Interview

„Die Ausbildung hinkt der Realität hinterher“

Immer mehr unbesetzte Ausbildungsplätze, immer weniger Vertragsabschlüsse, immer mehr Jugendliche, die gar keine Ausbildung beginnen. Bildungsexperte Dieter Dohmen ordnet die Herausforderungen für die duale Ausbildung ein und gibt Hinweise, was man besser machen könnte. Interview: Vincent Hochhausen und Franziska Schuberl

14.10.2025 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Zwei Männer bauen eine Mauer. © Adobe Stock Immer weniger junge Menschen in Deutschland beginnen nach dem Schulabschluss eine duale Ausbildung.

Bildungspraxis: Die Zahl der Ausbildungsverträge hat sich wieder erholt, liegt aber noch immer leicht unter dem Vor-Corona Niveau. Wird dieses Niveau bald wieder erreicht werden?

Dieter Dohmen: Das bezweifle ich. Corona hat nachhaltigere Folgen, als viele erwartet haben und das nicht nur für die Ausbildung: Auch die Weiterbildungsbeteiligung der Unternehmen ist gesunken und bleibt deutlich unter dem Vor-Corona-Niveau. Während Corona haben die Unternehmen ihre Ausbildungstätigkeit erzwungenermaßen zurückgefahren. Wegen Lockdowns und Betriebsschließungen zum Beispiel in der Gastronomie konnten sie sich nicht gewohnt präsentieren – Praktika waren nicht möglich. Das wirkt sich jetzt immer noch aus. Gleichzeitig ziehen sich Betriebe zurück, weil sie keine Azubis finden.

Dieter Dohmen ist Volkswirt und Unternehmer. Er ist Gründer und Direktor des Forschungsinstitutes für Bildungs- und Sozialökonomie FiBS.

Wie wirkt es sich denn aus?

Die Zahl der jungen Erwachsenen ohne Ausbildungsabschluss ist in den letzten Jahren dramatisch angestiegen, auf fast drei Millionen. Und an den jüngeren Jahrgängen sehen wir, dass dieser Trend anhält. Viele Jugendliche jobben eher, als in eine Ausbildung zu starten. Teils, weil sie keinen Ausbildungsplatz finden oder während Corona gefunden haben. Und teils, weil sie lieber gleich Geld verdienen, als von einer Ausbildungsvergütung zu leben, die deutlich unter dem Mindestlohn liegt. Dazu kommt, dass Jugendliche größere Schwierigkeiten haben, sich beruflich zu orientieren, als früher. Sie leben in einer völlig anderen Welt als die Betriebe, die Auszubildende suchen. Für die Jugendlichen sind die digitale und die analoge Sphäre völlig miteinander verschmolzen. Das führt für sie zu einer vielfältigeren Welt, die aber auch weniger haptisch und weniger direkt erfahrbar ist. Ältere Menschen, auch solche für die das Smartphone selbstverständlich ist, denken dagegen immer noch erst einmal analog.

„Der Umgang mit Ausbildungs platzsuchenden ist in vielen Fällen wirklich katastrophal. Ich kenne selbst Jugendliche, die auf ihre Bewerbungen gar keine Reaktion bekommen.”

Sie haben gezeigt, dass die duale Ausbildung mittlerweile vor allem von Jugendlichen mit Hochschulzugangsberechtigung getragen wird, während Jugendliche mit Haupt- und Realschulabschluss schlechtere Karten haben.

Hier muss man differenzieren. Jugendliche mit Realschulabschluss münden zwar weniger in die duale Ausbildung als früher, aber sie gehen in großer Zahl in Berufe mit schulischer Ausbildung. Hauptschüler/-innen und Jugendliche ohne Schulabschluss dagegen haben immer weniger Ausbildungschancen. Denn erstens steigen die beruflichen Anforderungen und damit auch die Anforderungen in der Ausbildung. Zweitens erfüllen immer weniger Jugendliche am Ende ihrer Schulzeit Mindeststandards im Lesen, Schreiben und Rechnen. Und drittens sinkt die Ausbildungsbeteiligung vor allem kleinerer Betriebe seit Jahren. Auch, weil sie einfach keine geeigneten Bewerber/-innen finden.

Trotz immer mehr unbesetzter Ausbildungsplätze geht die Zahl der Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden, nicht zurück. Wie ist das zu erklären?

Man spricht hier von Passungsproblemen, das bedeutet, die offenen Stellen werden nicht in den Berufen oder in den Regionen angeboten, für die sich die Jugendlichen interessieren. Und das stimmt auch, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Wir brauchen modernere Strukturen am Übergang Schule-Ausbildung, die die Situation auf beiden Seiten systemisch in den Blick rücken und dabei auch die Wirtschaft einerseits in die Verantwortung nimmt, aber auch die kleinen Betriebe besser und zielgenauer unterstützt.

Inwiefern?

