Berufseinstieg

Dort helfen, wo nötig

Die berufliche Ausbildung in Deutschland gerät ins Stottern. Andere Länder stehen vor ähnlichen oder schlimmeren Problemen. Neue Studien zeigen, welche Maßnahmen sich international bewähren, um junge Menschen gut in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren. Von Roman Eisner

18.11.2025 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • Frau in Warnweste sitzt an einem Computer und überprüft technische Daten. © Adobe Stock Deutschland ist nicht das einzige Land, das zunehmend Probleme hat, junge Menschen in ihr Ausbildungssystem und ihren Arbeitsmarkt zu integrieren.

Millionen junge Erwachsene in Deutschland haben keinen Berufsabschluss und absolvieren weder ein Studium noch eine Ausbildung, so der aktuelle Datenreport zum Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung BIBB 2024. Wenn Frank Neises auf diese Zahlen und Prozentangaben blickt, hütet er sich vor vorschnellen Schlüssen. Die Probleme auf dem Ausbildungsmarkt seien groß, aber sie ließen sich in kleinere Teilprobleme einteilen. Neises arbeitet im BIBB in der Abteilung „ Initiativen für die Berufsbildung'; in der Fachstelle für Übergänge und Grundsatz-fragen. Diese 2,9 Millionen suchen sich eigene Wege ins Berufsleben, fern von formalen Qua-lifikationen oder staatlichen Beratungsstellen, so Neises. So sind 70 Prozent der 2,9 Millionen ohne formale berufliche Qualifikation durchaus berufstätig, allerdings häufig in Helfer- oder Minijobs, zum Beispiel in der Sicherheitsbranche, oft befristet und mit geringer Entlohnung. Neises warnt davor: „Junge Menschen nehmen diese Jobs an, weil sie schnell Geld verdienen möchten, ohne die falschen Versprechungen hinter solchen Jobs oder ihre langfristige Perspektive zu berücksichtigen."

Denn Menschen mit formaler Berufsqualifikation sind erwiesenermaßen seltener von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht und haben bessere Karrierechancen. Solche Botschaften zu vermitteln, sei auch Aufgabe der Schulen, so Neises. Er empfiehlt daher Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben in der Nähe, die bereit sind, mehrwöchige oder -monatige Praktikumsplätze anzubieten und den Praktikanten sinnvolle, selbstwirksame und ausbildungsrelevanteTätigkeiten zu ermöglichen. Auch Jan Krüger, Abteilungsleiter „Bildungspolitik und Bildungsarbeit" beim Deutschen Gewerkschaftsbund DGB, sieht an deutschen Schulen noch Verbesserungsbedarf. ,,In der Oberstufe findet häufig keine Berufsorientierung statt, dort werden höchstens verschiedene Studiengänge vorgestellt. Berufsorientierung muss in die Lehrpläne integriert und individuell auf die jungen Menschen zugeschnitten sein."

Ausbildungssystem beeinflusst Arbeitslosigkeit

Deutschland ist nicht das einzige Land, das zunehmend Probleme hat, junge Menschen in ihr Ausbildungssystem und ihren Arbeitsmarkt zu integrieren. Das zeigt der internationale Report „OECD Skills Outlook',' den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  OECD zuletzt im November 2023 veröffentlicht hat. Die beruflichen Ausbildungssysteme der 38 OECD-Mitgliedsländer unterscheiden sich natürlich voneinander - hinsichtlich Struktur, Dauer, Abschluss, Durchlässigkeit und Verankerung im Arbeitsmarkt. Der Report weist aber eindeutig einen Zusammenhang zwischen der hohen Qua-lität des Ausbildungssystems eines Landes und einer niedrigen Jugendarbeitslosigkeit nach. In Ländern mit einem starken dualen System, wie Deutschland oder Schweiz, ist die Arbeitsmarktintegration nach der Ausbildung deutlich besser als in Ländern mit überwiegend schulischer Berufsausbildung, wie in Frankreich oder Spanien. In Deutschland betrug die Jugendarbeitslosenquote im Mai 2025 laut dem statistischen Amt der Euro-päischen Union 6,6 Prozent. Zum Vergleich: Frankreich lag bei 17,5 Prozent, Spanien bei 25,4. Das duale System ist also klar im Vorteil, Deutschland hat hier keinen Handlungsdruck. Dennoch mahnt die OECD alle Länder, die Attraktivität ihrer beruf-lichen Bildung zu steigern - durch hohe Ausbildungsqualität, mehr Förderung für Azubis, mehr Durchlässigkeit zum Studium nach der Ausbildung oder dem Meister und durch engere Kooperation zwischen Schulen, Wirtschaft und Behörden.

Ein neuer Report vom Juli 2025 geht noch einen Schritt weiter. Um den demografischen Wandel im Arbeitsmarkt zu meistern, empfiehlt der Report „OECD Employment Outlook',' das Potenzial junger Menschen besser zu aktivieren. Vor allem die NEET-Gruppe rückt der Bericht in den Fokus. NEET steht für „not in employment, education or training" und meint die 15- bis 29-Jährigen, die keiner Erwerbstätigkeit nach-gehen, nicht zur Schule gehen, nicht studieren und nicht an beruflicher Aus- oder Weiterbildung teilnehmen. Das sind die genannten 2,9 Millionen jungen Erwachsenen in Deutschland. Die OECD drängt auf frühzeitige zielgerichtete Beratungsangebote für diese gefährdeten jungen Menschen.

