Gastbeitrag

PISA 2003 - 2025: Wie lange wollen wir dieselben Konsequenzen fordern?

Vor 22 Jahren haben Eltern, Schülerinnen und Schüler und die GEW gemeinsam Konsequenzen aus PISA gefordert. Vieles davon liest sich heute erschreckend aktuell. Dabei wissen wir längst, was sich ändern müsste. Viele Schulen zeigen seit Jahren, dass es auch anders geht.

15.09.2026 Bundesweit Artikel Wilfried W. Steinert
  • Stühle und Tische in einem Klassenraum. © www.pexels.com Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen, kommentiert Wilfried Steinert die Ergebnisse der PISA-Studie 2025.

Am 10. Dezember 2004 saß ich als damaliger Vorsitzender des Bundeselternrates gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der Bundesschülerkonferenz und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft auf einer Pressekonferenz in Berlin. Anlass waren die Ergebnisse der zweiten PISA-Studie.

Unsere gemeinsame Erklärung begann nicht mit Schuldzuweisungen. Im Gegenteil. Wir wandten uns ausdrücklich gegen das Abschieben von Verantwortung und formulierten ein gemeinsames Ziel: „Gute Bildung für alle – unabhängig von Herkunft, Sprache und Religion.“

Eine unserer zentralen Forderungen lautete: „Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen.“ Wir forderten, dass Schule herkunftsbedingte Benachteiligung abbauen müsse, statt sie zu verstärken. Das war vor mehr als zwei Jahrzehnten.

22 Jahre später: Das Elternhaus entscheidet noch immer mit

Nun liegt PISA 2025 vor. Und der Befund ist nicht nur ernüchternd. Er ist ein bildungspolitischer Alarmruf.

In Deutschland liegen die Leistungen der sozioökonomisch begünstigten 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Naturwissenschaften 125 PISA-Punkte über denen der benachteiligten 25 Prozent. Im OECD-Durchschnitt beträgt diese Differenz 85 Punkte. Noch bedrückender: Zwischen 2015 und 2025 ist dieser Abstand in Deutschland größer geworden, während er im OECD-Durchschnitt kleiner wurde.

Der sozioökonomische Status erklärt in Deutschland 19 Prozent der Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften; im OECD-Durchschnitt sind es lediglich 12 Prozent. Man muss diese Zahlen nicht kompliziert interpretieren. Sie sagen etwas sehr Einfaches und zugleich Beschämendes: In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft noch immer viel zu stark über Bildungschancen.

Oder in den Worten unserer Forderung von 2004: Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen! Was mich daran besonders beunruhigt: Wir können heute nicht mehr behaupten, wir hätten das Problem nicht erkannt. Wir wissen es seit Jahrzehnten.

Unser Problem ist kein Erkenntnisdefizit

Schon 2004 forderten Bundeselternrat, Bundesschülerkonferenz und GEW nicht einfach mehr Geld oder mehr Unterricht. Wir verlangten eine grundlegende Veränderung des Lernens: weg von „Belehrung und Lernen im Gleichschritt“, hin zu „interesse- und problemorientiertem selbst gesteuertem Lernen“.

Und wir forderten den schnellen Aufbau von Ganztagsschulen – ausdrücklich „mit anspruchsvollem pädagogischen Konzept“.

22 Jahre später reden wir wieder über Basiskompetenzen, individuelle Förderung, Unterrichtsqualität, soziale Ungleichheit und Ganztag. Das Problem ist also nicht in erster Linie ein Erkenntnisdefizit. Unser Problem ist ein Umsetzungsdefizit! Vielleicht sogar mehr: ein Mangel an bildungspolitischer Konsequenz.

Wie viele PISA-Studien brauchen wir eigentlich noch, bevor aus Erkenntnissen Entscheidungen werden?

Dass es anders geht, wissen wir ebenfalls seit Langem

Ich konnte einen Teil dessen, was wir damals bildungspolitisch forderten, als Schulleiter praktisch erproben.

Die Waldhofschule Templin entwickelte sich ab 2003 von einer Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung zu einer integrativen Grundschule – zu einer „Schule für alle“. Kinder mit und ohne Behinderung lernten gemeinsam. Individuelle Lernwege traten an die Stelle eines Unterrichts, bei dem alle zur gleichen Zeit dasselbe tun mussten. Lernbegleitende Diagnostik, Teamarbeit, Fördern und Herausfordern, Partizipation und ein rhythmisierter Ganztag wurden zu Bausteinen der Schulentwicklung. Auch die klassischen Hausaufgaben schafften wir ab. Denn Lernen darf nicht davon abhängen, ob nachmittags zu Hause jemand erklären, kontrollieren, Nachhilfe bezahlen oder zusätzliches Übungsmaterial bereitstellen kann. Wir erlebten zugleich: Heterogenität und Leistung sind keine Gegensätze. In den landesweiten Vergleichstests lag die Waldhofschule in den meisten Bereichen über dem Durchschnitt anderer Grundschulen. 2010 wurde sie mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Diese Erfahrung ist für mich bis heute wichtig: Wir müssen uns nicht zwischen Leistung und Inklusion, individueller Förderung und gemeinsamen Standards, Wohlbefinden und anspruchsvollem Lernen entscheiden. Gute Schulen zeigen, dass das zusammengehört.

