Bildungsmonitor: Probleme bei Schulqualität und Bildungschancen
Der INSM-Bildungsmonitor identifiziert Probleme bei Schulqualität, Bildungsarmut, -chancen und Integration. Die Konsequenz muss Frühförderung und verbindliche Sprachförderung sein. Der DPhV warnt zudem vor Gewöhnung an Lehrkräftemangel und fordert ein Ende des fachfremden Unterrichts.
14.09.2026 Bundesweit Pressemeldung Deutscher Philologenverband (DPhV)Die Ergebnisse des 23. INSM-Bildungsmonitors sind ein weiteres Alarmsignal für den Bildungsstandort Deutschland. Die jährliche Vergleichsstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) weist auf eine durchschnittlich rückläufige bildungsökonomische Entwicklung im Vergleich zu 2013 hin – gemessen an den Zielen, Bildungsarmut zu reduzieren, zur Fachkräftesicherung beizutragen und Wachstum zu fördern. Gleichzeitig gibt der INSM-Bildungsmonitor länderspezifische Rückmeldungen und allgemeine Handlungsempfehlungen. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) sieht darin nach PISA einen weiteren Weckruf: Wer jetzt nicht bei der Früh- und Sprachförderung ansetzt und zugleich in fachlich hervorragend ausgebildete Lehrkräfte investiert, riskiert, dass sich der Bildungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland weiter nach unten entwickelt.
DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing: „Zwei Studien innerhalb weniger Tage zeigen ähnliche Befunde, allerdings aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Auf Grundlage der Bildungsmonitor-Ergebnisse erwarten wir von der Bildungspolitik in Bund und Ländern:
- die flächendeckende Umsetzung der verbindlichen, vorschulischen Sprach- und Entwicklungsdiagnose, vor allem aber bei festgestelltem Bedarf eine anschließende verbindliche passgenaue Förderung der Kinder, damit sie bei der Einschulung die deutsche Sprache altersgemäß beherrschen;
- den konsequenten Ausbau des Fachlehrerprinzips und den Verzicht auf weitere Verkürzungen des Referendariats;
- eine deutliche Verbesserung der Betreuungsrelationen und Klassengrößen an weiterführenden Schulen, insbesondere in strukturschwachen Ländern, um die Lern- und Lehrbedingungen auch in den Sekundarstufen I und II spürbar zu verbessern;
- verbindliche Mindeststandards für die digitale Ausstattung der Schulen;
- eine gezielte, qualitätsorientierte Bekämpfung des Lehrkräftemangels statt fachfremden Unterrichts, besonders in den MINT-Fächern.“
Der INSM-Bildungsmonitor zeigt folgende Länderperspektiven: Gegenüber 2013 ist das bildungsökonomische Niveau in 11 der 16 Länder gesunken. In der Rangfolge dieser Studie weisen Sachsen (Platz 1) und Bayern (Platz 2) in der obersten Gruppe eine überdurchschnittlich gute Entwicklung auf, insbesondere u.a. bei der Förderung der beruflichen Bildung, dem Vermeiden von Bildungsarmut, der Stärkung von Schulqualität, Internationalisierung, Digitalisierung und Forschungsorientierung. Die Betreuungsbedingungen sind allerdings auch in Sachsen verbesserungswürdig. In der zweiten Gruppe nach INSM-Rangfolge befinden sich Hamburg, Baden-Württemberg, das Saarland und Thüringen. Danach folgen unterhalb des Deutschland-Durchschnitts Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Berlin, Rheinland-Pfalz. Und in der letzten Gruppe nach INSM-Rangfolge befinden sich Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Bremen. Bremen (Platz 16) weist dabei insbesondere eine rückläufige Entwicklung bei der Schul- und Bildungsqualität und eine hohe Schulabbrecherquote auf.