Der Umgang mit Ausbildungsplatzsuchenden ist in vielen Fällen wirklich katastrophal. Ich kenne selbst Jugendliche, die auf ihre Bewerbungen gar keine Reaktion bekommen. Oder die Ansprechpartner/-innen im Betrieb wissen gar nicht genau, welche Stellen überhaupt ausgeschrieben sind. Das hat auch mit Personalmangel und Überlastung zu tun, aber Fakt ist, dass Bewerbungsprozesse oft schlecht gemanagt werden. Ferner brauchen kleine Betriebe Unterstützung, wo und wie sie sich positionieren können, welche Anforderungen sie an die potenziellen Azubis stellen können, beziehungsweise was diese mitbringen sollten. Und die Anreize für eine Ausbildung sind auch nicht ideal.

„Wenn man möchte, dass die Jugendlichen für einen Ausbildungsplatz auch aus ihrer Heimat wegziehen, müssen Unternehmen eine Vergütung bieten, mit der sich die Jugendlichen eine Wohnung leisten können.“

Also die Vergütung?

Ja. Vor allem wenn man möchte, dass die Jugendlichen für einen Ausbildungsplatz unter Umständen die auch aus ihrer Heimat wegziehen, müssen Unternehmen eine Vergütung bieten, mit der sich die Jugendlichen eine Wohnung leisten können. Zumal die Ausbildung, wie schon gesagt mit dem Mindestlohn konkurriert. Denn junge Menschen sind heute konsumorientierter, sie wollen Geld verdienen und sich Dinge leisten können. Oder sie müssen die Familie mitfinanzieren.

Warum ändert sich an diesen Faktoren nichts, obwohl der Druck durch den Fachkräftemangel so groß ist?

Generell gilt: In schwierigen Zeiten hat in der Wirtschaft die Bildung nicht die oberste Priorität. Branchen wie die Automobilindustrie machen derzeit große Transformationsprozesse durch. Oder sie sind durch hohe Energiepreise oder starke Konkurrenz unter Druck und bauen Arbeitsplätze ab. In dieser Lage sind Veränderungen schwierig. In vielen Handwerksbetrieben dagegen fehlen Kapazitäten für die Ausbildung gerade, weil die Auftragsbücher so voll sind und man mit der Arbeit kaum hinterherkommt. Corona hat eine allgemeine Lethargie in der Wirtschaft teilweise verstärkt.

Wie meinen Sie das?

In vieler Hinsicht ist Deutschland eine Jammerrepublik. Es wird schnell gemeckert, aber kaum geschaut, was man selber besser machen kann. Viele Stakeholder in der Berufsbildung sind nicht flexibel und offen für neue Strukturen, neue Angebote oder Analysen, die nicht von ihnen selbst kommen. Zudem ist das System sehr schwerfällig. 2022 wurde zum Beispiel erst der 3D-Druck in der Ausbildungsordnung für Zahntechniker/-innen verankert. Das hinkt der Realität hinterher. Und jetzt verändert die Künstliche Intelligenz Berufe zum Teil grundlegend, was sich auch in den Ausbildungen widerspiegeln muss.

Welche Rolle spielt das Schulsystem bei der Krise der dualen Ausbildung?

Eine entscheidende. Mittlerweile verfehlen laut Pisa-Studie ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland Mindestkompetenzen beim Lesen, in Mathe sind es 30 Prozent. Die Quote der Schulabbrecher liegt bei sieben Prozent. Es schaffen also jede Menge Jugendliche ihren Schulabschluss ohne die nötigen Fähigkeiten im Lesen und Rechnen. Wir brauchen eine Disruption im Bildungswesen. Schulen müssen zu Einrichtungen werden, die vor allem nach pädagogischen Aspekten operieren – derzeit sieht das System sie in erster Linie als nachgeordnete Verwaltungsbehörden.

Was müsste das Ziel einer solchen Disruption im Bildungswesen sein?

Dass die Schulen die Interessen und Talente der Kinder aufgreifen und zur Grundlage des Bildungsprozesses machen. Kinder haben eine enorme Bereitschaft und Motivation, Dinge zu lernen, die sie faszinieren. Denken Sie an Kinder, die stundenlang üben, einen Fußball mit dem Fuß hochzuhalten. Schulen müssen diese Bereitschaft aufgreifen und fördern. Dazu braucht es multiprofessionelle Teams und Lehrkräfte, die sich eher als Talentscouts und Trainer sehen statt als Lehrerinnen und Lehrer. Vor allem wegen des starken Lehrkräftemangels sind wir davon derzeit aber sehr weit entfernt. Jedes Jahr zeigt der deutsche Schulpreis, dass es Schulen gibt, die auch unter den gegebenen Umständen wirklich gutes Lernen ermöglichen. Aber es fehlt an dem Willen, solche Konzepte in die Breite zu tragen. Unser Schulsystem setzt andere Anreize.

Welche denn?

Vor allem, die Schülerinnen und Schüler in gute und schlechte einzuordnen – sowohl in den Schulformen als auch in den Klassen. Dieses Ordnen nach Leistungen hilft nichts und stammt aus einer anderen Zeit. Wir begrenzen so die Bildungschancen der Kinder. Stattdessen müsste in Schulen das Mindset vorherrschen: Wir wollen jedes Kind dabei unterstützen, sich bestmöglich zu entfalten.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 3/2025, S. 4-9, www.bildungspraxis.de



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