Schule: Besser ohne Fußball

(bikl/idw) Fußball kann nicht mehr uneingeschränkt als Schulsportart empfohlen werden. Zu diesem Schluss sind jetzt Augsburger Sportwissenschaftler gekommen.

24.05.2006 Artikel

Fußball ist das bei weitem verbreitetste Sportspiel im Sportunterricht. Das Verhalten der Fußballstars hat somit weit reichende Folgen in seiner Vorbildrolle. Deshalb wollte der Sportpädagoge Prof. Dr. Helmut Altenberger wissen, wo Fußball im Vergleich zu anderen Sportspielen bezüglich seiner moralischen Vorbildwirkung steht. Denn, so Altenberger: "Diese Vorbildwirkung sollte ein wichtiger Aspekt bei der Stoffauswahl im Schulsport sein."

Schiedsrichter befragt

Katrin Engelhardt entwickelte im Rahmen ihrer Magisterarbeit zusammen mit Altenbergers Kollegen, dem Bewegungs- und Trainingswissenschaftler Prof. Dr. Martin Lames, einen Fragebogen, mit dem die Häufigkeit von Regelverstößen und schlechtem Benehmen bei Spielern, Trainern und Zuschauern abgefragt wurde. Als Experten für die Beobachtung wurden 156 Fußball-, Basketball-, Handball- und Volleyball-Schiedsrichter aus dem bayerischen Regierungsbezirk Schwaben gewonnen.

Um die Sportspiele bzw. die Verhaltensweisen der Akteure vergleichen zu können, wurden aus mehreren Verhaltensweisen genormte Indices für die Häufigkeit negativen Verhaltens gebildet und dann für die einzelnen Sportspiele berechnet. Durchschnittliches negatives Verhalten hat in diesem Bewertungssystem einen Wert von 100, tritt es überdurchschnittlich oft auf, steigt der Wert entsprechend über die 100er-Marke an.

Spitzenstellung in unfairem Verhalten

Ergebnis: Die Fußball-Werte übertreffen überall die der Vergleichssportarten. Beim unfairen Verhalten im Umgang mit den Schiedsrichtern ist diese "Spitzenstellung" mit einem Wert von 104,0 (gegenüber Handball: 103,3, Basketball: 98,7 Volleyball: 92,3) noch relativ moderat ausgeprägt; beim Trainerverhalten (FB: 108,1 HB: 104,5 BB: 92,7 VB: 90,5) und beim Zuschauerverhalten (FB: 111,8 HB: 105,2 BB: 103,0 VB: 81,2) werden die Unterschiede schon deutlicher. Beim allgemeinen Verhalten bzw. schlechten Benehmen der Spieler kommt der Fußball mit 111,8 als einziger schließlich - und sehr signifikant - über die 100er-Marke für durchschnittlich negatives Verhalten hinaus (zum Vergleich: BB: 100,0 HB: 98,7 VB: 92,7). Im Gesamtvergleich scheint dem Fußball gegenüber insbesondere das Volleyballspiel am anderen Ende der Werteskala eine "Insel der Seeligen" im Kreis der Sportspiele zu sein.

Schlechtes Benehmen gehört dazu

Beim schlechten Benehmen im engeren Sinn (Spucken, Fluchen, obszöne Gesten usw.) lässt der Fußball seine Konkurrenten allerdings weit hinter sich. 55,0 Prozent der befragten Fußballschiedsrichter gaben an, dass Kostproben der allseits bekannten Unflätigkeiten "in vielen Spielen" bzw. "in jedem Spiel" zu beobachten seien; wesentlich weniger oft wurden diese Antwortvorgaben von denjenigen Schiedsrichtern angekreuzt, die beim Basketball (31,6 Prozent), beim Volleyball (11,6 Prozent) und beim Handball (11,3 Prozent) pfeifen.

Trainer als Vorbilder?

Fußballtrainer fallen insbesondere dadurch auf, dass sie am häufigsten Gegner und Schiedsrichter beschimpfen und sogar handgreiflich werden. Handballtrainer hingegen tun sich dadurch hervor, dass sie zu hartem Spiel und zu Fouls ermuntern. Was Zivilisationsmängel auf den Rängen betrifft, so liefern sich die Fußball- und die Handballzuschauer ein Kopf-an-Kopf-Rennen wenn es um Verbalinjurien geht - gleichgültig ob sich diese gegen die Spieler der eigenen Mannschaft, gegen die gegnerische Mannschaft oder gegen die Schiedsrichter richten. Im Kreis der Fußballzuschauer ist darüber hinaus die Neigung zu gewalttätigem Verhalten besonders ausgeprägt, sie sind weiterhin diejenigen, die am meisten Schadenfreude erkennen lassen, wenn ein Gegner verletzt wird und die am meisten dazu tendieren, zu aggressivem Verhalten aufzufordern.

Auch Handballer sind nicht ohne

In einigen Details freilich tun sich die Handballer noch übler hervor als die Fußballer. So ist in 51 Prozent aller Handballspiele, dagegen nur in 37,5 Prozent aller Fußballspiele jeweils mindestens eine Schwalbe zu beobachten. Auch der Anteil der Spiele, in denen mindestens einmal Verletzungen des Gegners in Kauf genommen werden, liegt beim Handball mit 17,3 Prozent deutlich über dem entsprechenden Fußball-Wert von 10,0 Prozent.

„Über Trainerausbildung nachdenken“

"Für die Zuschauer", meint Lames, "sind diese Ergebnisse tendenziell so zu erwarten gewesen, besonders enttäuschend sind sie aus meiner Sicht aber für die Fußballtrainer und die Fußballspieler. Wie sollen junge Spieler vorbildliches Verhalten, Fairness gegenüber dem Gegner und Respekt vor den Schiedsrichtern entwickeln, wenn ihnen die Vorbilder in Spieler- und Trainerschaft etwas ganz anderes vorleben?" Sein Kollege Altenberger teilt diesen Frust und geht noch einen Schritt weiter: "Nach dieser Studie kann Fußball nicht mehr uneingeschränkt als Schulsportart empfohlen werden. Sportlehrer sollten auf jeden Fall bei der Vermittlung von Fußball über Fairness und Verhalten reflektieren und im Schulsport eine Distanz zum vorgelebten Erscheinungsbild der Sportart aufbauen. Hier ist nicht zuletzt auch der DFB gefragt, der über seine Trainerausbildung nachdenken muss."

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Institut für Sportwissenschaft Uni Augsburg


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