Sowohl PISA 2025 als auch der INSM-Bildungsmonitor 2026 zeigen u.a. denselben strukturellen Engpass auf: PISA 2025 erhob, dass 52 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Schule besuchen, die Lehrkräftemangel verzeichnet. Der Bildungsmonitor macht diesen Befund auf Länderebene konkret, etwa mit Blick auf eine teils erheblich unausgeglichene Altersstruktur der Lehrkräfte. Bundesweit bestätigt die INSM-Studie außerdem, dass 18,8 Prozent der jungen Erwachsenen keinen Berufsabschluss erreichen – mit direkten Folgen für Fachkräftesicherung und gesellschaftliche Teilhabe.
Aus gymnasialer Perspektive richtet der DPhV den Blick zusätzlich auf zwei Handlungsfelder, die der Bildungsmonitor länderübergreifend als Schwachstellen ausweist: Betreuungsbedingungen und Digitalisierung. In mehreren Ländern fallen Betreuungsrelationen und Klassengrößen gerade in der Sekundarstufe I und II deutlich hinter den Bundesdurchschnitt zurück, während die digitale Infrastruktur an Schulen bundesweit in kaum einem Land ein vorderes Handlungsfeld-Ranking erreicht. Beides bestätigt seit Langem erhobene DPhV-Forderungen nach verbindlichen Mindeststandards für die digitale Ausstattung.
Besonderes Augenmerk muss auch auf Sachsen-Anhalt gelegt werden. Das Land liegt im Bildungsmonitor 2026 nur auf Platz 15 von 16 und verzeichnet seit 2013 mit −9,2 Punkten einen der stärksten Rückgänge aller Bundesländer. Bei Inputeffizienz und Betreuungsbedingungen belegt Sachsen-Anhalt jeweils den letzten Platz – unter anderem wegen der bundesweit unausgeglichensten Altersstruktur der Lehrkräfte, wenngleich zuletzt erstmals mehr Lehrkräfte eingestellt wurden als in den Ruhestand gingen. Zugleich sinkt die Schülerzahl in Sachsen-Anhalt bis 2035 laut Studie so stark wie in keinem anderen Bundesland. Diese strukturelle Schwäche trifft ein Land, das am 6. September gewählt hat und in dem nun um eine Regierungsbildung gerungen wird. Der DPhV hatte bereits im Vorfeld der diesjährigen Landtagswahlen gemeinsam mit elf Fachverbänden davor gewarnt, dass verfassungsfeindliche Parteien im Falle von Regierungsverantwortung die Lehrkräftebildung schwächen und sogar die Schulbesuchspflicht abschaffen könnten. Nun erneuert der Verband diese Mahnung: Qualitativ hochwertige Fachlichkeit in der grundständigen Lehrkräftebildung und die Schulbesuchspflicht dürfen nicht zur Verhandlungsmasse werden.
Lin-Klitzing: „Gerade ein Land, das bildungspolitisch so unter Druck steht wie Sachsen-Anhalt, kann sich voreilige Kürzungen bei Fachlichkeit und Lehrkräftebildung am wenigsten leisten. Wer jetzt in Magdeburg Verantwortung übernimmt, übernimmt sie für eine Generation von Schülerinnen und Schülern, die bereits heute zu den bildungspolitisch am stärksten benachteiligten in Deutschland gehört. Wir erwarten von allen demokratischen Kräften ein klares Bekenntnis zum Zukunftsschwerpunkt Bildung, zu qualitativ hochwertig ausgebildeten Lehrkräften und zur Schulbesuchspflicht als Grundkonsens."
Abschließend appelliert der DPhV an die Bildungsministerien aller 16 Länder, die Befunde des INSM-Bildungsmonitors zum Anlass für konsequentes Handeln zu nehmen: Verbindliche vorschulische Sprachförderung, eine grundständig organisierte hochwertige Lehrkräftebildung und verlässliche digitale Mindeststandards dürfen nicht von der jeweiligen Haushaltslage oder der politischen Konstellation im Land abhängen. Bildungserfolg darf keine Frage des Wohnorts sein.
- INSM-Bildungsmonitor 2026: Sachsen bleibt Bildungssieger
- Gemessen und zu leicht befunden
- Lese- und Mathematikleistungen im OECD-Durchschnitt deutlich gesunken
Keine Kommentare vorhanden