PISA 2025 darf nicht die nächste Runde derselben Debatte eröffnen

Natürlich müssen wir die neuen Daten sorgfältig analysieren. Aber wir sollten aufhören, nach jeder PISA-Studie so zu tun, als müssten wir unser Bildungssystem erst noch verstehen. Wir kennen zentrale Stellschrauben längst. Wir brauchen auch nicht immer noch mehr Diagnostik, noch mehr Tests, noch mehr „Messen“ der Kinder. Wir müssen Kinder wahrnehmen, ihre Lernentwicklung verstehen und ihnen vermitteln, dass sie gesehen werden. Und: Ressourcen müssen dorthin, wo die Herausforderungen am größten sind.

Unterricht muss Lernzeit tatsächlich zum Lernen nutzen, Kinder kognitiv herausfordern und ihnen zugleich die Unterstützung geben, die sie benötigen.

Und der Ganztag muss endlich als pädagogischer Lern- und Lebensraum verstanden werden – nicht als Vormittagsschule mit angehängter Nachmittagsbetreuung.

Vor allem aber müssen wir konsequenter fragen: Welche Lerngelegenheiten braucht dieses Kind jetzt, um den nächsten Schritt gehen zu können?

Das verändert Schule. Dann geht es nicht mehr darum, Kindern Arbeitsblätter mit nach Hause zu geben – vielleicht noch differenziert in Leistungsniveau A, B oder C. Wir brauchen Aufgaben und aktivierende Impulse, die zum Denken, Entdecken, Problemlösen, Begründen, Kommunizieren und gemeinsamen Lernen herausfordern. Dann wird aus Beschäftigung Lernen. Und aus Ganztagsbetreuung kann Ganztagsbildung werden.

Der Ganztag ist eine historische Chance – wenn wir sie nicht wieder verspielen

2004 forderten wir den Ausbau pädagogisch anspruchsvoller Ganztagsschulen.
Heute stehen wir mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an einem Punkt, an dem daraus tatsächlich eine strukturelle Veränderung der Grundschule entstehen könnte. Aber nur, wenn wir die zusätzliche Zeit pädagogisch nutzen. Mehr Zeit in der Schule ist noch keine bessere Schule.

Ein längerer Schultag, in dem vormittags unterrichtet, mittags gegessen, nachmittags betreut und anschließend zu Hause noch Hausaufgaben erledigt werden, löst kein einziges strukturelles Problem. Im Gegenteil: Wenn das eigentliche Lernen weiterhin voraussetzt, dass Eltern zu Hause erklären, kontrollieren, fördern, finanzieren und organisieren, reproduziert Schule genau die Ungleichheit, die sie eigentlich überwinden soll.

Die Alternative liegt in einer anderen Organisation des Schultages: Unterricht, Übung, Förderung, Herausforderung, Bewegung, Spiel, Kultur und selbstbestimmte Zeiten gehören zusammen. Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende arbeiten gemeinsam. Lernzeiten ersetzen Hausaufgaben. Dann kann der Ganztag etwas leisten, das für Bildungsgerechtigkeit entscheidend ist: Er kann allen Kindern Lernmöglichkeiten zur Verfügung stellen, die bisher viel zu häufig von den Möglichkeiten ihrer Familien abhängen.

Nicht noch einmal 22 Jahre!

Ich möchte PISA 2025 deshalb nicht als Anlass für die nächste Klagerunde verstehen. Wir verfügen heute über mehr Wissen über guten Unterricht und gute Schulen als 2004. Wir haben ausgezeichnete Schulen, die seit Jahren zeigen, was möglich ist. Wir haben Erfahrungen mit multiprofessionellen Teams, inklusiver Bildung, individualisiertem Lernen und rhythmisiertem Ganztag. Und wir haben mit dem Ausbau des Ganztags eine historische Gelegenheit, Lernzeit neu zu organisieren.

Auch wenn es an vielen Schulen hakt und Resignation die Lust auf Lehren und Lernen dämpft: Wir müssen nicht auf die Schule der Zukunft warten. Es gibt sie längst. Was fehlt, ist der politische und professionelle Mut, aus guten Beispielen Normalität werden zu lassen.

In unserer gemeinsamen Erklärung von 2004 schrieben wir, wir wünschten uns eine „Aufbruchstimmung in der gesamten Gesellschaft“.  Vielleicht brauchen wir genau das 22 Jahre später wieder. Nicht die nächste aufgeregte Debatte darüber, wer für die PISA-Ergebnisse verantwortlich ist. Nicht das nächste kurzfristige Programm. Nicht die nächste Reform, die bestehende Strukturen lediglich ergänzt, statt sie infrage zu stellen. Und auch nicht die nächste PISA-Studie, die uns erneut bestätigt, was wir längst wissen.

Entwickeln wir endlich eine gemeinsame Vorstellung davon, wie Schule sein soll – und anschließend die Beharrlichkeit, sie Schritt für Schritt Wirklichkeit werden zu lassen. Denn hinter den 125 PISA-Punkten Unterschied stehen keine abstrakten statistischen Gruppen. Dahinter stehen Kinder und Jugendliche. Ihre Bildungschancen dürfen nicht davon abhängen, in welche Familie sie hineingeboren wurden, ob ihre Eltern studiert haben, wie viel Geld zu Hause vorhanden ist oder ob jemand nachmittags Zeit und Wissen hat, beim Lernen zu helfen.

Deshalb ein letztes Mal die Forderung von 2004 – diesmal dringlicher:

Bildung darf nicht vom Elternhaus abhängen!

Der Satz war 2004 richtig. Er ist 2026 noch immer richtig. Sorgen wir endlich dafür, dass wir ihn nach der nächsten PISA-Studie nicht wieder als unerledigte Forderung zitieren müssen.


­Transparenz-Hinweis: Für die Überarbeitung dieses Beitrags wurde KI verwendet.



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