Mehr Förderung für Azubis

An diesen Stellschrauben kann auch Deutschland drehen. Dass Betriebe Ausbildungsstellen nicht besetzen können oder junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden, liegt zum Teil auch daran, dass die suchenden Betriebe und Jugendlichen zu weit voneinander entfernt sind - das zeigt der jährliche Berufsbildungsbericht des Bundesbildungsministeriums. Die Mobilität der Azubis, vor allem in ländlichen Regionen, reicht häufig nur bis zum Betrieb in der Nachbargemeinde. Experten bezeichnen dies als Passungsproblem. Frank Neises vom BIBB empfiehlt, finanzielle Anreize zu schaffen, um die Passung zu erhöhen: „Deutschland braucht mehr Wohnheime für Azubis. Ein Azubi-Ticket für öffentliche Verkehrsmittel würde helfen." Auch der „OECD Employment Outlook" spricht sich für eine bessere soziale Absicherung während der Ausbildung und für eine Förderung der Mobilität aus. Wohnkostenzuschüsse und Unterstützung für Umzüge sind laut OECD international wirksame Instrumente. Jan Krüger vom DGB fordert noch mehr: die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung deutlicher zu kommunizieren, rechtlich verbindlich zu veran-kern und auszubauen. Mit solchen Argumenten ließen sich Jugendliche eher überzeugen, eine Ausbildung zu beginnen.

Auch die Berufsberatung außerhalb der Schu-len muss sich in Deutschland wandeln, sind sich Krüger und Neises einig. Damit staatliche Behörden einen Überblick über den Beratungsbedarf entwickeln können, dürfen sie nach der Schule den Kontakt zu den jungen Menschen nicht verlieren. Im Klartext: Deutschland braucht eine Datenbank der Schülerinnen und Schüler, die auch deren Werdegang nach dem Schulabschluss beinhaltet. Diese würde es den Berufsagenturen ermöglichen, vor allem die gefährdeten jungen Menschen frühzeitig und gezielt anzusprechen und ihnen passende Ausbildungsplätze zu vermitteln. Für diese Aufgaben eignen sich etwa die Jugendberufsagenturen in Deutschland. Diese bieten Jugendlichen seit 2008 eine zentrale Anlaufstelle für alle beruflichen Fragen.

Auch der „OECD Employment Outlook" for-dert mehr Daten und besseres Monitoring, um gefährdete Jugendlichen vor dem NEET-Status bewahren und ihnen Unterstützung anbieten zu können. Der Report nennt Länder, die das beispielhaft umsetzen. So hat Südkorea wirksame Programme zur Wiedereingliederung von NEETs aufgelegt - durch intensive Betreuung, Kompetenzfeststellung und Übergangsprogramme. Auch in den Niederlanden erhalten junge geringqualifizierte Menschen individuelle Unterstützung in Programmen, die Weiterbildung mit praktischer Arbeit verbinden. Der Report lobt auch Kanadas niedrigschwellige Programme für junge Menschen ohne Abschluss. Solche Ansätze senken nachgewiesen die NEET-Ouote in den Ländern und verkürzen die Dauer der Übergangsphasen zwischen Schule und Arbeitsleben.

Analysieren und Ausbildungsplätze vermitteln

Die OECD hebt zudem hervor: Erfolgreiche Länder verknüpfen ihre Arbeitsmarktanalysen mit ihren Bildungsmaßnahmen, um Ausbildungsplätze genau in den Branchen und Regionen zu vermitteln, wo sie gebraucht werden. Der Report nennt die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen als Beispiele. Dänemark etwa identifiziert durch Monitoring schulischer und beruflicher Verläufe frühzeitig gefährdete Jugendliche, die kommunalen Jobcenter greifen auf Arbeitsmarktdaten zu, um Jugendlichen passgenaue Fördermaßnahmen in nachgefragten Berufen zu vermitteln. Auch Schweden ist bekannt für seine Arbeitsvermittlungsagentur, die Arbeitsmarktprognosen zur Planung seiner beruflichen Bildungsangebote nutzt. Die Agentur kontaktiert beispielsweise Schulabbrecher/-innen und integriert sie in Rückführungsprogramme. Auch Finnland verzahnt Kommunen, Schulen und Arbeitsverwaltung regional: Das finnische Programm Ohjaamo hat sich als niedrigschwellige Beratungsstelle für junge Erwachsene und NEETs etabliert. Diese datenbasierten Maßnahmen sorgen dafür, dass weniger junge Menschen dem Ausbildungssystem und dem Arbeitsmarkt verloren gehen - anders als in Deutschland.

Nicht zuletzt müssen auch die deutschen Betriebe und Unternehmen umden-ken, wenn sie wieder Auszubildende für sich gewinnen wollen. Das beginnt bei den Schulabschlussnoten, die manche Betriebe für eine erfolgreiche Bewerbung verlangen. Jan Krüger appelliert an die Vernunft: „Für keinen Ausbildungsberuf existiert eine formale Zugangshürde, das ist nur eine Erwartungshaltung des Betriebes." Betriebe sollten daher auch jungen Menschen eine Chance geben, die sie vor einigen Jahren noch abgelehnt hätten - und diesen gege-benenfalls während der Ausbildung Unterstützung und Nachhilfe ermöglichen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

BILDUNGSPRAXIS – didacta Magazin für berufliche Bildung, Ausgabe 3/2025, S. 10-13, www.bildungspraxis.de



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