Unterfinanzierung bleibt nicht ohne Folgen

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat heute in München auf die Auswirkungen der Unterfinanzierung an Bayerns Grundschulen hingewiesen. So investiert Bayern pro Grundschulkind und Jahr nur rund 4400 Euro - "eine im internationalen Vergleich und im Vergleich zu anderen Schularten unangemessen niedrige Summe, zumal sich jeder früh investierte Euro doppelt und dreifach auszahlt", erklärte er.

07.07.2009 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Die Unterfinanzierung bleibt nicht ohne Folgen. Grundschullehrerinnen und -lehrer sehen einen hohen Bedarf an zusätzlichen zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Sie fordern der BLLV- Grundschulstudie zufolge mehrheitlich die Rückgabe aller früher gekürzten Unterrichtsstunden (88%), eine bessere Lehrer-Schüler-Relation (88%), sowie mehr Lehrerstunden und Finanzmittel insbesondere für Brennpunktschulen (95%). 36% der Befragten geben der bayerischen Schulpolitik die Note 4, weitere 36% die Note 5. Der BLLV hat im Rahmen der landesweiten BLLV- Kampagne "Starke Grundschule - Unsere Kleinen ganz GROSS" 800 Grundschullehrer/innen befragt. Die Kampagne endet Mitte Juli mit der Übergabe einer Petition an Landtagspräsidentin Barbara Stamm.

"Die schlechte Bewertung der Grundschulehrerinnen und -lehrer ist alarmierend", sagte Wenzel. "Es besteht dringender Handlungsbedarf." Von einer "heilen Grundschulwelt" jedenfalls könne angesichts dieser Ergebnisse nicht die Rede sein. Die Befragten wurden gebeten, die bayerische Schulpolitik nach dem Muster schulischer Noten zu beurteilen. 736 Grundschullehrer/innen machten davon Gebrauch. Nur von einer Person erhielt die Politik die Note 1, weitere 17 gaben die Note 2, nur 22% fanden die Schulpolitik "befriedigend". Vier Prozent vergaben die Note 6 - alle anderen die Noten 4 und 5. "Das ergibt einen Schnitt von 4,17", so Wenzel. "Viele Lehrerinnen und Lehrer im Grundschulbereich fühlen sich offenbar von der Politik allein gelassen." Die gering empfundene Unterstützung spiegelt sich in den Befragungsergebnissen wieder:

So wollen knapp 90% der Befragten die zwischen 1989/90 und 2004/05 gestrichenen zehn Unterrichtsstunden wieder zurück haben. Bislang wurden nur sieben zurück gegeben, vier davon allerdings für das neu eingeführte Fach Englisch in den Jahrgangsstufen drei und vier.

Auch mit der Schüler-Lehrer-Relation sind viele Lehrerinnen und Lehrer nicht einverstanden: Ihren Angaben zufolge ist nicht die Klassengröße das zentrale Problem, sondern die Tatsache, dass durchschnittlich 19,7 Schüler auf eine Lehrperson treffen. Um den Unterricht effektiv differenzieren und zeitweise eine zweite Lehrkraft z. B. für Teamteaching einbeziehen zu können, fordern daher 88% eine Verbesserung der Schüler-Lehrer-Relation. Fast alle Befragten sind sich einig, dass Brennpunktschulen mehr Lehrerstunden und Finanzmittel benötigen, um die erforderliche erzieherische Arbeit leisten zu können und den Ansprüchen eines Chancenausgleichs von sozial benachteiligten Kindern gerecht zu werden.

Fast einhellig auch die Auffassung, dass "Schulen in Ruhe arbeiten können sollten" (96%). Überbordende Bürokratie und zentraler Dirigismus, sowie fragwürdige Neuerungen werden als "störend" empfunden. "Dieses Votum drückt sicher nicht die generelle Abneigung der Grundschullehrer/innen gegen Innovationen aus", betonte Wenzel." Es wird nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen führt, dass die Grundschule in den vergangenen Jahren eine Vielzahl Veränderungen und Veränderungsversuche erlebt hat wie z. B. die verbindliche Vorschrift einer neuen Substraktionsmethode im Mathematikunterricht, die flächendeckende Einführung von Orientierungsaufgaben oder der gescheiterte Versuch das Lern- und Arbeitsverhalten von Kindern mit den Buchstaben A bis D zu kategorisieren." 91% der Grundschullehrer/innen fordern mehr pädagogische Entscheidungsfreiheit an Schulen, um selbst passgenaue kindgerechte pädagogische Konzepte zu entwickeln.

Wenzel gab abschließend zu bedenken, dass Grundschullehrer/innen die längste Unterrichtspflichtzeit aller Lehrer/innen haben, zusammen mit den Hauptschullehrern/innen jedoch die niedrigste Einstufung bei der Besoldung und die geringsten Aufstiegsmöglichkeiten. "Es ist nachvollziehbar, dass die Angleichung in diesen Punkten eines der größten Anliegen fast aller Grundschullehrer/innen ist. Die Kolleginnen und Kollegen erwarten, dass die angekündigten Beförderungsmöglichkeiten die ersten Schritte auf dem Weg zur vollen Gleichwertigkeit bezüglich Ausbildung, Arbeitszeit und Besoldung sind", sagte Wenzel.

An der BLLV-Kampagne "Starke Grundschule. Unsere Kleinen ganz GROSS" beteiligen sich Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Erzieher/innen und Eltern aus ganz Bayern. Seit Wochen finden überall in Bayern Aktionen statt. Ziel ist es, Grundschulen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen. Infostände, Podiumsdiskussionen, Aktionstage und vieles mehr stehen auf dem Programm. Bei allen Veranstaltungen werden Unterschriften für eine Petition gesammelt, die am 16. Juli an den Bayerischen Landtag übergeben wird. Infos auch unter grundschule.bllv.de.


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