Ausgegliedertes Fach "Nationalsozialismus" kontraproduktiv

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt die Ziele der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, Rassismus und Rechtsextremismus mit allen Mitteln auch an der Schule zu bekämpfen. Die pauschalen Vorwürfe gegen Lehrpläne und Lehrkräfte halte sie jedoch für nicht gerechtfertigt, sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. Die Forderung nach einem ausgegliederten Unterrichtsfach "Nationalsozialismus" bezeichnete sie als kontraproduktiv.

03.07.2006 Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Nationalsozialismus und Holocaust seien in allen Bundesländern und allen Lehrplänen ab dem achten, neunten Schuljahr sowie in der Oberstufe fest und ausreichend verankert. "Die Papierlage ist gut. Wie die Lehrpläne im Einzelnen umgesetzt werden, kann nur eine wissenschaftliche Untersuchung klären", sagte Demmer. Die individuelle Erfahrung reiche angesichts von über 15.000 Schulen in der Sekundarstufe I nicht aus.

Dies gelte auch für die Schulen und Lehrkräfte in den östlichen Bundesländern. "Diese unter Generalverdacht der Unkenntnis zu stellen, verkennt vollständig, dass nach der deutschen Vereinigung ein enormer Nachholbedarf bestand", betonte die stellvertretende GEW-Vorsitzende. Darauf sei durch Lehrerbildung und Weiterbildungseinrichtungen in den neuen Bundesländern auch im Verlauf der letzten Jahre im hohen Maße eingegangen worden.

Mittlerweile bestehe in der Diskussion Einigkeit, dass der Unterricht weder mit erhobenem Zeigefinger noch als Schock- und Schuldpädagogik gemacht werden darf. Statt eines zusätzlichen Faches sei ein "Gesamtkonzept Menschenrechtsbildung" sinnvoll, das Fächer übergreifend angelegt ist und am besten bereits im Kindergarten ansetzt. Ein Konzept, das alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Geschlecht und Hautfarbe einbezieht, sei auch für Menschen jüdischen Glaubens der beste Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung.

Info: Das Verlangen nach einem ausgegliederten Unterrichtsfach "Nationalsozialismus" steht im Widerspruch zu Forderungen des Leo-Baeck-Instituts, der zentralen Forschungsstelle für deutsch-jüdische Geschichte. Das Institut hat in einer Studie gefordert, die deutsch-jüdische Geschichte nicht nur als Opfer/Täter-Geschichte zu beschreiben, sondern das ganze Bild einer viele Jahrhunderte dauernden Geschichte zu zeichnen. Bereits im Vorwort der Studie mit dem Titel "Deutsch-jüdische Geschichte im Unterricht - Orientierungshilfe für Lehrplan- und Schulbucharbeit sowie Lehrerbildung und Lehrerfortbildung" wird beklagt, dass die deutsch-jüdische Geschichte in Lehrplänen, Schulbüchern und im Unterricht immer noch "sehr unvollständig und einseitig behandelt" wird und "Juden zumeist nur als Objekte, Verfolgte und Opfer des Holocaust (erscheinen)". Ein eigenes Unterrichtsfach würde einer solchen Betrachtung Vorschub leisten. Die Studie ist unter Mitarbeit des Zentralrats der Juden in Deutschland erschienen.


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