Lärm im Klassenzimmer macht Lehrer krank
Lärm in Schulklassen macht Lehrer krank und verschlechtert den Unterricht. Doch warum sind Klassen so laut wie ein Rasenmäher? Wegen undisziplinierten und respektlosen Schülern – oder etwa wegen unfähiger Lehrer? Bei dieser Diskussion wird oftmals vergessen, dass in den meisten Klassenräumen leiser Unterricht unmöglich ist. Schuld daran ist eine schlechte Raumakustik. Bekannt ist, dass Lehrer oft Stimm- und Kehlkopfprobleme haben, weil sie ständig laut sprechen müssen. Dass Lärmstress den Weg zu Burn-out und Herzinfarkt pflastert, schon weniger. Aufgrund mangelhaft gedämpfter Räume herrscht in vielen Klassenzimmern eine durchschnittliche Lautstärke von 65 Dezibel: Ab diesem Wert steigt das Herzinfarktrisiko bei permanenter Beschallung an, so der Rat für Umwelt der Europäischen Union. Lärm macht Lehrer also krank.
29.10.2012 Pressemeldung Sound EducationEin hoher Lärmpegel verschlechtert automatisch auch den Unterricht. Lehrer müssen den Unterrichtsfluss durch ständiges Wiederholen unterbrechen. Auch die Lehrer-Schüler-Beziehung leidet unter dem Lärm im Klassenzimmer – der als Quelle vieler Probleme oft unerkannt bleibt. Grundschullehrer spüren die Auswirkungen schlechter Raumakustik auf die Klasse am stärksten: Ihre Schüler merken sich bei unregelmäßigen Hintergrundgeräuschen 25 Prozent weniger als in einer ruhigen Umgebung. Lärm beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit, Zuhören, Nachdenken und Verstehen – bei Schülern und bei Lehrern.
Der Zusammenhang von Akustik und Lärm wird besonders deutlich, wenn Schüler in einem für klassischen Frontalunterricht gebauten Raum in kleinen Gruppen arbeiten. Jede Gruppe empfindet die Diskussion der Nebengruppe als Störgeräusch. Es beginnt eine Lärmspirale, in der jeder unbewusst versucht, den anderen zu übertönen. Der Geräuschpegel im Klassenraum schraubt sich so immer weiter nach oben. Dieser Effekt ist unter Experten als "Lombard-Effekt" bekannt – lärmreicher Unterricht ist die Folge. Das Faszinierende ist: Diese Spirale dreht sich in der Natur oder in akustisch optimierten Räumen um. Gruppenarbeit führt dort zu einer niedrigeren Gesamtlautstärke als der Frontalunterricht.
Der Gruppen- oder Projektarbeit kann man den schwarzen Peter für laute Klassenzimmer also nicht zuschieben. Das beweist auch die Studie "Lernumwelt = Lärmumwelt?!" des NRW Landesinstituts für Schule aus dem Jahr 2004. Die Lautstärke im Klassenzimmer lag selbst in Stillarbeitsphasen selten unter 50 Dezibel – so laut ist auch die normale Sprechstimme eines Erwachsenen. Damit Kinder den Lehrer im Unterricht aber fehlerfrei verstehen können, muss er um etwa 15 Dezibel lauter sein als die Hintergrundgeräusche. Lehrer müssen also selbst unter "Stillarbeits"-Bedingungen ständig mit erhobener Stimme sprechen. Wen wundert es, wenn da nicht nur die Gesundheit, sondern auch der Unterricht den Bach runtergeht?
Informationen zu den Studien:
Ising H., Kruppa B.: Health effects caused by noise: Evidence in the literature from the past 25 years. Noise & Health 2004; 5-13.
Klatte, M; Lachmann, T.; Viel Lärm ums Lernen: Akustische Bedingen in Klassenräumen und ihre Bedeutung für den Unterricht", TU Kaiserslautern, 2009.
Schönwälder, H.-G.; Berndt, J.; Ströver, F.; Tiesler, G.: Lärm in Bildungsstätten – Ursachen und Minderung. Schriftenreihe der BAuA Fb 1030, Dortmund, 2004.
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