Desaster am Ausbildungsmarkt nicht schön reden

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, hat die Situation auf dem Ausbildungsmarkt als "Desaster" bezeichnet. "Sie ist für jugendliche Schulabgänger alles andere als ermunternd und bei Weitem nicht so positiv, wie sie von Verantwortlichen dargestellt und in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird." Wenzel kritisierte, dass es "nichts bringt, die Zahlen schöner zu reden als sie tatsächlich sind." So könne nicht von einer "Lehrstellenflut" gesprochen werden, ebenso wenig von einem "ausreichenden Lehrstellenangebot".

18.10.2007 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Besonders bedrückend sei die riesige Zahl von 46.000 sog. Altbewerbern, also Jugendlichen, die in den vergangenen Jahren keinen Ausbildungsplatz ergattern konnten und immer noch suchen. Wenzel: "Die jungen Menschen müssen wissen woran sie sind. Sie müssen aber auch wahrnehmen können, dass sich Politik und Wirtschaft ernsthaft um eine Entspannung am Ausbildungsmarkt bemühen und Perspektiven eröffnen wollen. Mit Rhetorik ist ihnen nicht gedient."

Die vergangene Woche in München vorgestellten Zahlen sind nach Auffassung des BLLV alles andere als positiv, sondern erschütternd: So gab es nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung 122.000 Schulabgänger, die sich für eine berufliche Ausbildung interessierten plus über 46.000 "Altbewerber", die die Schule bereits ein oder mehrere Jahre zuvor verlassen hatten. Insgesamt suchten damit im Berufsberatungsjahr 2006/07 rund 168.000 Jugendliche eine berufliche Ausbildung. Davon fanden aber nur rund 105.000 Jugendliche einen Ausbildungsplatz, weitere 17.000 wechselten in eine Fachoberschule - die übrigen 46.000 jungen Schulabgänger gingen leer aus. Der erschreckend hohe Sockel der "Altbewerber" blieb gleich und konnte nicht abgebaut werden.

Bei den Arbeitsagenturen wurden nach eigenen Angaben 108.000 Bewerber registriert - das heißt, dass sich von den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchten, lediglich 64% bei einer Arbeitsagentur gemeldet hatten, die anderen suchten selbst. Als alarmierend bezeichnete es Wenzel, dass von den 108.000 gemeldeten Bewerbern nur 54.000 in eine Ausbildung zu einem anerkannten Beruf vermittelt werden konnten. "Ein großer Teil der nicht Vermittelten landete in Berufsvorbereitungsmaßnahmen, Grundbildungslehrgängen oder absolvierte Praktika, die keine anerkannte Berufsausbildung darstellen."

Die Chancen auf eine Berufsausbildung sind regional sehr unterschiedlich. Kamen im Jahr 2006/07 in Oberbayern auf 100 Bewerber rechnerisch 100 Ausbildungsstellen, so gab es in fünf anderen Bezirken nur zwischen 72 und 67 Stellen für 100 Bewerber. In Oberfranken sogar nur 56. Der BLLV-Präsident kritisierte, dass 2006/07 nur 237 Auszubildende in den Genuss einer Mobilitätshilfe von 150 Euro für eine wohnortferne Ausbildung gekommen waren. "Es ist Aufgabe des Staates, jedem in jeder Region eine faire Chance auf einen Ausbildungsplatz zu geben", mahnte Wenzel an.

Trotz 11% mehr gemeldeter Ausbildungsstellen haben die bayerischen Arbeitsagenturen bei fast gleicher Bewerberzahl 10% weniger Jugendliche in Ausbildung vermittelt als im Vorjahr. Offensichtlich konnte die Effektivität der Vorjahre nicht mehr erreicht werden. Zudem gab die bayerische Regionaldirektion der Arbeitsagenturen trotz mehrfacher Nachfragen des BLLV bis heute keine Auskunft über die Differenz von einerseits 81.000 gemeldeten Stellen und andererseits 54.000 vermittelten und rund 6.000 noch freien Stellen. "Immerhin handelt es sich um 21.000 Ausbildungsstellen, die aus der Statistik verschwunden sind - ein Viertel der gemeldeten Stellen insgesamt."

Wenzels Fazit: "Die Zahl der von Betrieben zur Verfügung gestellten Ausbildungsplätze orientiert sich nicht an der Nachfrage der Jugendlichen, sondern wird geprägt von der wirtschaftlichen Konjunktur. Der Freistaat nimmt seine subsidiäre Aufgabe bei der Sicherung einer Berufsausbildung, die für alle als unverzichtbare Grundlage einer eigenständigen Lebensführung ist, nur unzureichend wahr. Die Vermittlung in Warteschleifen der beruflichen Bildung verschlingt bei ungewissen Qualifizierungseffekten Unsummen. Über 200 Mio. € gab die Regionaldirektion Bayern für berufsvorbereitende und ausbildungsbegleitende Maßnahmen aus. Das Land Bayern investierte lediglich 23 Mio. Euro für sein Programm. Die Jugendlichen sind den regional und schulartspezifisch unterschiedlichen Ausbildungschancen hilflos ausgeliefert.

Wer den knapp 50.000 Jungendlichen, für die keine Ausbildungsplätze vorhanden sind, unterstellt, sie seien nicht ausbildungsfähig oder nicht ausbildungswillig, stigmatisiert die Opfer eines ungerechten System."


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