Berufsbildung

„Aus- und Weiterbildung muss flexibel sein“

Berufliche Bildung und die Arbeitswelt verändern sich derzeit mehr denn je. BIBB-Forschungsdirektor Hubert Ertl darüber, welche Transformationsprozesse derzeit stattfinden – und warum er glaubt, dass Berufsbildung mit der Zeit gehen kann. Interview: Vincent Hochhausen

26.04.2024 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
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Bildungspraxis: Was sind derzeit die wichtigsten Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt und der Berufsbildung?

Hubert Ertl: Es gibt vier wichtige Transformationsprozesse: erstens die fortschreitende Digitalisierung, zu der auch die neuen Möglichkeiten durch generative KI gehören. Zweitens die Transformation hin zu klimafreundlichen Produktions- und Dienstleistungsprozessen. Drittens die Integration von Zugewanderten, die eine große Chance für die Entlastung des Arbeitsmarktes bedeutet. Und viertens der mittlerweile stark spürbare Fachkräftemangel.

Beginnen wir damit. Über Fachkräftemangel klagen Wirtschaftsverbände schon seit Jahrzehnten. Ist es wirklich so ernst?

Der Fachkräftemangel ist akuter als früher, dazu haben wir verlässliche Daten. Sowohl die Anzahl der Wirtschaftsbereiche, in denen es nicht genügend Fachkräfte gibt, als auch das Ausmaß des Mangels in diesen betroffenen Sektoren sind in den letzten Jahren gestiegen.

Warum ist das so?

Vor allem wegen des demografischen Wandels. Die Zahl der Schulabgänger ist seit 2010 um circa 100 000 gesunken und die Tendenz ist weiter sinkend. Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird sich voraussichtlich bis 2040 um 4 Millionen verringern. Da sowohl die Lebensarbeitszeit als auch die Erwerbstätigenquote voraussichtlich steigen werden, gehen wir davon aus, dass sich die Zahl der tatsächlichen Erwerbspersonen voraussichtlich nicht ganz so stark verringern wird – aber es werden 2040 wohl rund 1,5 Millionen weniger sein, als heute.

Wird der technologische Wandel den Fachkräftemangel abmildern, wenn zum Beispiel weniger Arbeitskräfte für bestimmte Tätigkeiten benötigt werden?

Momentan zumindest ist das nicht der Fall. Es entstehen durch die Digitalisierung etwa im selben Ausmaß Tätigkeiten, wie sie an anderer Stelle wegfallen. Die Auswirkungen von neuen Technologien auf die Arbeitswelt sind schwer zu prognostizieren. Einerseits haben sich in den letzten Jahren die Modernisierung und Digitalisierung stark beschleunigt. Die Halbwertszeit von Wissen sinkt, Produktzyklen beschleunigen sich, Lerninhalte verändern sich schneller. Wir gehen jedoch davon aus, dass technologische Veränderungen nicht kontinuierlich im selben Tempo geschehen, sondern in Schüben erfolgen, wie man es derzeit bei generativer KI beobachten kann. Der technologische Fortschritt könnte sich auch verlangsamen, zum Beispiel weil große Technologiefirmen ihre Innovationen nur langsam öffentlich zugänglich machen, um Konkurrenten den Markteintritt zu erschweren.

Wie muss sich die Berufsbildung an diese Veränderungen anpassen?

Aus- und Weiterbildung müssen flexibler, attraktiver und inklusiver werden. Flexibel bedeutet zum Beispiel, dass Kenntnisse, Fähigkeiten und Abschlüsse aus dem Ausland einfacher anerkannt werden. Attraktivität ist wichtig, um den Rückgang der Ausbildungszahlen zu stoppen. Ein Schritt dahin sind zum Beispiel transparente Berufslaufbahnkonzepte, die alle Karrierepfade und Fortbildungsmöglichkeiten eines Berufes für Interessierte zusammenfassen. Und Inklusivität bedeutet, dass wir mehr Menschen überhaupt in die Berufsbildung bekommen müssen: Mittlerweile haben fast 18 Prozent der jungen Menschen in Deutschland keinen Berufsabschluss, die Quote steigt Jahr für Jahr an. Das kann nicht so weitergehen. Junge Menschen, die schlecht in der Schule sind oder sonstige Probleme haben, dürfen nicht einfach aus dem System fallen.

Hubert Ertl

ist seit 2017 Forschungsdirektor und Ständiger Vertreter des Präsidenten im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Zudem ist er Professor für Berufsbildungsforschung an der Universität Paderborn.

Wie kann man das verhindern?

Durch Instrumente wie die Einstiegsqualifizierung, die weiterentwickelt werden müssen. Die Frage ist: Müssen Jugendliche schon bei Ausbildungsbeginn alle Voraussetzungen für die Ausbildung mitbringen? Oder können sie bestimmte Kompetenzen nicht auch während der Ausbildung entwickeln? Während der Flüchtlingskrise 2015/16, als es genau dieses Problem gab, haben viele Betriebe sich stark engagiert, um zum Beispiel die Sprachförderung vor und während der Ausbildung zu unterstützen. Da gibt es tolle Erfolgsbeispiele, an denen sich alle Beteiligten orientieren können, um Angebote für die Ausbildung von nicht ausbildungsreifen Jugendlichen zu schaffen.

