Gastbeitrag

Vom Frontalunterricht zu individuellem Lernen

Das Bildungssystem steht nicht erst seit Beginn der Pandemie auf dem Prüfstand. Doch es fehlte bisher an entscheidenden Impulsen, den Unterricht individuell und zeitgemäß zu gestalten. Von Boris Gloger

28.09.2020 Bundesweit Artikel
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Zu starre Lehrpläne, nicht digital genug, überforderte Einrichtungen: Schonungslos offenbart die Pandemie für alle sichtbar die Lücken des Bildungssystems. Gleichzeitig tun sich Chancen auf: Die Diskussion um kind- und lehrergerechte Bildung entfacht neu und legt den Grundstein für Schulkonzepte der Zukunft. Das ist auch notwendig: Denn nach der Pandemie wieder zum mittelalterlichen Frontalunterricht zurückzukehren, der den gleichen, strikten Lehrplan für alle vorsieht, würde den Fach- und Führungskräften von morgen eine moderne und praxisorientierte Bildung zu verwehren. Wie es anders geht? Kinder lernen individuell nach ihren Stärken und Interessen. Dabei bildet Selbstorganisation das zentrale Element.

Boris Gloger berät Unternehmen in agilen Prinzipien und hat die Initiative Scrum4Schools ins Leben gerufen, die sich vom Frontalunterricht abwendet und den Schüler in den Mittelpunkt stellt – abgeleitet von der Sozialtechnik Scrum, die in der Wirtschaft beliebt ist. Die Initiative unterstützt Schulen und Hochschulen in neuen Schulabläufen für mehr Selbstorganisation und selbstbestimmtes Lernen.

Drei Ankerpunkte für individuelles Lernen

Beim Frontalunterricht steuert und kontrolliert die Lehrperson den Unterricht. Einst sollte diese Lehrform dabei unterstützen, einer großen Anzahl an Schülerinnen und Schülern gleichzeitig Wissen zu vermitteln. Fatal: Jahrhunderte später dominiert die Veränderung unseren Alltag – ob in Technologie, Medizin oder Industrie. Doch ausgerechnet in den Schulen gilt noch immer dieselbe Leier. So bleibt das Bildungssystem weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dabei belegen unzählige Studien und die neuropsychologische Sicht: Am besten lernen Kinder, wenn die Rahmenbedingungen für die Aktivität des Lernens ihren Neigungen entsprechend gestaltet werden, sie also individuell lernen dürfen. Dafür muss nicht der ganze Lehrplan über den Haufen geworfen werden. Vielmehr zählen der Mut und die Begeisterungsfähigkeit für anderes Lehren und Lernen – angefangen bei der Schulleitung. Die folgenden Aspekte entscheiden meiner Meinung nach über den Erfolg dieses Paradigmenwechsels:

1. Digitalisierung benötigt den richtigen (Lern-)Rahmen

Die Debatte um die Digitalisierung der Schulen bezieht sich aktuell stark auf technische Komponenten wie Geräte oder Tools. Dabei kommen die Diskussionen der letzten Wochen immer wieder zum gleichen Schluss: Das digitale Klassenzimmer hakt noch an allen Ecken und Enden – auch wenn Schulen seit Ausbruch der Pandemie durchaus auf einem guten Weg sind. Paradox: Wissen ist zwar mittlerweile überall verfügbar – etwa via World Wide Web oder über E-Learning-Programme. Doch in der Diskussion um eine digitale Zukunft der Schulen wird oft etwas Wichtiges außen vor gelassen: Die Digital Natives sind nicht auf allen Gebieten ein Ass. Nicht jeder, der Instagram-Filter und -Stories aus dem Effeff beherrscht, kennt sich auch mit Photoshop oder dem Programmieren von Webseiten aus. Digitale Bildung darf deshalb auch mutig sein: Wie wäre es, den trockenen Unterrichtsstoff aus dem Geschichtsunterricht via Virtual oder Augmented Reality aufregend zu vermitteln und Persönlichkeiten real werden zu lassen? Warum nicht im Physikunterricht mit einem digitalen Quiz knobelnd die Schülerinnen und Schüler motivieren? Möglichkeiten, den Unterricht anders zu gestalten gibt es zur Genüge.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen: Nur eine geringe Anzahl an Kindern hat Zugang zu digitalen Geräten bzw. der benötigten Infrastruktur, um auch außerhalb des Klassenzimmers damit zu lernen. Deshalb sollten auch neue, analoge Konzepte in den Fokus rücken, die die digitale Komponente ergänzen.

