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"Ausbilder sollten einfühlsam sein"

Der 22-jährige Niklas Caspereit hat seit seiner Kindheit die Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Als Teil eines Inklusionsteams bestritt er auf der didacta 2015 die deutsche Meisterschaft für Mechatronik-Auszubildende. Nun ist der Berliner im Begriff, seine Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Im Gespräch berichtet Caspereit von seinen Erfahrungen und erklärt, worauf es bei einer inklusiven beruflichen Bildung ankommt.

11.02.2016 Artikel
  • © Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin

Herr Caspereit, im Alter von sechs Jahren wurde bei Ihnen die ADHS festgestellt. Welchen Einfluss hat das auf Ihren Alltag?

Ich bin einfach unkonzentriert. Wenn in der Schule der Lehrer vorne steht, langweilt mich das eher und ich gucke zum Beispiel aus dem Fenster oder mache etwas anderes. Das ist schon auffällig, aber je nach Person unterschiedlich ausgeprägt. Bei manchen merkt man das viel stärker als bei mir, bei anderen ist es kaum ausgeprägt. In der Ausbildung war das die größte Schwierigkeit, die ich zu meistern hatte: Ich musste mich sehr darauf konzentrieren, in der Schule wirklich aufzupassen, den Stoff wirklich mitzubekommen. Das war für mich eine Herausforderung, weil es wirklich viel Lernstoff ist – nicht nur Metall, sondern auch Elektronik, Pneumatik und Hydraulik. Man muss das alles behalten und am Ende eine große Prüfung schreiben. Das war schon ein großes Paket.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe zum Beispiel zusammen mit Freunden den Stoff wiederholt und versucht, mich von den Ablenkungen in meinem Umfeld ein bisschen abzuschirmen. Und im Berufsbildungswerk wurde der ganze Stoff nochmal wiederholt. Wenn man etwas nicht verstanden hatte oder es kleinere Unstimmigkeiten gab, konnte man nachfragen. Man kann zu den Ausbildern wirklich hingehen und sagen: Ich hab das nicht verstanden, könnten Sie mir das nochmal erklären?

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Ausbildungssuche gemacht?

Ich habe mich erst für eine Ausbildung zum Erzieher interessiert, aber dafür wird ein Realschulabschluss mit besseren Noten gefordert. Die Agentur für Arbeit hat mir dann angeboten, im Rahmen einer Berufsvorbereitung elf Monate lang in verschiedene Ausbildungsberufe hineinzuschnuppern. Das habe ich angenommen und kam so in das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk. Ich war dort in der Tischlerei, dem Metallbereich und zuletzt im Mechatronikbereich. Bei Mechatronik habe ich gedacht: Das könnte auch auf längere Sicht interessant sein, weil der Beruf sehr abwechslungsreich ist. Diesen Ausbildungsberuf habe ich dann auch gewählt.

Was würden Sie Ausbildern empfehlen, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen betreuen?

Einfühlsamkeit. Dass man den Leuten wirklich zuhört, was sie für Probleme haben und dass man sagt: Ich nehme mir einfach mal die Zeit und erkläre ihm das vielleicht fünf Mal, weil beim fünften Mal versteht er das. Nicht jeder Mensch ist gleich, sondern jeder Mensch versteht anders, manche brauchen halt eine längere oder kürzere Zeit, um die Dinge zu verstehen. Ich finde es gut, wenn man sagt: Okay, du bist körperlich eingeschränkt, aber probier es doch einfach trotzdem mal. Und wenn du das eine nicht machen kannst, versuchen wir eben etwas anderes. Einfach mal ausprobieren. Und wenn der Mensch selber sagt: Ich möchte das probieren, ich möchte das gerne durchziehen – dann sollte man ihn motivieren statt zu sagen: Nein, du bist körperlich eingeschränkt. Zum Beispiel bei Epilepsie im Metallbereich: Es ist zwar ein etwas härterer, aber auch schönerer Schritt, zu sagen: Leute, die Anfälle haben, gehen trotzdem in den Metallbereich, wo sich Maschinen befinden, die sich bewegen. Da müssen halt mehrere Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, aber vielleicht klappt es und vielleicht macht es dann auch Spaß.

Welche Erfahrungen haben Sie im Unternehmen gemacht: Gab es Berührungsängste?

Nein, eigentlich nicht. Anfangs hatten die Mitarbeiter gar nicht die Information, dass ich eine Art Behinderung habe. Erst im Nachhinein haben sie mal gefragt, warum ich denn eigentlich in diesem Berufsbildungswerk für Menschen mit besonderem Förderbedarf bin. Das fand ich sehr interessant, dass viele gesagt haben: Hey, du machst total tolle Arbeit – warum bist du denn eigentlich da? Aber es ist schon unterschiedlich. Manche fassen einen dann doch manchmal mit Samthandschuhen an, aber das legt sich mit der Zeit, weil sie sehen: Okay, der Mensch kann was und er will auch was lernen. Und er will wirklich arbeiten. Dann sind diese Vorurteile schnell wieder weg.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft – und für die berufliche Bildung von Menschen mit Behinderung allgemein?

Ich selbst wünsche mir, dass ich erstmal in diesem Job bleibe und dass der Job mir immer Spaß macht. Für andere Menschen wünsche ich mir Akzeptanz und dass man ihnen Chancen gibt. Dass sie sich etwas erkämpfen und nicht sagen: Ich bin im Rollstuhl, also kann ich nur Bürosachen machen. Sondern dass sie sagen: Ich bin eigentlich ein aktiver Mensch und vielleicht schaffe ich auch andere Dinge.

Nach dem Realschulabschluss an einer Integrationsschule besuchte Niklas Caspereit das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk in Berlin. Es ist eines von 52 Berufsbildungswerken bundesweit, die junge Menschen mit besonderem Förderbedarf in allgemein anerkannten Berufen ausbilden. Dabei kooperieren die Bildungswerke in Form der sogenannten "Verzahnten Ausbildung" eng mit ausbildenden Unternehmen. Förderunterricht und psychosoziale Beratungsangebote begleiten die Ausbildung. In den letzten eineinhalb Jahren seiner Ausbildung arbeitete Caspereit bereits in einem Betrieb für Anlagenbau. Dort ist man so zufrieden mit seiner Arbeit, dass man ihm bereits einen Arbeitsvertrag angeboten hat.

Inklusion ist ein Schwerpunktthema auf der diesjährigen didacta in Köln. Kommen Sie vorbei und informieren Sie sich über die aktuellen Debatten, zum Beispiel in der beruflichen Bildung:

Forum Berufliche Bildung
Bericht aus der Praxis: Inklusion in der beruflichen Bildung
17. Februar 2016
10:30 Uhr - 11:15 Uhr
Forum Berufliche Bildung: Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Teilhabe im Beruf: Inklusion in der Beruflichen Bildung
18. Februar 2016
12:15 Uhr - 13:15 Uhr
Forum Berufliche Bildung: Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Berufliche Bildung
Offene Werkstatt für Inklusionsschulen
19. Februar 2016
10:30 Uhr - 11:15 Uhr
Forum Berufliche Bildung: Halle 9, Stand A 36/B 39
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Sonderschau
Wege zur Inklusion
16. - 20. Februar 2016
jeweils 9:00 Uhr – 18:00 Uhr
Halle 8, Stand E 40/F 45
Veranstalter: Ausschuss Frühe Bildung im Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Einen ausführlichen Hintergrundbericht zum Thema Inklusion und weitere Veranstaltungstipps finden Sie hier.

Das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk hat zudem einen Film über die Mechatroniker-Meisterschaft 2015 gedreht.


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