit bereits 60 Millionen Lehrern fordert die BI, dass weitere 18 Millionen ausgebildet und eingestellt werden, um zumindest eine Grundbildung für alle Kinder sicherzustellen. Angemessene Bezahlung und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für Lehrkräfte sind weitere Forderungen, denen der internationale Dachverband der Bildungsgewerkschaften auf seinem Kongress Nachdruck verleihen will. Dafür ist die Existenz freier und unabhängiger Gewerkschaften, die die Interessen ihrer Mitglieder wahrnehmen und Tarifverträge über Gehalt und Arbeitsbedingungen abschließen, zentrale Voraussetzung. Staatliche Gängelung und Bevormundung von Gewerkschaften werden ebenso abgelehnt wie die Verpflichtung von Lehrkräften auf politische Ideologien oder patriotische Gesinnung – Probleme, mit denen die Gewerkschaften in Japan oder der Türkei regelmäßig zu kämpfen haben.
Gemeinsames Handeln nötig
Zudem machen die Entwicklungen der Bildungspolitik auf europäischer und internationaler Ebene ein gemeinsames gewerkschaftliches Handeln unabdingbar. Zunehmend finden wichtige Initiativen und Maßnahmen zur Bildungspolitik auf internationaler und europäischer Ebene statt: Etwa die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen zur Schaffung eines europäischen Hochschul- und Forschungsraums oder die Einführung eines Europäischen Qualifikationsrahmens in der beruflichen Bildung.
Die GEW, die mit 18 Delegierten auf dem Weltlehrerkongress vertreten sein wird, habe sich, so der Vorsitzende Ulrich Thöne, der im Vorstand der BI für die GEW sitzt, "stets für eine starke Bildungsinternationale eingesetzt". Durch die aktive Mitarbeit der GEW im Vorstand der BI und in deren verschiedenen Ausschüssen und Arbeitskreisen ist ein Netz vertrauensvoller Kontakte und Kooperationen entstanden. Hier werden Informationen ausgetauscht, die der GEW und den anderen Bildungsgewerkschaften helfen, schnell und angemessen auf neue bildungspolitische und soziale Entwicklungen zu reagieren und so die Interessen ihrer Mitglieder zu wahren. Ein gutes Beispiel dafür ist die Debatte über die PISA-Studien in den OECD-Staaten und die Reaktionen der nationalen Gewerkschaften. Hier organisiert die BI unter ihren Mitgliedern den Meinungs- und Erfahrungsaustausch, wenn im Herbst 2007 die aktuellen Ergebnisse von PISA III bekannt gegeben werden.
Erstveröffentlich und alle Rechte: Erziehung und Wissenschaft, 7-8/2007
Weiterführende Links
- Education International
Keine Kommentare vorhanden