2. Sozialtechniken fördern individuelles Lernen

Lernformen, die Schülern Selbstorganisation und Eigeninitiative beibringen, motivieren und spornen mit Spaß und Vertrauen zu Höchstleistungen an. Das Ziel: Kinder lernen effektiver, schätzen sich selbst besser ein und werden befähigt, im Team zu arbeiten. Dabei unterstützen Sozialtechniken wie Scrum, Kanban, Design Thinking, die wir in den letzten 30 Jahren in der Wirtschaft wiederentdeckt haben. Die Mechanismen dieser Techniken bringen den Kindern bei, den Lehrstoff selbst zu organisieren und in kleinen Lernhäppchen zu verdauen. Anders als im Frontalunterricht wird die Verantwortung für die Erarbeitung des Schulstoffes also in die Hände der Kinder gelegt – ohne dass sich der Lehrplan ändern muss. Studien zeigen, dass Schulen und Initiativen mit einem schülerzentrierten Unterricht bei Kindern und jungen Erwachsenen nachweislich eine höhere Lernleistung und ein höheres Engagement hervorbringen.

3. Die Schulleitung legt den Grundstein

Der Lehrplan birgt oft erstaunlich viel Spielraum – das konnten Lehrpersonen in den letzten Wochen immer wieder erfahren. So haben sie, aber auch Eltern im Homeschooling gemeinsam den Unterricht kreativ gestaltet, etwa anhand einer Arbeitstafel, die die wichtigsten Aufgaben der Woche zeigte, und den Schülern viel Freiraum bei deren Umsetzung ließ. Damit der Effekt nicht verpufft und das Potenzial weiter genutzt werden kann, sind mutige Schulleitungen gefordert, die den Weg zu neuen Lernformen ebnen.

Leider ist auch das Realität an vielen Schulen: Sobald Lehrer außerhalb des Verwaltungsapparats reagieren, fällt die Rückendeckung durch die Fach- oder Schulleitung weg. Fehler machen? Nicht erwünscht! Die Folge: Aus einst begeisterten Studenten, die sich als angehende Lehrkräfte von morgen auf die Vermittlung von Wissen gefreut haben, werden dann resignierte Lehrpersonen, die nur noch Dienst nach Vorschrift machen. Damit das nicht passiert, sollte die Schulleitung als Ermöglicher und Gestalter agieren. Will heißen: Die Lehrkräfte erhalten den benötigten Raum, um mit neuen Lehr- und Lernformen zu experimentieren und die Utensilien, um ihre Vorhaben im schulischen Setup umsetzen zu können. Ein Vorbild ist hierbei etwa die Evangelische Schule Berlin-Zentrum, die jahrgangsübergreifende Projektarbeiten zulässt. Ihr Credo: Die Neugier erhalten und Wege finden, wie Lehrinhalte und Lernen begeistern.

Das Ziel sollte sein, Menschen – sowohl Schülern als auch Lehrpersonen – zu fördern und eine Kultur zu schaffen, in der Fehler erlaubt sind. Diese Situationen üben für den Umgang in Krisensituationen. So waren die Schüler der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum bestens darauf vorbereitet, in der Zeit des Lockdowns selbstständig zu arbeiten. Der Rahmen – eine digitale Plattform, ein täglicher digitaler Checkin und ein Arbeitsplan – wurde vorgegeben, die Umsetzung der zu bearbeitenden Themen erfolgte eigenständig.

Fazit

Die Corona-Krise zwang Schüler und Lehrer zu einer völlig anderen Art zu lehren und zu lernen als bisher. Das lässt Spielraum für neue Ansätze. Dafür gibt die Führung ihre Vision einer Schulkultur vor und lässt die entsprechenden Freiräume für ein Lernumfeld, in dem Kinder gerne lernen möchten.



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