Welche Rolle spielt das Bildungspersonal bei all diesen Transformationen?

Alles steht und fällt mit dem Bildungspersonal, denn es muss diese Veränderungsprozesse mittragen. Es muss Menschen mit allen möglichen Hintergründen einbinden, fit im Umgang mit digitalen Technologien sein, professionell Kompetenzen vermitteln. Leider droht derzeit bei den Ausbilderinnen und Ausbildern eine große Ruhestandswelle. Die Personalabteilungen müssen also auch hier Nachwuchs finden.

Wie steht es denn um die digitalen Kompetenzen des Ausbildungspersonals?

Teilweise hapert es da noch. Ausbilderinnen und Ausbilder geben oft selbst an, sich in puncto Digitalität ihren Azubis unterlegen zu fühlen. Diese Wahrnehmung ist aber gar nicht immer berechtigt. Denn Jugendliche haben zwar meist Anwendungskompetenz im Umgang mit digitalen Geräten und Medien, aber das reicht nicht für einen kompetenten Umgang. Dazu braucht es Medienkompetenz, zu der auch gehört, Technologien und Anwendungsmöglichkeiten kritisch zu hinterfragen. Über diese Kompetenz muss auch das Bildungspersonal verfügen.

Welche weiteren Kompetenzen braucht das Ausbildungspersonal noch?

Es ist wichtiger geworden, gut mit heterogenen Personengruppen umgehen zu können, denn Auszubildende sind heute vielfältiger als früher. Sowohl was die Herkunft angeht, als auch in Bezug auf die Schulbildung und das Alter. So kann zum Beispiel der kulturelle Hintergrund für Konfliktstoff sorgen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln zusammenarbeiten. Zur sozialen Kompetenz, die für Bildungspersonal schon immer wichtig war, kommt nun also auch Kompetenz im Umgang mit kultureller Diversität. Das ist nicht immer leicht zu meistern, aber es gibt durchaus Angebote, die diese Kompetenz schulen. Grundsätzlich profitiert das Aus- und Weiterbildungspersonal davon, sich zu vernetzen. Das haben wir zum Beispiel während Corona gesehen. Deswegen bauen wir beim BIBB unsere Angebote dafür aus, etwa durch das neue Ausbilderportal Leando.

Wie wandelt sich derzeit das berufliche Lernen selbst?

Ich sehe da zwei große Entwicklungen. Zum einen ist heute eine breitere Wissensgrundlage notwendig als früher, um im Beruf kompetent zu sein. Experte in einem Spezialbereich zu sein, wird immer weniger ausreichen, stattdessen wird Überblickswissen wichtiger. Zum anderen werden nicht nur die Wissensbestände größer, sondern auch die Möglichkeiten, sich diese zu erschließen. Es wird immer seltener, dass es für bestimmte Tätigkeiten oder Lerninhalte ein bestimmtes Standardlernwerk gibt, an dem man sich orientiert. Lernkompetenz, also die Fähigkeit, den eigenen Lernprozess effektiv zu steuern, gewinnt damit an Bedeutung. Das ist schon lange bekannt, aber didaktisch nicht immer ganz einfach umzusetzen.

Onlineportal für Ausbilderinnen und Ausbilder

Mit dem neuen Online-Portal www.leando.de stellt das Bundesinstitut für Berufsbildung BIBB für Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Prüfende praktische Werkzeuge mit anwendungsbezogenen Informationen und Fallbeispielen guter Ausbildungs- und Prüfungspraxis zur Verfügung. Zudem soll das Portal der Kooperation und Vernetzung des Ausbildungspersonals dienen.

Ist das deutsche Berufsbildungssystem flexibel genug, um all diese Herausforderungen zu meistern?

Ja, das zeigt die Vergangenheit. Dass sich in Deutschland seit den 1920er Jahren das duale System der Ausbildung herausgebildet hat, ist international bis auf wenige Ausnahmen ein Sonderfall. Anpassungen wie neue Ausbildungsinhalte oder Berufe kommen bei uns immer von den Sozialpartnern gemeinsam, also von Arbeitgebern und Gewerkschaften. Diese Anpassungsleistung haben schulische Berufsbildungssysteme nicht. Das ist ein sehr großer Vorteil, auch wenn es dabei etwas länger dauern kann, den nötigen Konsens zu erreichen.

Welche Aufgabe des Berufsbildungssystems sollte einen größeren Stellenwert bekommen?

Der Beitrag der Berufsbildung zur Demokratie. Wir geraten derzeit gesellschaftlich etwas aus den Fugen: Es herrscht Krieg in Europa, es gibt Spannungen durch Versorgungsknappheit und Preisschwankungen, es herrscht eine polarisierte Öffentlichkeit. Es mag etwas abgehoben klingen, aber eine wichtige Funktion der Berufsbildung war es immer schon, Menschen zu friedvollen und produktiven Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Dieser Aspekt der Demokratiebildung im beruflichen Bereich muss wieder stärker in den Fokus rücken.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 1/2024, S. 4-7, www.bildungspraxis.de



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